Ausgegrenzte Völker

Die meisten indigenen Völker sind Minderheiten in ihrem Staat. Seit langem streiten sie für ihr Selbstbestimmungsrecht, das die UN-Generalversammlung vor sieben Jahren schließlich anerkannt hat – auf dem Papier. Eine Weltkonferenz im September soll helfen, es auch umzusetzen, doch sie droht jetzt zu scheitern.

John Ashe stammt aus dem karibischen Inselstaat Antigua und Barbuda. Niemand glaubt, dass er aus eigenem Antrieb gehandelt hat. Schon seine Vorgänger standen unter starkem Druck: Russland, China, Indien, Malaysia und Indonesien gehören zu den Staaten, die sich gegen jede Aufwertung der Indigenen im UN-System zur Wehr setzen. Unterstützt werden sie von vielen afrikanischen Staaten.

Rückzugsräume an der Grenze

In mehr als einem Drittel aller Staaten leben heute indigene Völker. Deren Zahl wird auf insgesamt rund 5000 geschätzt, zwischen 300 und 500 Millionen Menschen sollen weltweit dazugehören. Genau kann man…

„Da gibt es zum einen politische Gründe“, weiß Henriksen. „Indigene Bevölkerungsgruppen sind eine gewisse Herausforderung für das Konzept des Nationalstaats: Indem sie über ihre Belange selbst entscheiden, entmachten Indigene die Zentralregierung.“ Sie hat gleichsam auf einen Teil ihres Territoriums nur eingeschränkt Zugriff.

Die Angst vor Aufständen indigener Minderheiten spiele in Ländern wie China und Russland ebenso eine Rolle wie mögliche Sezessionsforderungen – ein Thema, das unter anderen Vorzeichen auf der Krim neue Aktualität erlangt hat. Doch im Kern gab es all diese Probleme auch vor sieben Jahren schon, als die UN-Generalversammlung sich für die Selbstbestimmungsrechte indigener Völker aussprach. Warum also hat sich die Lage derart zugespitzt, dass derzeit sogar ungewiss ist, ob die Weltkonferenz stattfindet?

Lola Garcia-Alix glaubt, die Antwort zu kennen. Die energiegeladene Frau ist Direktorin der Internationalen Arbeitsgruppe für indigene Angelegenheiten, einer der renommiertesten nichtstaatlichen Organisationen in ihrem Feld. Seit Jahrzehnten setzt sie sich für die Rechte von Indigenen ein. Doch so hart wie heute war es noch nie, sagt sie. „Der Hunger von Regierungen nach Ressourcen, teils geschürt von globalen Konzernen, hat fatale Folgen für indigene Gruppen“, erklärt sie.  „Manche Regierungen stehen Indigenen eigentlich aufgeschlossen gegenüber. Aber sobald diese im Weg sind und zu verhindern drohen, dass Bodenschätze zu Gunsten der größten Bevölkerungsgruppe ausgebeutet werden, wendet sich das Blatt.“

Zu den klassischen Bodenschätzen sind neue hinzugekommen, allen voran Land und Wasser – Ressourcen, die neuerdings global verschachert werden. Landgrabbing treffe oftmals indigene Bevölkerungsgruppen, die ohnehin diskriminiert würden und sich nicht wehren könnten. „Indigene sind auf der ganzen Welt Opfer von Menschenrechtsverletzungen, sie sind sozial ausgegrenzt und gehören zu den Ärmsten der Armen“, bilanziert Garcia-Alix.

Auch in West-Papua sind Bodenschätze ein Hauptgrund für die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, glaubt der Aktivist Jeffrey Bomay. Die Freeport McMoRan-Mine, in der Gold und Kupfer gefördert werden, gehört zu den wichtigsten Devisenquellen der indonesischen Regierung. Die Gewinne fließen in die Hauptstadt, während die wenige in West-Papua vorhandene Infrastruktur verfällt. „Deswegen überrascht es mich überhaupt nicht, dass die indonesische Regierung kein Interesse an einer Weltkonferenz hat, die die Rechte indigener Völker stärken könnte“, sagt Bomay.

Und die Rechtslage ist eindeutig. Der Artikel 26 der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker gibt diesen das Recht, das Land und die Ressourcen „zu besitzen, zu nutzen, zu erschließen und darüber zu verfügen“, die „ihnen traditionell gehören“, die sie „auf sonstige Weise traditionell innehaben oder nutzen“ oder die sie „auf andere Weise erworben haben“. „Wir wollen bei der Weltkonferenz keine neuen Rechte erstreiten“, sagt denn auch John Henriksen. „Wir wollen nur umsetzen, was längst beschlossen wurde.“

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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