Unsere Somalis, fremde Somalis

In Kenia leben viele Menschen somalischer Herkunft. Viele fühlen sich als Kenianer, zugleich aber auch ausgegrenzt im eigenen Land. Und auch zwischen den Somalis gibt es unsichtbare Barrieren.

Mit den Flüchtlingen aus Somalia und vor allem mit der Zuwanderung in die Städte haben sich die negativen Stereotype gewandelt, mit denen Somalis in Kenia konfrontiert werden. Zum einen werden sie immer wieder als islamische Extremisten dargestellt, die den Terrorismus nach Kenia brächten. Nach jedem Anschlag, wie zum Beispiel im Herbst 2013 auf die Westgate Shopping Mall in Nairobi, verschlechtert sich die Situation von somalischen Flüchtlingen und von kenianischen Somalis: Sie geraten pauschal in Verdacht und leiden unter Übergriffen der Polizei.

Zum anderen beäugen viele Kenianer argwöhnisch die starke wirtschaftliche Präsenz somalischer Händler in den Städten: Es herrscht die diffuse Furcht, Somalis versuchten die kenianische Wirtschaft an sich zu reißen. Oft wird deren Erfolg mit Vermögen aus der Piraterie in den Gewässern am Horn von Afrika in Verbindung gebracht. Dieses Stereotyp bezieht sich vor allem auf Flüchtlinge beziehungsweise Zuwanderer aus Somalia.

Dabei wird häufig übersehen, dass auch viele kenianische Somalis wirtschaftlich erfolgreich sind. Die ökonomisch erfolgreichen Migranten aus Somalia wiederum kommen oft aus reichen, etablierten Familien und können ihr Vermögen sowie ihre Geschäftserfahrung und Kontakte in Kenia nutzen.

So lernte ich 2011 in Mombasa einen Hotelbesitzer kennen, der für den Kauf des Hotels von einem indischen Vorbesitzer und für die Renovierung fast eine halbe Million US-Dollar bezahlt hatte. Der Mann stammte aus einer Politikerfamilie, deren Karriere bis in die Kolonialzeit zurückreichte.

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen Abgrenzung eine große Rolle spielt

Die Familie war zunächst über Ägypten nach Dubai geflohen und gehört nun zur kleinen, aber auffälligen und relativ reichen Gruppe der nach Ostafrika zurückgekehrten Somalis. Oft handelt es sich um finanziell besser gestellte Familien mit Kindern, die sich nach dem Willen der Eltern nicht völlig von Somalia lösen sollen. Da das Leben in Somalia noch zu unsicher ist, gehen diese Familien häufig in das benachbarte Kenia.

Der somalischen Bevölkerung in Kenia gelingt es in ruhigen Zeiten relativ gut, als Teil der kenianischen Gesellschaft zu leben. Einige Somalis gehören zum Establishment und haben es geschafft, wichtige politische und wirtschaftliche Posten zu besetzen. Aber es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Abgrenzung eine große Rolle spielt: Als der Zensus 2009 zeigte, dass die Gruppe der Somalis deutlich stärker gewachsen war als andere Gruppen, wurden in der öffentlichen Debatte sofort somalische Flüchtlinge verdächtigt, sie hätten kenianische Pässe gekauft. Die Somalis wurden wieder pauschal in die Rolle des „ambivalenten Staatsbürgers“ gedrängt.

Noch schwieriger stellt sich die Situation nach Anschlägen dar, wenn jeder Somali sofort unter Verdacht gerät. Viele Kenianer unterscheiden dabei prinzipiell zwischen „unseren“ und den „fremden“ Somalis, doch wird auch den ersteren oft abgesprochen, echte Kenianer zu sein. Das bringt selbst überzeugte Kenianer unter den Somalis dazu, ihre Position zu überdenken. So hatte Abdi immer betont, er wolle nur in Kenia leben. Doch bei unserem letzten Treffen erzählte er mir, er überlege, ob er sich nicht doch um ein Visum für die USA bemühen solle.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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