Mutter Erde hilft beim Lernen

Kleinbauern im Hochland Perus entdecken alte Kenntnisse über Handwerk, Landbau und Kleinbewässerung neu. Das bringt ihnen gute Ernten – und fördert den Zusammenhalt.

Die Organisation Chuyma Aru und die Bauern haben anderes vor. Chambi zeigt auf einen zerfallenen Steinwall und eine sparsam fließende Quelle. Hier soll das Rückhaltebecken wieder hergerichtet und erweitert werden, in dem früher schon das kostbare Nass zur Bewässerung gesammelt worden war.

Die Methoden, die Chuyma Aru lehrt, sind nicht neu, und es ist etwas kurios, dass ein Agraringenieur aus Puno den Bauern  das Wissen vermittelt, das aus ihrer eigenen Tradition kommt – selbst wenn er an den Ufern des Titicacasees in der Nachbarprovinz Conima aufgewachsen ist. Chambi erzählt, wie er vor vielen Jahrzehnten als staatlicher Mitarbeiter damit beauftragt war, den Bauerngemeinden am Titicacasee Entwicklung zu bringen. Große Eukalyptuswälder wurden aufgeforstet, der Boden trocknete aus, Ackerland verschwand.

Doch etwas anderes machte Chambi, inzwischen im Pensionsalter, stutzig. Mit Kooperativen und technischem Fortschritt sollte die kleinbäuerliche Landwirtschaft produktiver gemacht werden. Doch nach anfänglichen Erfolgen mit neuen Hochertragssorten musste Chambi feststellen, dass die Erträge auf den von ihm nach dem neuesten agrarwissenschaftlichen Stand betreuten Gemeinschaftsfeldern geringer waren als auf den Parzellen der Kleinbauern.

Zum einen waren den Bauern der Dünger und die chemischen Pflanzenschutzmittel zu teuer, sobald die staatlichen Subventionen wegfielen. Zum anderen kamen sie nur an bestimmten Tagen bereitwillig zur Arbeit auf das Land der Kooperativen, an anderen bestellten sie nur ihre eigenen Felder. Und diese Tage waren laut den natürlichen Wetterindikatoren und den Regeln über den Astralzyklus am günstigsten für die Aussaat, die Pflege und die Ernte. Nur die schlechten Tage widmeten sie der Kooperative, wie sie Chambi bereitwillig erzählten. Seit dieser Zeit lässt er sein akademisches Wissen ein wenig ruhen und interessiert sich sehr für die Kenntnisse der Kleinbauern, die, auch aufgrund solcher Projekte wie seinen eigenen in Vergessenheit zu geraten drohten.

„Die Leute von Chuyma Aru haben uns an all das wieder erinnert“, heißt es eine gute Autostunde entfernt vom Titicacasee in Suyu, nachdem das übliche Ritual mit Kokablättern, Schnaps und einem billigen Wein das Gespräch mit einer Gruppe vor allem älterer Männer und vieler Frauen eröffnet hat.

Der See und der Müll

Drei große Gefahren bedrohen die Natur und die Lebensgrundlagen der Bauernfamilien an den Ufern und in den Bergen rund um den knapp 4000 Meter hoch gelegenen Titicacasee im bolivianisch-peruanischen Grenzgebiet. 

Anfangs seien sie sehr skeptisch gewesen. Aber nun seien sie zufrieden. Sie hätten andere Sorten Kartoffeln angepflanzt, die sie von Chuyma Aru erhielten, und gute Erfahrungen damit gemacht. Und sie hätten sich entschieden, ganz auf biologischen Anbau umzustellen. Vor jeder Gemeinschaftsaktion werde Mutter Erde um Erlaubnis und Unterstützung gebeten. 

Solche Rituale fördern nicht nur die Rücksicht auf die Natur und ihre komplexen Mechanismen, sondern auch den Zusammenhalt der Gemeinde. Der ist nötig, damit nicht einer das kaputt macht, was die anderen schützen möchten. Und Geld für ihre Arbeit zu fordern, wie in manchen Gemeinden, in denen Chuyma Aru deshalb erst einmal die Arbeit ruhen lässt – auf diese Idee kämen sie hier nicht mehr, sagen sie. Was sie bekommen haben, sind guter Rat, Spitzhacken, Schaufeln und Schubkarren. Mit deren Hilfe haben die Bauern und Bäuerinnen schon zehn kleine Felder mit Steinwällen eingefriedet; 40 sollen es werden.

Auch zehn kleine Tümpel zeigen die Bauern an den Hängen über dem Dorf. Heilpflanzen sind dort noch ebenso wenig zu sehen wie Frösche, aber das braucht seine Zeit. Fische wollen sie keine aussetzen. Da kämen sofort die Vögel und würden alles auffressen, heißt es. So ganz vertraut sind sie in Suyu noch nicht wieder mit der traditionellen Agrarkultur, die darauf setzt, dass alle genug zu essen haben und deshalb eine Furche des Ackers für die wilden Tiere reserviert. Aber dass die Natur ein Geschenk ist, das es zu schützen gilt, und keine Ressource, um sie auszubeuten, wissen sie auch hier.

Von oben über dem Dorf, wo es Goldvorkommen geben soll, führt ein Erdkanal ein paar Kilometer weiter in die Nachbargemeinde. Ob sie eine Entschädigung dafür bekommen, dass Nachbarn sich aus ihren Wasserquellen bedienen? „Wieso? Wasser ist Leben. Das kann man nicht verkaufen.“ Noch ist nicht entschieden, was mit dem Gold geschehen soll. Einige der Jugendlichen möchten lieber in der Stadt leben als auf dem Land als Bauern. Sie hoffen auf einen Arbeitsplatz, falls der Bergbau in Suyu aufgenommen wird. „Gold kann man nicht essen“, sagen dagegen die anderen. Zwar bringe es heute ein Einkommen – aber den künftigen Generationen möglicherweise nicht. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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