Hilfe für Studierende aus dem Iran

Lernende in einer Bibliothek im Hauptgebäude der Universität Wien.
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Derzeit tun sich Studierende aus dem Iran schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren: Lernende in einer Bibliothek im Hauptgebäude der Universität Wien.
Österreich
Viele Studentinnen und Studenten aus dem Iran leben in Österreich am Existenzminimum. Seit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im vergangenen Dezember und dem neuen Krieg hat sich die Lage noch verschärft. Jetzt bietet die Regierung in Wien Unterstützung an.

Als im Januar ihr Handy klingelte, hatte Nasim nur eine Minute Zeit. „Meine Eltern sagten schnell, dass es ihnen gut geht und alles okay ist – dann war es wieder still“, erzählt die 28-Jährige. Ende Dezember 2025 brachen im Iran landesweite Proteste aus. Sicherheitskräfte der Islamischen Republik gingen daraufhin mit brutaler Gewalt gegen Demonstrierende vor. Unzählige Menschen wurden verhaftet, viele auf offener Straße erschossen, Beobachter gehen von Tausenden Toten aus. Das Internet wurde tagelang abgeschaltet.

Nasim war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate in Österreich, im September war sie für ihre Promotion in Raumplanung nach Wien gekommen. Eigentlich wollte sie sich ganz auf ihre Forschung konzentrieren. Doch seit die Proteste niedergeschlagen wurden, begleitet sie täglich die Sorge um ihre Familie sowie Freundinnen und Freunde. „Es ist unglaublich viel emotionaler Stress“, sagt sie. „Ich tue mich schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.“

Hohe Lebenshaltungskosten in Österreich

Mit dem Krieg Israels und der USA gegen Iran hat sich die Lage erneut dramatisch zugespitzt. Das Regime in Teheran reagiert mit Vergeltungsschlägen, in mehreren Landesteilen wurde das Internet erneut eingeschränkt. 
Rund 3000 iranische Studierende sind derzeit an österreichischen Hochschulen eingeschrieben. Anders als Bachelor- oder Masterstudierende ist Nasim als Doktorandin an der Universität angestellt und verfügt über ein halbwegs stabiles Einkommen.

Arash S. studiert hingegen im Bachelor und arbeitet nebenbei bei einer Supermarktkette. „Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch in Österreich, vor allem durch die Inflation“, sagt er. Zu Beginn seines Studiums vor drei Jahren unterstützte ihn seine Familie noch mit kleineren dreistelligen Beträgen aus dem Iran. „Jetzt würde ich eigentlich gerne meine Familie unterstützen“, sagt er. „Aber mit dem Geld von meinem Job komme ich gerade mal selbst über die Runden.“

Im Iran verschärft sich die wirtschaftliche Lage seit Jahren. Die Inflationsrate lag in den vergangenen drei Jahren im Schnitt bei rund 40 Prozent, in den letzten Monaten ist sie erneut deutlich gestiegen. Direkte Banküberweisungen zwischen Iran und Europa sind aufgrund der Sanktionen kaum möglich. Viele weichen auf alternative Zahlungsdienstleister oder informelle Übertragungswege aus, verbunden mit hohen Gebühren und Unsicherheiten.

Zwar dürfen Studierende aus Drittstaaten, also aus Staaten außerhalb der EU, in Österreich in der Regel bis zu 20 Stunden pro Woche arbeiten, doch für jede Beschäftigung ist eine Bewilligung nötig, die der Arbeitgeber beim Arbeitsmarktservice beantragt. „Das ist in der Praxis für viele eine große Hürde“, sagt Atena Adineh, Leiterin des Wiener Vereins HAMI. „Die Ausstellung dauert bis zu sechs Wochen, so lange warten viele Arbeitgeber nicht.“ Immer wieder berichteten Studierende von Bewerbungsgesprächen, die gut verlaufen seien, bis das Thema Arbeitserlaubnis zur Sprache gekommen sei. Viele Unternehmen scheuten den bürokratischen Aufwand und die Wartezeit.

Schnellere Arbeitsbewilligungen wären für alle gut

Der Verein HAMI unterstützt krebskranke Menschen im Iran und bietet in Wien kostenlose Deutschkurse sowie Selbsthilfegruppen für neuankommende Iranerinnen und Iraner an. Die meisten Kursteilnehmer sind Studierende. Adineh kennt ihre Sorgen: „Wenn die Arbeitsbewilligungen einfacher und schneller erteilt würden, hätten am Ende alle mehr davon: die Studierenden, der Staat und auch die Wirtschaft.“

Schon der Weg nach Österreich kostet viel Geld. Studierende aus Drittstaaten müssen für ein Studentenvisum ausreichend Existenzmittel nachweisen: je nach Alter mehrere tausend Euro für das erste Studienjahr , im Schnitt um die 12.000 Euro.

Viele iranische Studierende stammen aus besser gestellten Familien. „Aber das heißt nicht, dass es immer reiche Familien sind“, betont Adineh. Häufig legten mehrere Verwandte zusammen, um einem jungen Menschen ein Studium in Europa zu ermöglichen. „Ohne Unterstützung der Familie ist es für die meisten extrem schwierig, hier zu studieren und zu leben.“ Mit der aktuellen Lage im Iran ist für einige das Unterstützungsnetzwerk gänzlich zusammengebrochen.

Mitte Februar, also noch vor Ausbruch des Krieges, reagierte das österreichische Wissenschaftsministerium, nachdem sich einige iranische Studierende mit ihrer Not an die Österreichische Hochschüler_innenschaft sowie an die Ombudsstelle für Studierende gewandt hatten. Das Ministerium richtete einen Fonds ein (SAFE Fund Support for Academic Freedom and Education), bei dem iranische Studierende eine einmalige Unterstützung von bis zu 800 Euro beantragen können, in Ausnahmefällen bis 1200 Euro.

In der Community wird diese Maßnahme grundsätzlich begrüßt. „Natürlich ist es eine Erleichterung“, sagt Adineh. „Die Studierenden können kurz Luft holen.“ Mehr Entlastung jedoch würde für viele bringen, die Studiengebühren – rund 750 Euro pro Semester für Studierende aus Drittstaaten – für ein paar Semester auszusetzen.

Eine solche Regelung gab es unter der Vorgängerregierung zeitweise für ukrainische Studierende, sie lief jedoch Ende Februar aus. Aus dem Ministerium heißt es, die aktuelle Budgetlage erlaube keine weitergehenden Gebührenerlasse. Die rund 500.000 Euro für den SAFE Fund seien aus eisernen Reserven des Ressorts bereitgestellt worden.

Für Arash S. bleibt der Alltag ein Balanceakt zwischen Studium, Existenzsicherung und permanenter Sorge. „Man versucht, normal weiterzumachen“, sagt er. Doch mit der jüngsten militärischen Eskalation ist die Angst weiter gewachsen. Eine finanzielle Unterstützung aus dem Fonds möchte er beantragen, damit zumindest zwischendurch ein kurzes Aufatmen möglich ist.

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