Wie man in Flüchtlingslagern durch Dürrezeiten kommt

Drei Menschen stehen in einer Schlange und wollen ihre Wasserkanister füllen.
Birte Mensing
Anstehen für Wasser: Im improvisierten Binnenvertriebenenlager am Rand des Ortes Ainabo im Südosten von Somaliland hoffen die Menschen darauf, einen Kanister wertvolles Wasser zu bekommen.
Somaliland
In Somaliland hat es zwei Jahre nicht geregnet. Inzwischen fliehen Menschen aus ihren Dörfern, weil die wiederkehrenden und langen Dürren ihre Tiere töten. In den Flüchtlingslagern versuchen die Menschen, sich dem Extremwetter anzupassen und anders als durch Viehhaltung ihre Existenz zu sichern.

Zeyneb Abdi hofft, dass sie heute einen Kanister voll Wasser abbekommt. Die 40-Jährige lebt erst seit wenigen Wochen im improvisierten Binnenvertriebenenlager am Rand des Ortes Ainabo im Südosten von Somaliland. Am späten Nachmittag spricht sich im Camp herum, dass bald ein Laster mit einer Wasserlieferung kommen und den Tank füllen soll. Die Sonne steht schon tief, die Hitze des Tages aber klingt nur langsam ab.

Bis vor wenigen Monaten lebte Abdi mit ihrer Familie noch im Hinterland der Region Sarar, weit ab von städtischen Strukturen. Wie Generationen vor ihnen, lebte die Familie zusammen mit ihren Ziegen, Schafen und Kamelen. Dieses Leben aber scheint nun vorbei. Wegen der anhaltenden Dürre sind die Tiere, die sie nach wiederkehrenden Dürren noch hatten, verendet. Deshalb hat sich die Abdis Familie nun aus Ästen, Säcken und alten Kleidern dort eine Unterkunft gebaut, wo schon hunderte Familien vor ihnen gestrandet sind, deren Tiere vergangenen Dürren zum Opfer gefallen sind. Zu Fuß sind sie dutzende Kilometer weit gekommen, in der Hoffnung auf Unterstützung. Seit 2024 hat es in der Region nicht geregnet.

Der ersehnte Laster kommt an, Freiwillige des Wasserkomittees schließen eine mit Generator betriebene Pumpe an, und dann fließen tausende Liter Wasser in den Tank, der so groß wie ein Ein-Raum-Bungalow ist. Mit ihrem gelben Kanister, das jüngste Kind auf den Rücken gebunden, wartet Abdi mit dutzenden anderen Frauen und Kindern darauf, dass die Hähne geöffnet werden. Bezahlt hat die Wasserlieferung die deutsche Hilfsorganisation Welthungerhilfe, als Teil ihrer Krisenunterstützung in der Region Sarar, die von der aktuellen Dürre besonders betroffen ist. „Wir haben hier eine akute Ernährungsnotlage und gleichzeitig eine langfristige Überlebenskrise“, sagt Alexander Fenwick, der die Welthungerhilfe-Programme in Somalia und Somaliland leitet. Mehrmals pro Woche füllen sie den Tank. Sie haben die bedürftigsten Familien registriert, Zeyneb Abdi ist erst vor wenigen Wochen angekommen und hat deshalb keine Wasserkarte. Sie hofft, trotzdem zumindest einen Kanister Wasser abzubekommen. Zum Kauf steht Wasser zwar auch zur Verfügung, aber es ist teuer. Zehn gelbe Kanister voll kosten umgerechnet etwa drei Euro. Die Welthungerhilfe verteilt es in der aktuellen Krise an Bedürftige umsonst.

Somalia ist am anfälligsten für die Folgen der Erderhitzung

Somalialand hat sich 1991 von Somalia unabhängig erklärt, hat etwa sieben Millionen Einwohner und ist halb so groß wie Deutschland. 60 Prozent der Wirtschaft sind abhängig vom Viehexport, rund 10 Prozent kommen aus bewässerter Landwirtschaft. International wird es als autonome Region des Landes am Horn von Afrika behandelt. Im Dezember 2025 hat Israel Somaliland anerkannt. International wird es als autonome Region von Somalia behandelt, in internationalen Statistiken fällt Somaliland deshalb unter die Zählungen von Somalia.
Gleichzeitig zählt Somalia zu den Ländern, die weltweit am anfälligsten ist für extreme Auswirkungen der Klimakrise sind. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat in einem Bericht schon 2023 die prekäre Lage der tausenden Klima-Vertriebenen dokumentiert. 2024 war Somalia bereits weltweit unter den fünf Ländern, in denen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration am meisten Menschen aufgrund von Umweltkatastrophen ihre Heimat verlassen mussten. Seit vergangenem Jahr sind tausende Familien dazugekommen. Anders als zur Zeit des Bürgerkriegs in Somalia in den 1990er Jahren sind jetzt in erster Linie Klimaveränderungen und nicht die gewaltsamen Konflikte für die Notlage verantwortlich.

Die Dürre raubt den Familien nicht nur die Lebensgrundlage, sondern auch einen Teil ihrer Identität. Hinda Daroor lebt schon seit 2017 im Binnenvertriebenenlager, damals kam sie mit ihren neun Kindern hier an, nachdem die Dürre ihre letzten Tiere dahingerafft hatte. Sie hat Charisma, kann gut mit Menschen umgehen und hat so eine neue Rolle gefunden: Als die Welthungerhilfe Ehrenamtliche suchte, die die Wasserverteilung organisieren, hat sie sich gemeldet. Jetzt koordiniert sie die Ausgabe und achtet darauf, dass alles der Reihe nach abläuft und es kein Gedrängel gibt.

Ein 280 Meter tiefer Brunnen liefert noch Wasser

Das Wasser stammt aus einem Brunnen in der Gegend, der vor ein paar Jahren von der Organisation Oxfam gebohrt wurde. 280 Meter ist er tief und damit tiefer als die anderen Brunnen in der Region, die aktuell kein Wasser mehr bieten, wie Mohamed Farah vom Wasserministerium erklärt. Seit zwei Jahren hat es nicht geregnet. Wasserstellen für die Tiere sind ausgetrocknet, ebenso wie ein Teil der Pflanzen. Wer genau hinsieht, kann an einigen der verdorrt aussehenden Büsche kleine grüne Triebe erkennen, doch die werden schnell von den verbleibenden Ziegen abgeknabbert. Regen könnte sie wiederbeleben, doch wann der kommt, ist unklar. Die Angst, die Regenzeit wieder, ist groß. 
Die Regierung in Somaliland hat nur sehr begrenzte Budgets, ein Teil der Infrastruktur – besonders in abgelegenen Gegenden – wurde von Hilfsorganisationen aufgebaut, aber nur zum Teil in Stand gehalten. Ein Teil der Investitionen wurde buchstäblich „in den Sand gesetzt“, weil die Regierung sie nicht aufrechterhalten kann. Zwischen dem Ort Ainabo und dem Binnenvertriebenenlager finden sich noch die Metallschilder, auf denen Projektdetails von NGOs zu den Dürren 2017 und 2022 zu lesen sind. Das Wort Resilienz taucht oft auf auf den Schildern, aber Resilienz aufbauen gegen die Erderwärmung wird immer komplizierter.

Noch im vergangenen Jahrhundert kamen die Dürren in Abständen von etwa zehn Jahren. Dazwischen konnten sich die Grundwasservorräte regenerieren, die Natur konnte sich erholen, ebenso wie die Menschen und die Tiere. Meist gab es in Somaliland zwei Regenzeiten – der kurze Regen im Oktober, genannt Deyr, der die Lage stabilisiert, und der lange Regen von April bis Juni, Gu, während dem das Land Wasser einspeichern kann.

Um die Natur dabei zu unterstützen, bearbeiten 50 Männer im Dorf Farmara den Boden mit ihren Schaufeln und Spitzhacken. Obwohl es früh am Vormittag ist, drückt die Hitze. Sie kommen zur Zeit jeden Tag, um das Land so aufzubereiten, dass es den Regen besser aufnehmen kann, auf den hier alle sehnlichst hoffen. Die Männer heben die Erde in Rechtecken aus und sammeln sie zu kleinen Wällen, damit das Wasser, wenn es regnet, nicht einfach über das Land hinwegschwemmt. Das Gras soll hier besser wachsen und die Ziegen, Kühe und Kamele ernähren, die seit Jahrhunderten die Lebensgrundlage und das Zentrum des Lebens in der Region sind. Im Umkreis vom Dorf Farmara finden sich mehrere solcher Gebiete, die in den vergangenen Jahren rund um Regenzeiten angelegt wurden – die dann aber ausblieben.

Autorin

Birte Mensing

ist freie Journalistin in Nairobi, Kenia.
 

Qaasim Mahamed leitet seine Kollegen an. Sie verdienen etwa sechs Euro am Tag, die ihnen die Welthungerhilfe bezahlt. Für die Hilfsorganisation ist das einer der Wege, um die immer ernster werdende Hungersituation abzufedern. Mit dem Geld können die Familien Nahrungsmittel kaufen – es ersetzt vorübergehend das Einkommen, das sie normalerweise aus dem Verkauf von Vieh erzielen, erklärt Mahamed. „Die Tiere und die Menschen sind geschwächt”, sagt Mahamed. Schon immer gab es auch in der Vergangenheit Dürrephasen. Doch in den vergangenen Jahren wird der Abstand zwischen den Dürren immer kleiner – und damit haben die Familien und ihre Viehherden immer weniger Zeit, sich zu erholen. Immer mehr Menschen verlieren ihre Tiere, auch Mahamed sind bereits 12 Ziegen verhungert. 

Für einige Dörfer wurde schon eine Hungersnot erklärt

In der direkten Vergangenheit gab es ein gutes Jahr, 2023, inmitten von Durststrecken. Doch ein einziges gutes Jahr kann nicht fünf schlechte ausgleichen. „Der Ausgangswert verschiebt sich“, sagt Alexander Fenwick von der Welthungerhilfe. „Die Bedingungen für halbnomadische Viehwirtschaft werden immer schwieriger mit voranschreitendem Klimawandel.“ 2024 lag die durchschnittliche Temperatur in Somalia bei 27,28 Grad. 2016 war es schon einmal fast so heiß, doch dazwischen gab es auch Jahre wie 2021, wo die Durchschnittstemperatur bei 26,89 Grad lag. Schon minimale Veränderungen nach oben machen ganze Landstriche unbewohnbar.

Für einige Dörfer in Somalia und Somaliland hat der internationale Hungermonitor IPC bereits eine Hungersnot erklärt. Die Vorhersage für die Region steht auf rot, der Stufe vor der Hungersnot. Während es in der Hauptstadt Hargeisa schon in Strömen geregnet hat, ziehen hier in Sarar zwar jeden Tag graue Wolken über den Himmel, aber abgesehen von ein paar schnell Tropfen, die schnell verdunsten, warten die Menschen bisher vergeblich auf Regen. Aufgrund der aktuellen globalen Finanzierungskrise im Bereich der humanitären Hilfe und Entwicklungshilfe mussten trotz allem Teile der Hilfsprogramme eingestellt werden.
Der neue Normalzustand ist, dass sich die Familien ohne Tiere einrichten müssen. Doch das neue, städtische Leben kostet Geld. Mit Tagelöhnerarbeiten und Unterstützung von Hilfsorganisationen hangeln sich die Binnenvertriebenen Tag für Tag durch die Krise. Zeyneb Abdi hofft, dass sie einen Weg findet, ihre Kinder zur Schule zu schicken, damit die irgendwann einen Beruf – wie Lehrerin, Krankenpfleger oder LKW-Fahrer - lernen können, der ihnen ein Überleben sichert, unabhängig von Dürren.

Diese Recherchereise wurde finanziell und logistisch von der Welthungerhilfe unterstützt.

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