Mehr Beteiligung der Zivilgesellschaft in Berlins Nord-Süd-Städtepartnerschaften, das ist Ziel des auf drei Jahre angelegten Projekts Sister Cities in Action. Außerdem steht der Austausch der Partner im globalen Süden untereinander im Fokus. Seit 1993 ist Berlin mit Mexiko-Stadt verbunden, ein Jahr später wurde die Partnerschaft mit Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, vereinbart. Im Jahr 2000 kam noch Windhuk in Namibia dazu.
Allerdings kamen Zivilgesellschaft und Stadtverwaltung in Diskussionen miteinander zu der Auffassung, die Partnerschaften seien zu wenig zivilgesellschaftlich verankert. So könnten sie dem Anspruch, Berliner Handeln solle zu globaler Gerechtigkeit beitragen, nicht gerecht werden. Das aber fordern die Entwicklungspolitischen Leitlinien der Bundeshauptstadt von 2012. Zudem haben SPD und CDU in ihrem Koalitionsvertrag für die Regierungszeit von 2023 bis 2026 versprochen, die Zusammenarbeit mit Jakarta und Windhuk zu intensivieren.
Partnerschaften mit Leben füllen
Daraufhin legte der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER), ein Netzwerk von rund 120 entwicklungspolitisch aktiven Gruppen und Initiativen in 2023 in Berlin, ein Konzept vor, wie die Städtepartnerschaften mit Jakarta, Mexiko-Stadt und Windhuk mit Leben gefüllt werden könnten. Seit Projektbeginn in 2024 förderte die Berliner Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit das Projekt und die Koordination durch den BER mit rund 700.000 Euro.
Der soziale und gesellschaftliche Kontext auf den vier verschiedenen Kontinenten ist zwar unterschiedlich, dennoch haben alle vier Städte mit der Anpassung an Extremwetterlagen, Trockenheit, Überschwemmungen oder Hitze zu kämpfen. Genauso ist sicherer und bezahlbarer Wohnraum für die Stadtbewohner in Windhuk, Jakarta, Mexiko-Stadt und Berlin ein Thema.
Drei Tandems bilden das Herzstück des Projekts: Eine Berliner Initiative ist jeweils mit einer Organisation aus der Zivilgesellschaft in einer der drei Partnerstädte verbunden. Die Initiatoren wollen hin zu mehr echter Begegnung, kulturellem Austausch und zivilgesellschaftlichem Engagement.
Schutz informeller Siedlungen
Ein Tandem bringt die Berliner Organisation Indonesia Watch mit der Organisation Urban Poor Consortium (UPC) in Jakarta zusammen. In der Stadt mit elf Millionen Einwohnern leben rund 40 Prozent der Einwohner in informellen Siedlungen, den „kampungs“, die von den Behörden als illegal angesehen und häufig abgerissen werden. Oft werden die Bewohner auch aus ihren Häusern vertrieben, weil die Stadtverwaltung sie angeblich vor Überflutungen schützen will, ein Problem mit dem Jakarta seit Jahren zu kämpfen hat.
UPC ist es gelungen, in dem 2016 zunächst abgerissenen Kampung Akuarium die verbliebenen Bewohner dabei zu unterstützen, die Siedlung neu aufzubauen. In einem längeren Prozess mit der Stadtverwaltung konnten sich die Bewohner mit ihren Anliegen Gehör verschaffen, inzwischen auch von Berlin gefördert im Rahmen von Sister Cities in Action. Das Projekt ist ein Beispiel für Bürgerbeteiligung und die Verbesserung der Lebensqualität in einem Slum. „Durch das Projekt erhalten wir Mittel aus Berlin für Aktivitäten in Kampung Akuarium. So können wir zum Beispiel die Gemeinschaften besser über die Folgen des Klimawandels in ihrer Siedlung aufklären“, sagt Neneng Hanifah Maryam von UPC.
In Windhuk arbeitet der Afrika-Rat, Dachverband afrikanischer Vereine und Initiativen in Berlin und Brandenburg, mit dem Creative Industry Institute zusammen, einer Organisation, die Musiker, Maler, Schriftsteller und andere Künstler bei der Vermarktung ihrer Arbeit unterstützt. Für Olivia Heinonen vom Creative Industry Institute bietet das Projekt vor allem die Chance, Erfahrungen aus Namibia und aus Berlin jeweils in der anderen Partnerstadt bekannt zu machen. Erinnerungskultur und koloniale Vergangenheit sind dabei ein wichtiges Thema. In 2026 soll es in Berlin eine Veranstaltung dazu geben.
Vor allem der Austausch mit anderen Organisationen aus dem globalen Süden sei neu für sie, sagt Valeria Peña Beltrán von der Partnerorganisation Casa Tochan in Mexiko-Stadt. Das sei inspirierend und weite den Blick für neue Perspektiven. Casa Tochan setzt sich für die Rechte von Migranten, Asylsuchenden und anderen benachteiligten Gruppen in der Stadt ein und arbeitet mit dem Berliner Verein México vía Berlin e.V. zusammen.
Das Projekt Sister Cities in Action lebt vor allem davon, dass sich die Partner einmal im Jahr persönlich treffen. 2024 fand das Treffen in Berlin statt, 2025 in Windhuk, wo man auch das 25-jährige Jubiläum der Partnerschaft zwischen Berlin und der Hauptstadt Namibias feiern konnte. Das nächste gemeinsame Treffen ist für Oktober in Mexiko-Stadt geplant.
Bezahlt wird das Projekt mit Geld aus Berlin. Das Budget wird gemeinsam unter den drei Tandems und dem BER als Koordinator aufgeteilt. Doch manche Gefälle zwischen Nord und Süd lassen sich nicht ganz ausräumen. Olivia Heinonen aus Windhuk etwa verweist auf die ungleiche Bezahlung und soziale Absicherung von Mitarbeitenden im Projekt. Und Carola von der Dick von Indonesia Watch sagt, eine gleichberechtigte Zusammenarbeit werde beispielsweise „erschwert durch den ungleichen Zugang zu Visa“.
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