Mutter und Sohn beim Baden im persischen Golf. Frauen stehen im Iran unter großem Druck, ein Kind zu bekommen.

Iran: Retortenbabys mit Allahs Segen

Die geistlichen Führer des Landes heißen künstliche Befruchtungen gut. Doch manchen geht die revolutionäre Bioethik der strengen Ajatollahs zu weit.

Es herrscht hoher Betrieb in der privaten Fruchtbarkeitsklinik in der südiranischen Stadt Schiras. Die Mitarbeiterin am Empfang hat Mühe, die Patientinnen unterzubringen. Auf einem Kaminsims steht eine gerahmte Fatwa von Ajatollah Ali Chamenei, die Samen- und Eizellspenden religiös rechtfertigt. Offenbar soll sie den Frauen versichern, dass der Oberste Führer des Irans ihr Vorhaben billigt.

Viele haben eine weite Reise auf sich genommen. Im Wartezimmer tauschen sie Geschichten aus über Behandlungen, Medikamente und ihre Anstrengungen, ein Kind zu empfangen. „Vor fünf Jahren konnte ich mir das noch nicht leisten, aber ich habe bis jetzt gespart und bin bereit, es zu versuchen“, sagt eine von ihnen.

Autorin

Azadeh Moaveni

ist freie Journalistin in London. Ihr Beitrag ist im Original bei „Foreign Policy“ (www.foreign-policy.org) erschienen.
Während sich die Augen der Welt auf das iranische Atomprogramm richteten, hat das Land im Stillen an einer ganz anderen „Superwaffe“ gebastelt. Die Islamische Republik – regiert von strengen Mullahs, die den Fortschritt bei der einheimischen Produktion bis hin zum Bau von Flughäfen ausbremsten, – hat sich unerwartet zum Zentrum von Fruchtbarkeitsbehandlungen im muslimischen Nahen Osten entwickelt. Mehr als 70 Kliniken im Iran versprechen kinderlosen Paaren aus der ganzen Region Hilfe, Sunniten ebenso wie Schiiten.

Die Einrichtungen stellen das traditionelle Verständnis von Elternschaft und Ehe infrage und tragen dazu bei, Tabus im Hinblick auf sexuelle Gesundheit abzubauen. Die konservativen Nachbarn des Iran reagierten bestürzt. „Die Ärzte am Golf sind entsetzt darüber, dass die Iraner dies zugelassen haben“, erklärt Soraya Tremayne, Professorin an der britischen Oxford-Universität. „Sie sagen, dass sie das bei sich niemals zulassen würden.“

Bei Generationen von Iranern hat Unfruchtbarkeit Seelen und Ehen zerstört. Daran erinnern Filme wie „Leila“ von Dariush Mehrjui, in dem eine hinterhältige Mutter ihren Sohn nötigt, sich eine Zweitfrau zu nehmen, als seine erste Frau nicht schwanger wird. Die erste Frau stimmt dem Plan zu, doch die Ehe geht kaputt. Am Ende hat der Mann zwar ein Kind, ist aber einsam. Der Film kam wenige Jahre vor Chameneis Fatwa von 1999 heraus und fand großen Anklang bei vielen iranischen Frauen und Männern, deren Ehe kinderlos war.

Die Unfruchtbarkeitsrate ist im Iran sehr hoch

Wie in anderen Ländern des Nahen Ostens ist die Unfruchtbarkeitsrate im Iran sehr hoch. Laut einer Studie einer der führenden Fertilitätskliniken des Landes können mehr als 20 Prozent der iranischen Paare keine Kinder bekommen; weltweit sind es acht bis zwölf Prozent. Die Ursache dafür sind nach Einschätzung von Experten die häufigen Ehen unter Blutsverwandten. Männliche Unfruchtbarkeit sei „das verborgene Drama des Nahen Ostens“, sagt Marcia Inhorn, medizinische Anthropologin an der Yale-Universität.

Ein Ehepaar – vor allem die Frau – steht nach wie vor unter hohem Druck, Kinder zu bekommen. „Wir leben in einer orientalischen Gesellschaft, und Kinder zu haben, ist in unserer Kultur weiterhin von großer Bedeutung“, erklärt die Ärztin Sara Fallahi, die in einer der drei Kinderwunschkliniken in Schiras arbeitet. „Selbst die Generation, die später heiratet und kleinere Familien möchte, will meist unbedingt mindestens ein Kind“, weiß die Medizinerin aus vielen Gesprächen.

Die erste iranische Klinik für die sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF), die Befruchtung im Reagenzglas, wurde vor mehr als 20 Jahren in Yazd, einer Wüstenstadt im Zentraliran, eröffnet. Sie erlebte sofort einen großen Andrang. Mitte der 2000er Jahre war sie so populär, dass die Warteschlangen bis vor die Tür reichten. Paare, die aus ländlichen Gegenden angereist waren, lagerten draußen in der Hoffnung, einen Termin zu bekommen. Später öffneten weitere Kliniken in Teheran und im ganzen Land.

Die IVF wurde schnell auch in anderen Teilen des Nahen Ostens akzeptiert. Die Ärzte mussten sich jedoch an religiöse Regeln halten, die weitergehende Formen der Fruchtbarkeitsbehandlung verbieten. Bei der klassischen IVF wird ein Ei in einem Labor mit Spermien befruchtet und der Embryo anschließend in die Gebärmutter eingesetzt. Dabei müssen sowohl das Ei als auch das Sperma lebensfähig sein. Ist das nicht der Fall, wird eine Eizellspenderin oder ein Samenspender benötigt. Im Islam ist die ethische Beurteilung einer solchen Behandlung unklar: Am Anfang hatten viele Patienten Sorge, sie würden Ehebruch begehen oder die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgehen, wären unehelich.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

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