Wien organisiert das Leben seiner Bewohner und Bewohnerinnen in vielen Bereichen selbst, etwa mit einem großen kommunalen Wohnungsbau und umfassenden öffentlichen Dienstleistungen. Aber gerade im Kindergarten, in der Schule, bei der Wohnungssuche, am Amt, im Spital und im Gemeindebau macht sich auch Ungleichbehandlung bemerkbar – das Formular ist nicht verständlich, eine Wohnung „leider schon vergeben“.
Laut der Studie „Zusammenleben in Wien“ aus dem Jahr 2023 berichten rund 28 Prozent der Wiener mit eigener oder familiärer Zuwanderungserfahrung, im Jahr vor der Befragung im öffentlichen Raum diskriminiert worden zu sein. 26 Prozent geben an, bei der Arbeitssuche benachteiligt worden zu sein, 25 Prozent im Wohnbereich. Fast jede vierte Person berichtet von Diskriminierungserfahrungen bei Behördenkontakten.
Auch internationale Studien weisen in diese Richtung. Laut Erhebungen der EU-Grundrechteagentur berichten 72 Prozent der Menschen afrikanischer Herkunft in Österreich von Diskriminierung, unter Muslimen und Musliminnen sind es 74 Prozent. Auch Antisemitismus wird von einer Mehrheit der Befragten als zunehmend wahrgenommen.
Diskriminierung soll bekämpft werden
Vor diesem Hintergrund hat der Wiener Gemeinderat im Herbst 2025 den „Wiener Aktionsplan gegen Rassismus“ beschlossen, der Ende März im Rathaus erstmals öffentlich vorgestellt wurde. Der Anspruch ist breit: Diskriminierung soll überall dort bekämpft werden, wo die Stadt selbst Verantwortung trägt – also in der Verwaltung, als Arbeitgeberin und Dienstleisterin. Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. Wien ist seit 2008 Mitglied der „European Coalition of Cities against Racism“ (ECCAR), deren Aktionsplan nun überarbeitet und erweitert wurde. Neu ist vor allem der Versuch, bestehende Initiativen zu bündeln und konkrete Maßnahmen für die Stadt selbst festzulegen.
Inzwischen leben Menschen aus über 180 Ländern in Wien, fast jede zweite Person hat eine Migrationsgeschichte. In einzelnen Dienststellen sind bereits Schulungen zu Diversität und Antirassismus eingeführt, Leitbilder für den Umgang mit Bürgern erarbeitet und mehrsprachige Informationsangebote ausgebaut worden. Instrumente wie Video-Dolmetschsysteme kommen etwa beim 24-Stunden-Frauennotruf oder in der Kinder- und Jugendhilfe zum Einsatz.
Der neue Aktionsplan entwickelt diese Ansätze weiter. Vorgesehen sind verpflichtende Schulungen für Führungskräfte und Personalverantwortliche zu unbewussten Vorurteilen; Fortbildungsangebote sollen insgesamt ausgebaut werden. Das stößt jedoch an Grenzen, wie Theodora Manolakos, Leiterin der Abteilung Integration und Diversität, einräumt. Rund 70.000 Menschen arbeiten für die Stadt Wien, bestehende Angebote können die Nachfrage derzeit nicht vollständig decken. Gleichzeitig stellen sich strukturelle Fragen für die Verwaltung der Stadt. Zwar weist die eine wachsende Diversität auf: Rund 27 Prozent der Beschäftigten haben eine ausländische Herkunft. Bei höheren Posten liegt dieser Anteil jedoch deutlich niedriger, bei etwa fünf Prozent.
Auch die Informationsbereitstellung soll verbessert werden: Geplant ist mehr Gewicht auf Mehrsprachigkeit und leicht verständliche Sprache, insbesondere bei Anträgen und behördlichen Abläufen. In der Kommunikation nach außen sind zudem Awareness-Teams für die Moderation der Social-Media-Kanäle vorgesehen, ergänzt durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Antirassismus.
Benachteiligung bei der Wohnungssuche
Wien zählt zu den größten kommunalen Wohnungsanbietern Europas. Rund 220.000 Gemeindewohnungen gehören der Stadt. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung leben im geförderten Wohnbau. Gleichzeitig werden Menschen mit Migrationsgeschichte im Wohnbereich benachteiligt, Maryam Singh von der Beratungsstelle Migrant kennt die Fälle: Familien, die trotz Anspruch keine Wohnung finden. Menschen, die bei Besichtigungen anders behandelt werden. „Der Zugang zu leistbaren Wohnungen ist schwieriger geworden, insbesondere am privaten Wohnungsmarkt“, sagt sie.
Der Aktionsplan sieht dazu mehrere Maßnahmen vor, darunter mehr Transparenz bei Vergabeverfahren im kommunalen und geförderten Wohnbau und leichterer Zugang zu geförderten Wohnungen. Auch sollen Regeln überprüft werden wie Wartefristen für subsidiär Schutzberechtigte – also Menschen ohne Asylstatus, die aber nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren können.
Geplant ist zudem eine Ombudsstelle für Diskriminierung am privaten Wohnungsmarkt. Sie soll Betroffene beraten und unterstützen. Im kommunalen Wohnbau setzt die Stadt zusätzlich auf Sensibilisierung von Mitarbeitenden, Sanktionen bei rassistischem Verhalten von Mietern sowie auf verstärkte Konfliktvermittlung und Gemeinwesenarbeit.
Der Aktionsplan ist auf mehrere Jahre angelegt, die Maßnahmen sollen schrittweise umgesetzt werden. Konkrete Zeitpläne dafür gibt es bislang nicht. Zunächst wird ein Lenkungsausschuss eingerichtet, der die nächsten Schritte bestimmt. Ein eigenes Budget ist aber nicht vorgesehen, die Finanzierung soll aus bestehenden Töpfen kommen. Zudem gibt das politisches Umfeld Themen wie Antirassismus keine Priorität. Das zeigt sich etwa an der Situation von ZARA, Österreichs renommiertester Beratungsstelle für Fälle von Rassismus und von Hass im Netz: Deren staatliche Grundfinanzierung wurde im April gestrichen, ohne alternative Finanzierung steht sie jetzt vor der Schließung.
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