Im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari wird eine Syrerin physiotherapeutisch behandelt. Viele der im Krieg Verletzten und Behinderten finden kaum Hilfe.

Syrien: Wieder laufen lernen

Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist inzwischen auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land. Viele von ihnen sind verletzt oder behindert.

Zahlreiche Opfer militärischer Gewalt, aber auch Opfer von Unfällen werden in Syrien entweder gar nicht oder erst sehr spät und unzureichend behandelt. Viele von ihnen bleiben deshalb gelähmt oder verlieren Gliedmaßen. „Ich habe Patienten in meiner Praxis gesehen, die von Tierärzten amputiert worden sind. Oder von Metzgern“, sagt ein syrischer Arzt in Amman, der anonym bleiben möchte.

Einige große internationale Hilfsorganisationen sind zwar nach wie vor in Syrien tätig, darunter Ärzte ohne Grenzen, medico international und Handicap International. Doch sie erreichen nur einen Bruchteil der Patienten – weil das syrische Regime den Zugang verweigert, weil gekämpft wird oder weil das Geld fehlt. Laut einer aktuellen Studie von Handicap International hatten 2013 in Syrien fast 90 Prozent der sogenannten „neu verletzten“ Opfer von Artilleriebeschuss keinen Zugang zu Rehabilitationsmaßnahmen. 25 Prozent der befragten Neuverletzten waren amputiert worden. Mindestens sieben Prozent hatten schwere Nervenverletzungen mit Lähmungen.

Schätzungen rechnen in Syrien mit 200.000 Amputierten

Der Umgang mit den seelisch und körperlich traumatisierten Menschen ist auch für erfahrene Fachleute eine Herausforderung. Handicap International schätzt, dass mehr als ein Drittel aller syrischen Flüchtlinge besonderen Schutz brauchen, weil sie verletzt, behindert oder chronisch krank sind.

Inoffizielle Schätzungen rechnen mit 600.000 Kriegsverletzten und 200.000 Amputierten in Syrien. Allein in Jordanien und im Libanon müssen nach Berechnungen von Handicap International rund 60.000 syrische Flüchtlinge mit dauerhaften körperlichen Einschränkungen rechnen.

Viele chronisch kranke beziehungsweise schwer verletzte syrische Flüchtlinge haben derzeit im Ausland bessere Chancen auf eine adäquate Behandlung. Doch trotz teilweise enger Koordination zwischen internationalen und nationalen Hilfsorganisationen, UN-Agenturen und den jeweiligen Regierungen der Länder kann die Hilfe längst nicht immer so zugeschnitten werden, wie die Einzelnen es brauchen. „Ich habe eine Beinverletzung, die schlecht verheilt ist“, erzählt Dallal, eine junge Syrerin aus Deraa. Sie kam nach ihrer Flucht nach Jordanien zunächst im Lager Zaatari unter. „Im Lager bekam ich zwar Physiotherapie. Aber dorthin musste ich fast einen Kilometer über steinigen Untergrund laufen. Wenn ich danach in unser Zelt zurückkam, war mein Fuß dicker als vorher.“

Dallal ist keine Ausnahme. Umso wichtiger sind die kleinen, privaten Initiativen, die unbürokratische Einzelfallhilfe leisten – wie das Rehabilitationszentrum des Vereins Syrian Women Across Borders. Fünf Exilsyrerinnen aus Jordanien, England, den USA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sich über Facebook kennengelernt hatten, gründeten den Verein Ende 2012 in Amman. Sie mobilisierten private Spender, die teilweise große Summen gaben, kauften Krankenbetten, medizinisches und physiotherapeutisches Gerät und suchten ein passendes Gebäude.

Inzwischen werden im Zentrum des Vereins 25 Patienten stationär und 15 weitere ambulant behandelt. „Wir sind kein Krankenhaus, unsere technischen Möglichkeiten sind begrenzt“, erklärt die 32-jährige Apothekerin Samara Atassi, eine der Gründerinnen. „Aber wir versuchen, den Patienten das Gefühl zu geben, dass sie dazugehören, trotz ihrer Verletzungen.“

In der Vergangenheit hätten viele ihrer Landsleute Behinderungen als Makel betrachtet. Diese Sichtweise und auch die Sprache müssten sich ändern. Begriffe wie „Behinderte“ oder „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ lehnt Atassi ab. „Das sind Schubladen. Sprechen wir von Verletzten, oder nennen wir die Befunde beim Namen.“

In Zukunft müsse man dafür sorgen, dass die Gesellschaft allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht, betont Atassi. Etwas anderes will sich auch die Bäuerin Randa nicht vorstellen. „Manchmal weine ich, weil ich traurig bin und weil ich Schmerzen habe. Die Behandlung dauert so lange und ich vermisse meine Kinder.“ Aber sie habe schon telefoniert. „Mein Mann hat Bilder von mir gesehen, und er sagt, dass er mich immer noch schön findet“, sagt Randa. „Ich werde vielleicht nicht mehr so hart  arbeiten können wie früher. Aber ich werde mich ganz bestimmt nicht verstecken.“

*Die Namen von Patienten und Angehörigen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

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