Das BMZ fördert keine neuen Hochschulkooperationen mehr

Hörsaal voller Studierender, von hinten.
Gentsch/picture alliance/dpa
Wissenschaft lebt vom Austausch: Treffen ausländischer Studierender an der Uni Münster Mitte 2024.
Entwicklungszusammenarbeit
Seit Jahren unterstützt das Entwicklungsministerium die internationale Hochschulzusammenarbeit finanziell. Diese Förderung soll nun 2030 auslaufen und stattdessen Stipendien- und Alumniprogramme im Fokus stehen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und Hochschulen warnen davor.

Harald Renz steckt mit seinem Projekt mitten in der Bewilligungsphase – und jetzt hat das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) für Hochschulkooperationen mit dem globalen Süden einen Förderstopp angekündigt. Das hat der Professor für Laboratoriumsmedizin an der Universität Marburg nicht kommen sehen. Der Aufbau eines neuen Studiengangs für Notfallmedizin in Tansania sei in den vergangenen Jahren gelungen. Aber ob die Förderung für ähnliche Studiengänge in den Nachbarländern noch bewilligt wird? „Das müssen wir jetzt sehen“, sagt er.

In Subsahara-Afrika ist besonders der ländliche Raum schlecht versorgt mit Notfallstationen. In Tansania hat die Regierung vor einigen Jahren das Ziel ausgegeben, 140 zentrale Notaufnahmen im Land zu schaffen. Doch es fehlte an Personal, und eine Ausbildung für Sofortdiagnosen mit EKG, Ultraschall oder Schnelltests gab es nur in der früheren Hauptstadt Dar es Salaam. Mit einer Förderung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) aus Mitteln des BMZ hat Renz in Kooperation der Marburger Philipps-Universität und mit dem Kilimanjaro Christian Medical Centre in der Stadt Moshi ein zweites Master-Programm entwickelt. „Die ersten Absolventen sind nun Fachärzte“, sagt er. 

Auslaufende Projekte sollen noch bis 2030 bezahlt werden

Die seit 2022 mit 300.000 Euro unterstützte Kooperation ist eine der zahlreichen Vorhaben von entwicklungspolitischem Nutzen, die 60 deutsche Hochschulen mit 450 Partnerinstitutionen im globalen Süden durchführen. Die Themen reichen von Gesundheit über Wassermanagement und Energieversorgung hin zu Digitalisierung. Der jährliche Fördertopf beim DAAD enthielt dafür 2025 rund 25 Millionen Euro. Das BMZ wollte bisher ausdrücklich die praxisnahe Lehre zum Bachelor und Master, die Fortbildung von akademischem Personal oder verbessertes Hochschulmanagement unterstützen.

Nun hat das BMZ den Förderstopp für neue Hochschulkooperationen mit dem globalen Süden auf Anfrage bestätigt; auslaufende Projekte sollen noch bis 2030 bezahlt werden. Im Bereich der Hochschulbildung werde zukünftig ein besonderer Fokus auf der Förderung der Stipendien- und Alumniprogramme des DAAD liegen, teilt eine Sprecherin mit. Internationale Alumni aus Schwellen- und Entwicklungsländern können darüber Fortbildungsseminare zu Themen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) belegen. „Sie werden weiterhin die Vernetzung zwischen Hochschulen nachhaltig sicherstellen.“

Damit wertet das BMZ die individuelle Förderung auf. Sie diene der Qualifizierung von Fach- und Führungskräften in Partnerländern, so die Sprecherin, zeige eine unmittelbare Wirkung und sichere langfristige Netzwerke zwischen Deutschland und seinen Partnerländern. Das BMZ beteuert, den DAAD 2027 finanziell insgesamt mit der gleichen Summe wie 2026 fördern zu wollen – das waren für Austauschprogramme und Projektvorhaben knapp 49 Millionen Euro. Also werden Gelder umgewidmet. „Es handelt sich um keine Gesamtkürzung von BMZ-Mitteln für die Arbeit des DAAD, sondern um eine stärkere Fokussierung“, erläutert die Sprecherin. 

"Aufgebautes Vertrauen und Netzwerke werden zerschlagen"

Die Träger der Hochschulkooperation reagieren alarmiert: Deutschland schieße damit als Standort wissenschaftlich wie wirtschaftlich und geopolitisch ein Eigentor. Die Programme seien finanziell überschaubar, entfalteten aber eine enorme Hebelwirkung, Strahlkraft und Modellcharakter – vor Ort, regional und im gegenseitigen Austausch –, betont Professor Renz aus Marburg. Laut Professor Lars Ribbe von der TH Köln tut sich Deutschland keinen Gefallen, wenn über die Jahre aufgebautes Vertrauen und Netzwerke zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen, Ministerien und Unternehmen durch einen abrupten Förderstopp zerschlagen würden. 

Ribbes Forschungsgruppe „Integriertes Land- und Wasserressorcenmanagement“ hat an der Fakultät für Raumentwicklung und Infrastruktursysteme in Köln ein weltweites Netzwerk aufgebaut – vom Kosovo über Jordanien, Vietnam und Bangladesch bis Costa Rica. „Unsere Kooperationen sind immer ausgerichtet, die Hochschulen bei der Bewältigung globaler Herausforderungen zu stärken“, sagt Ribbe. Hochschulen könnten Impulse geben und die Entwicklung in ärmeren Ländern vorantreiben. Gerade deshalb solle das BMZ die Kooperationen eher noch stärker fördern. Eine institutionelle Förderung ist laut Ribbe sinnvoller als Stipendienprogramme. 

Folgeprojekte stehen durch Förderstopp in Frage

Eines der betroffenen Kölner Projekte ist „iWater“ in Ägypten, das über einen neuen Studiengang an den Universitäten Ain Shams in Kairo und Mansoura im Nil-Delta hinaus interessierte Unternehmen und Regierungsvertreter aus Ägypten einbezieht. Das "i" steht für Integration in diesem Sinn, aber auch für integriertes Management der Ressource Wasser als ökologisches und wirtschaftliches Gut. Zudem werde interdisziplinär gelehrt und geforscht: etwa über Wechselwirkungen von Wasser-, Energie- und Nahrungsmittelprojekten sowie deren gesellschaftliche Auswirkungen. 

Entscheidend dabei, so Professor Ribbe: Die Bedürfnisse späterer Arbeitgeber und die Felderfahrung Studierender in „Living Labs“ gingen direkt in die Fortentwicklung von Forschungsfragen ein. Zu den Wirtschaftspartnern gehören die German Water Partnership aus international orientierten Wasserunternehmen und die Arabisch-Deutsche Handelskammer in Kairo. Für das Programm in Ägypten sind 800.000 Euro über vier Jahre bewilligt – nun noch bis Ende 2027. Keine Riesensumme, aber sehr wirksam, betont Ribbe: als Brücke zwischen Hochschulen, Unternehmen und den Behörden an den Schaltstellen für städtische und ländliche Infrastruktur.

Folgeprojekte stehen mit dem Förderstopp nun in Ägypten wie in Tansania und Dutzenden anderen Ländern in Frage. Für den DAAD-Präsidenten Joybrato Mukherjee bricht eine wichtige Säule in den deutschen Außenbeziehungen weg. „Wer diese Hochschulkooperationen abbaut, spart zwar kurzfristig Geld, schwächt aber Deutschlands internationale Handlungsfähigkeit in Wissenschaft, Wirtschaft und bei der Fachkräftegewinnung“, erklärte Mukherjee schon vor Pfingsten. Die Lücken in Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten würden von Staaten wie China oder womöglich Russland gefüllt: Wer den Zugang zu langfristigen und internationalen Netzwerken zwischen Hochschulen, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik verliere, verliere auch wichtige Zugänge zu Innovationen, internationalen Partnern und Zukunftsmärkten.

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