Wunderbar einfach

Wenn Entwicklungshilfegeber in armen Ländern eine Straße oder ein Wasserwerk finanzieren, kommt häufig die beste und teuerste Technologie zum Einsatz. Dabei wäre es sinnvoller, einfachere und weniger kapitalintensive Technik zu verwenden und so mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Doch die Politik und die Profiteure der bisherigen Praxis in reichen und armen Ländern verhindern einen Kurswechsel.

Die Technologien für Infrastrukturprojekte der finanziellen Entwicklungszusammenarbeit kommen fast ausnahmslos aus Industrieländern, etwa Bagger, Räumgeräte und Lastwagen. Sie sind in aller Regel kapitalintensiv ausgelegt, weil das den Kostenverhältnissen von Arbeit und Kapital in Industrieländern entspricht: Arbeit ist relativ teuer, Kapital billig und verfügbar – also konstruiert die Industrie Technologien, in denen viel Kapital steckt und die mit wenig Arbeitskraft auskommen. In armen Entwicklungsländern ist es umgekehrt: Die menschliche Arbeit ist relativ billig und beliebig verfügbar, Kapital jedoch knapp und relativ teuer.

Autor

Hans-Gert Braun

war Professor der Volkswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart und Chefvolkswirt der DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft. 2010 erschien sein Buch „Armut überwinden durch Soziale Marktwirtschaft und Mittlere Technologie. Ein Strategieentwurf für Entwicklungsländer“.
Arbeitsintensive, kapitalsparende Technologien hätten deshalb den Vorteil, dass arme Länder sie leichter selbst finanzieren und mit ihrem Einsatz viele Jobs geschaffen werden könnten.

Es gibt zwar Bereiche, in denen man auf den Einsatz moderner kapitalintensiver Technologien nicht verzichten kann. Wenn ein Entwicklungsland Produkte exportieren will, so bestimmt in der Regel der Weltmarkt die Qualitätsstandards. Exporteure von Obst, Gemüse und Schnittblumen etwa brauchen verlässliche Kühltechnik. Auch wenn hohe Sicherheitsstandards zu erfüllen sind, geht es nicht ohne modernste und kapitalintensive Technologien, etwa im Kraftwerks- oder Staudammbau.

Aber im Straßen- oder Eisenbahnbau, in der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung könnte kapitalintensive Technologie häufiger durch arbeitsintensive Technologien ersetzt werden. Für die Zweifler sei an den eindrucksvollen Neubau von Chandigarh erinnert, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Punjab: Der Schweizer Architekt Le Corbusier ließ die moderne Regierungshauptstadt mit heute 1,5 Millionen Einwohnern in den 1950er Jahren mit kompletter wirtschaftlicher und sozialer Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahn, Krankenhäusern und Schulen von bis zu 30.000 Arbeitern mittels archaischer Technologie errichten. Steine, Beton und Mörtel wurden in Körben auf dem Kopf getragen, teilweise wurden auch Esel und Ochsenkarren eingesetzt. Statt Baukränen oder Lastenaufzügen wurden Menschenketten gebildet, die auf Leitern oder Holzstiegen stehend die Baumaterialien von Hand zu Hand weiterreichten.

Aus entwicklungspolitischer Sicht ist der Mut von Le Corbusier und seinem Team vielleicht noch mehr zu würdigen als seine architektonischen Leistungen. Für Indien war es die einzige Möglichkeit, die Kosten des Baus von Chandigarh im verkraftbaren Rahmen zu halten. Der Rückgriff auf diese Technologie erlaubte allerdings nur Arbeitsbedingungen und Löhne, die hart an der Grenze der Menschenwürde lagen.

Das aber muss nicht so sein. Denn zwischen den damals eingesetzten archaischen Mitteln und modernster kapitalintensiver Technologie gibt es viele Zwischenformen von mittlerer Technologie, die mit einem Kapitaleinsatz pro Arbeitsplatz von 500 bis 5000 Euro auskommen. Das ist deutlich weniger als der Einsatz moderner Maschinen kostet, für die Arbeitsplatzkosten von 100.000 Euro oder mehr anfallen. Aber es ist mehr als bei archaischer Technologie. Der Einsatz mittlerer Technologien erhöht einerseits die Produktivität jedes Arbeiters. Andererseits macht er es möglich, viele Menschen zu beschäftigen und ihnen menschenwürdige Löhne zu zahlen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2014: Gesichter der Karibik

Neuen Kommentar schreiben