Haare, die die Welt bedeuten

Früher wurden die Rastafaris auf Jamaika verspottet, heute wehren sie sich gegen den Ausverkauf ihrer Kultur. Unter den Rastalocken steckt mehr als ein Geschäftsmodell. Es geht um gelebte Systemkritik.

Die Rastafari-Bewegung ist seit Jahrzehnten von einer mystischen Faszination umgeben. Ihre unerwartete Entstehung in den Armenvierteln von Kingston ist Teil davon. Mit dem zunehmenden Interesse an einer natürlichen Lebensweise hat die Bewegung selbst für ihre Kritiker erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Bemühungen der jamaikanischen Regierung und anderer Religionsgemeinschaften, die Rastafari-Bewegung auf den Westindischen Inseln zu unterdrücken, waren weitgehend erfolglos. All jene, die sie als flüchtige Modeerscheinung abtaten, warten noch immer auf ihren Untergang.

Frauen stehen auf Männer mit ­Rastalocken: Die Geschäftsidee „Rent a Dread“ war geborenSergio Pitamitz / Picture Alliance / DPA
Im Gegenteil: Die Bewegung ist seit den 1970er Jahren stark gewachsen. Das liegt einerseits an den Lehren ihrer Wegbereiter wie Marcus Garvey, der für die Befreiung der schwarzen Bevölkerung eintrat, und andererseits an ihren Protagonisten wie dem legendären Reggae-Musiker Bob Marley. In jüngerer Zeit sind zur langen Liste ihrer Anhänger Pädagogen, Parlamentarier, Wissenschaftler und internationale Schönheitsköniginnen hinzugekommen. Sie haben dem Rastafari-Kult ein anderes Gesicht gegeben.

Die Rastas sehen die Bewegung heute als eine Lebensweise, die sich auf ein natürliches Leben konzentriert statt auf politische Ziele. „Es ist die Art und Weise, wie man lebt, und es sind die Dinge, die man Tag für Tag tut“, sagt Tsehai Scott. Dazu gehöre, in Harmonie mit den Menschen und der Natur zu leben und eine Verbindung zum „Allerhöchsten“ aufzubauen. „Das ist für unser Wachstum und unsere spirituelle Entwicklung wichtig, die sich auf unsere ganze Existenz auswirkt.“

Scott wurde in eine Rasta-Familie in Jamaika geboren. Der Lebensstil ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen, obwohl sie mit zehn Jahren zu ihrer Großmutter zog und dort eine andere Lebensweise kennenlernte. „Später beschloss ich dann, zum Rastafarianismus zurückzukehren“, erklärt sie. Heute prägt die Kultur jeden Aspekt ihres Familienlebens, obwohl drei der acht Kinder, die sie und ihr Ehemann zusammen haben, keine Rastas sind. „Sie haben sich zwar dagegen entschieden, Locken zu tragen. Aber durch unseren Lebensstil haben sie ein Fundament für die grundlegenden Gesetze des Lebens bekommen“, sagt sie.

Scott betreibt zusammen mit anderen ein erfolgreiches vegetarisches – oder „ital“ – Restaurant. Die Speisen der Rastafari werden „Ital Food“ genannt, weil sie frei von Chemikalien und Konservierungsstoffen sind, nicht aus Dosen kommen und meistens roh verzehrt werden. Scott ernährt sich nicht nur natürlich, sondern benutzt auch kein Make-up, isst kein Fleisch und trägt Dreadlocks. Andere Rastas seien viel radikaler und weigerten sich, irgendetwas zu benutzen, was behandelt oder industriell verarbeitet sei, zum Beispiel Deodorants, sagt sie.

Autorin

Nadine Wilson

ist Redakteurin des „Jamaica Observer“ in Kingston.
Der Kampf um die Anerkennung der Rasta-Bewegung in der jamaikanischen Gesellschaft war hart. Früher brachte man die Bewegung häufig in Verbindung mit radikalen Protestierenden, die Marihuana rauchten und schmutzige, verfilzte Locken hatten. Ihre Anhänger fanden oft keine Arbeit, die Kinder mussten ihre langen Haare abschneiden, um von Schulen aufgenommen zu werden, und viele Rastas wurden verhaftet, weil sie Ganja (Cannabis) rauchten.

Noch heute werden Rastas oft verspottet, wenn sie von Repatriierung sprechen: Gemeint ist die Rückführung nach Äthiopien, ins Gelobte Land. Maxine Stowe vom Rastafari Millennium Council, dem Dachverband der Rastafari-Gemeinschaft, erklärt: „Die politische und die spirituelle Philosophie gründen auf der Wiederherstellung der afrikanischen Identität, die vom transatlantischen Sklavenhandel zerstört wurde.“ Das Recht auf die Rückkehr nach Afrika sei in Jamaikas Emanzipationsgesetz von 1938 verankert worden. „Freiheit ist das Recht, in die Heimat zurückzukehren.“

Entstanden ist die Rastafari-Bewegung in den 1930er Jahren in Ostafrika, als Ras Tafari zum Kaiser Haile Selassie I. von Äthiopien gekrönt wurde. Die Anhänger verehren seine Kaiserliche Hoheit als die Wiedergeburt des Messias und nennen sich deshalb „Rasta“ oder „Rastafari“. Sie lehnen die westliche Kultur ab, sie halten das Gesellschaftssystem für korrupt und bezeichnen es als „Babylon“ – in Anlehnung an die antike Stadt, die in der Bibel als ein Ort des Exils und der Versklavung beschrieben wird.

Über die Kultur, zum Beispiel die Reggae-Musik, habe sich die Rastafari-Bewegung weltweit verbreitet, nach Afrika, Brasilien, Japan und Europa, erklärt Stowe: „Die Anhänger der afrozentrischen Lehre finden sich in Jamaika, der Karibik und anderen Ländern mit einer afrikanischen Diaspora.“ In Europa, Asien und anderen Kulturen wie Neuseeland und Australien stünden dagegen die äußeren Aspekte der Lehre, der natürliche Lebensstil, im Vordergrund.

Schätzungen zufolge hat die Rastafari-Bewegung heute weltweit eine Million Anhänger, in Jamaika sind es rund 30.0000. Viele Rastas gehören keiner festen religiösen Gruppe an, für sie sind ihre Körper die Tempel ihrer Religion. Glauben und göttliche Inspiration suchen sie in sich selbst. In Jamaika sind einige Rastafari in Gemeinden oder strenggläubigen Sekten wie den Twelve Tribes of Israel, den Nyahbinghi und den Bobo Shanti organisiert.

erschienen in Ausgabe 8 / 2014: Gesichter der Karibik

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