Hussein Kurji hat in der Schweiz Hotellerie und Betriebswirtschaft studiert und ist dann ins Medienfach gewechselt – mit großem Erfolg.

Kenia: Guter Riecher für Absurditäten

Eine Comedy-Serie aus Afrika – das stand am Anfang von Hussein Kurjis Projekt. Als Stoff wählte er das wuchernde Biotop von privaten Hilfsorganisationen. So entstand die Persiflage „The Samaritans“.

Die Verabredung mit Hussein Kurji in einem trendigen Coffeeshop von Nairobi ist keine Minute überfällig, da summt schon das Telefon. „Wir hatten ein Treffen vereinbart“, sagt die Stimme am anderen Ende – nicht unfreundlich, sondern eher fragend, ob der Journalist möglicherweise verhindert sei. Aber der ist nur gerade dabei, das Auto zu parken.

Autor

Markus M. Haefliger

ist Afrika-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und lebt in Nairobi.
Der Sinn für minutengenaue Pünktlichkeit hat in Kenias Haupt­stadt Seltenheitswert. Kurji hat in der Schweiz Hotellerie und Betriebswirtschaft studiert und ist grenzübergreifende Besprechungen mit Film- und Werbeunternehmen per Skype gewohnt. Da muss man zur rechten Zeit online sein. Außerdem jagen sich in seinem Kalender derzeit die Termine. Das sei plötzlich geschehen, sagt der 35-jährige Kenianer. Im Februar hatte die internationale Internet-Publikation „Africa is a Country“ die ersten zwei Folgen von Kurjis Comedy-Serie „The Samaritans“ besprochen. Seither melden sich reihenweise ausländische Medien und Fernsehkanäle und bitten um ein Interview.

Kurjis Idee trifft offensichtlich auf ein Bedürfnis. Das Helfersyndrom, an dem Mitarbeiter von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) mitunter leiden, und die damit verknüpften Klischees von immerzu bedürftigen Hilfeempfängern gehen nicht nur jungen Afrikanern auf die Nerven – aber ihnen ganz besonders. Schon vor anderthalb Jahren hatte eine Gruppe von Studenten aus Südafrika und Norwegen den filmischen Sketch „Africa for Norway“ gedreht, der auf YouTube fast zweieinhalb Millionen Mal angesehen wurde.

In einer satirischen Umkehrung der Verhältnisse werben darin Popsänger für Erbarmen mit Norwegen, denn: „frostbites kill too“ (auch Frostbeulen können tödlich sein). Freiwillige ziehen von Tür zu Tür und sammeln Heizkörper für die große Norwegen-Spende.

„The Samaritans“ knüpft inhaltlich an den Sketch an, verspricht aber einen längeren Atem. Fünf Staffeln mit je einem Dutzend Folgen will Kurji in den nächsten fünf Jahren produzieren. Die ersten beiden Episoden, die seit Februar gegen eine Gebühr im Internet erhältlich sind, wurden bereits von 5000 Interessenten heruntergeladen. Mit 113.000 Klicks innerhalb eines Monats ist der Trailer das in Kenia am häufigsten besuchte Video auf YouTube.

Im Zentrum der Handlung steht das Kenia-Büro einer ausländischen NGO, die sich Aid for Aid nennt und laut dem Werbemotto der Serie „nichts tut“. Die als Pilotsendung konzipierte erste Folge beginnt damit, dass aus der britischen Zentrale Scott Bartley (Liam Acton) eingeflogen wird. Er soll einen in Ungnade gefallenen Bürochef ablösen. Der neue Chef, ein Ekel, wirft mit politisch korrekten Phrasen um sich, ohne zu merken, wie hohl sie aus seinem Munde klingen.

Sein Projekt hat Kurji mit Crowdfunding angeschoben. Innerhalb von drei Wochen kamen 10.700 US-Dollar zusammen

Die Mitarbeiter von Aid for Aid sind vor allem mit sich selber beschäftigt. Im Zentrum der zweiten Folge steht ein Brainstorming. Es soll für den vom neuen Chef versprochenen „BFG“ (Big Friggin’ Grant), also einen ehrgeizigen Hilfsappell an die Adresse von Spendern, eine flotte Bezeichnung für ein Aktionsprogramm hervorbringen. Die Mitarbeiter legen sich ins Zeug, schließlich geht es um die eigenen Saläre. Mehr zufällig beendet der Finanzchef des Büros, Malik (Sadruddin Chandani), den intellektuellen Leerlauf. Er schlägt als Bezeichnung Food Efficiency and Economic Development vor, kurz FEED (ernähren). „Eine gute Abkürzung ist die halbe Miete“, lobt der Chef.

Kurji sagt, er habe eigentlich gar nichts gegen NGOs. Viele leisteten gute Arbeit. „Wenn wir die gute Seite von NGOs aufzeigen wollten, würden wir einen Dokumentarfilm machen. Aber wir wollen die Leute zum Lachen bringen.“ Die Form der Comedy erlaube es, zu übertreiben, meint er. Anschauungsmaterial gibt es in Kenia mehr als genug. Laut dem nationalen NGO Coordination Board sind in dem Land insgesamt 5000 in- und ausländische Hilfsorganisationen registriert.

Als realsatirisches Beispiel nennt Kurji die im vergangenen Jahr aufgeflogene Geschichte einer texanischen Organisation, die Geld für die Rettung der vom Aussterben bedrohten Nashörner sammelte. Dafür veranstaltete sie eine Auktion, bei der als Höchstpreis eine Reise nach Namibia winkte – mitsamt der Jagd auf ein Nashorn.

In Afrika kursieren viele solche Geschichten. Vor einigen Jahren suchte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Darfur nach Mitteln und Wegen, die umweltschädigenden Folgen der Herstellung von Backsteinen einzudämmen – bis sich herausstellte, dass die örtlichen UNEP-Mitarbeiter die einzigen waren, die Backsteine nachfragten.

Kurjis beruflicher Hintergrund liegt in Internet-Medien, nicht im künstlerischen Bereich von Filmproduktionen. Seine Firma Xeinium Productions stellt Werbefilme, Spezialeffekte, Animationen und Webdesigns her. Oft stehe der Brotjob im Vordergrund, sagt Kurji, aber derzeit verbrächten er und sein Geschäftspartner Salim Keshavjee, der auf dem Set Regie führt, die meiste Zeit mit „The Samaritans“. Kurji hatte das Projekt im September 2012 durch freiwillige Beiträge im Internet, sogenanntes Crowdfunding, anschieben können. In drei Wochen kamen 10.700 US-Dollar zusammen.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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