Manche hoffen jetzt sogar auf den Sohn des Schah

Eine Frau, eine Flagge umgehängt, hält in einer Demo ein Plakat mit dem Foto eines Mannes, einer Iran-Karte und der Beschriftung "König Reza Pahlavi".
picture alliance/SZ Photo/Rainer Unkel
Für Gegner des iranischen Regimes wird der Sohn des Schahs zur Symbolfigur: In Deutschland lebende Iraner demonstrieren in Bonn im Februar 2026 – diese Frau will Reza Pahlavi als König.
Iran
Das Regime in Teheran hält sich nur noch mit brutaler Gewalt an der Macht. Die jüngsten Massenproteste haben es ins Wanken gebracht, aber der Opposition im Land fehlt eine glaubwürdige Führungsfigur und sie ist schwach organisiert.

Im Iran sind im Dezember 2025 und Januar 2026 viele Menschen auf die Straße gegangen – zunächst wegen der dramatisch verschlechterten wirtschaftlichen Bedingungen. Doch schnell zeigte sich, dass es um weit mehr ging: um Freiheit, ein Leben in Würde, einen Alltag ohne ständige Kontrolle und letztlich um das Ende der Diktatur. 

Das Regime nahm die Demonstrationen als ernste Gefahr wahr; der oberste geistliche Führer, Ali Khamenei, bezeichnete erstmals seit der Islamischen Revolution von 1979 Proteste als „Putsch“. Daher hat es sie brutal unterdrückt und Anfang Januar das Internet im Land weitgehend blockiert, um die Koordination von Protesten zu erschweren und Informationen nach außen zu verhindern. Die Massaker an Zivilistinnen, die nach teilweiser Aufhebung der Sperre bekannt wurden, sind Ausdruck der Angst des Regimes.

Die oppositionellen Gruppen im Iran sind aber vielfältig und bislang nicht geeint. Auch deshalb setzen dort jetzt, nach den Massakern, viele ihre Hoffnung auf die jüngsten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran oder auf Symbolfiguren, die im Exil leben, darunter den Sohn des früheren Schahs.

Die Zivilgesellschaft vollständig unterdrückt

Die Misere im Land und Proteste dagegen sind nicht neu. Das iranische Regime kontrolliert die wirtschaftlichen Ressourcen des Landes zentral, aber die Infrastruktur ist ineffizient und es fehlt an ökonomischer Entwicklung. Die Zivilgesellschaft steht unter starken Einschränkungen, insbesondere in Bezug auf Frauenrechte, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Wahlen werden streng reguliert und oppositionelle Kandidaten häufig ausgeschlossen. Spätestens seit der dreisten Wahlfälschung von 2009 hat das Regime bei der Mehrheit jede Legitimität verloren. Nur die Gewalt der Polizei, der Geheimdienste und Revolutionsgarden hält die Diktatur an der Macht. 

Die Entstehung einer funktionierende Zivilgesellschaft und eigenständiger politischer Tätigkeit außerhalb der Strukturen des Regimes wurde im Iran früh eingeschränkt und später nahezu vollständig unterdrückt. Dies hatte zerstörerische Folgen: Einerseits fehlten der Gesellschaft Möglichkeiten, Erfahrungen mit politischer Organisation zu sammeln, andererseits verengte sich politisches Handeln auf den unmittelbaren Widerstand gegen staatliche Repression und akute Notlagen. Mangels institutioneller Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen oder zur Reform des Staates entlädt sich Unzufriedenheit immer wieder in spontanen, oft massenhaften Protesten, die regelmäßig brutal niedergeschlagen werden.

Die Wahlfälschung 2009 war ein Wendepunkt

Die Unterdrückung hat auch dazu geführt, dass sich im Iran keine organisierte Opposition bilden konnte. Das Jahr 2009 war hier in vieler Hinsicht ein Wendepunkt. Im damaligen Präsidentschaftswahlkampf entstand damals eine außergewöhnliche öffentliche Mobilisierung für zwei reformorientierte Kandidaten, die sogenannte grüne Bewegung. Die verbreitete Begeisterung für die beiden Oppositionskandidaten Mehdi Karroubi und Mir-Hossein Mousavi schlug nach der Wahlfälschung und der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste dagegen in Resignation, Verzweiflung und Hass auf das iranische Regime um.

Bis dahin hatte die Bevölkerung wiederholt Hoffnung auf islamische Reformer gesetzt, insbesondere auf Mohammad Khatami (Präsident von 1997 bis 2005). Nach der Wahlfälschung von 2009 verlor dieses Lager jedoch rasch an Glaubwürdigkeit. Zum einen zeigte sich, dass Unterstützung für sie folgenlos blieb, da das Regime einen Wahlsieg der Reformer nicht mehr zuließ. Zum anderen wurde ihnen vorgeworfen, sich nicht eindeutig hinter die Opfer staatlicher Gewalt zu stellen und das Machtgefüge des Regimes – etwa des Kreises um Ali Khamenei und die Revolutionsgarden – nicht grundsätzlich infrage zu stellen. 

Symbolfiguren ohne politische Organisation

Die letzte größere Hoffnung verband sich mit der Präsidentschaft Hassan Rohanis von 2013 bis 2021. Mit Unterstützung Mohammad Khatamis und Akbar Hashemi Rafsandschanis (Präsident 1989 bis 1997) präsentierte sich Rohani als reformorientiert. Am Ende seiner Amtszeit zeigte sich jedoch, dass auch er zentrale Versprechen gegenüber der Bevölkerung nicht einlösen konnte. 

In dem politischen Vakuum traten während und nach seiner Präsidentschaft vereinzelt Persönlichkeiten als Stimmen der Opposition hervor – teils im Inland, teils im Ausland, darunter die in England lebende Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und die in den USA lebende Journalistin Masih Alinejad. Seit den Protesten unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ im Herbst 2022 wird zudem Reza Pahlavi genannt, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der in den USA lebt. Diese Figuren haben Zugang zu internationalen Medien und genießen in unterschiedlichem Maße Ansehen im Iran. Keine von ihnen führt jedoch eine organisierte Opposition. 

Auch innerhalb des Landes existiert bis heute keine organisierte Opposition. Oppositionelle Gruppen haben sich weder zusammengeschlossen noch auf ein gemeinsames politisches Programm geeinigt – vor allem aufgrund der systematischen Unterdrückung der Zivilgesellschaft durch das Regime. Deshalb gibt es im Iran derzeit keine glaubwürdige Machtalternative. Zwar hat die Islamische Republik ihre Legitimität weitgehend verloren und ist bei einer Mehrheit der Bevölkerung verhasst, doch Zersplitterung und fehlende politische Erfahrung der Opposition sowie anhaltende Repression verhindern die Entstehung einer echten Alternative.

Verzweifeltes Hoffen auf Rettung von außen

Ein Ergebnis dieser Situation ist, dass viele im Iran die Lösung ihrer Probleme nun von dritter Seite erhoffen, also von außen. Dem liegt keine politische Analyse zugrunde, sondern VerzweiflungMan klammert sich an die Hoffnung, sozusagen von höherer Stelle und von außen gerettet zu werden. Und weil Israel und die USA von Beginn der Islamischen Republik an als deren Feinde gelten, haben beide große Sympathie bei vielen Iranern gewonnen. Inzwischen erwarten sehr viele den Sturz des Regimes von Benjamin Netanyahu und Donald Trump.

Solche Hoffnungen sind höchst fragwürdig. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Israel oder Trump wirklich daran interessiert ist, dem iranischen Volk zu helfen oder Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen. Die Gespräche zwischen den USA und Iran in Maskat (Oman) drehen sich vor allem um nukleare und sicherheitspolitische Fragen, nicht um Reformen oder den Schutz der Zivilgesellschaft. Die USA verhandeln über das Atomprogramm und andere Fragen der Sicherheitspolitik, während innenpolitische Repression oder Menschenrechtsfragen kaum Thema sind.

Um Demokratie geht es den USA und Israel nicht

Genauso wie bei früheren außenpolitischen Einmischungen – etwa in Venezuela oder im Nahen Osten – geht es der US-Regierung vor allem um ihre eigenen geopolitischen und strategischen Interessen. Menschenrechte in anderen Ländern spielen für sie erkennbar eine untergeordnete Rolle, solange sie nicht unmittelbar mit diesen Interessen verknüpft sind. 

Zudem haben die USA zwar in einer Reihe von Fällen schon fremde Regierungen gestürzt, darunter auch Diktaturen. Die Ergebnisse waren aber kaum jemals im Sinne der betroffenen Bevölkerung – so etwa im Irak und in Libyen. Und im Iran hat der von den USA unterstützte Sturz des demokratisch gewählten und säkularen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh 1953 nicht mehr, sondern weniger Freiheit gebracht: Danach erhielt der Schah diktatorische Macht. 

Wer glauben möchte, die USA würden ihre Politik vor allem an einer Einführung von Demokratie orientieren, der ignoriert alle Lehren der Geschichte. Dies ist in großen Teilen der iranischen Bevölkerung und der Exilopposition der Fall, weil sie vom iranischen Regime immer brutaler unterdrückt werden und keine glaubwürdige Machtalternative erkennbar ist. 

Warum der Sohn des Schah jetzt Einfluss gewinnt

Autorin

Fatemeh Hippler

(früherer Name Fatemeh Kamali Chirani) hat im Iran Journalismus studiert und als Journalistin gearbeitet und dann in Deutschland über interkulturellen Dialog promoviert. Hier arbeitet sie nun als Forscherin und Migrationsberaterin.
Das ist auch ein Grund dafür, dass Reza Pahlavi während der 2022 begonnenen Protestbewegung „Frau – Leben – Freiheit“ politisch an Sichtbarkeit und Einfluss gewonnen hat. Jahrzehntelang hatte er keine Rolle in der iranischen Politik gespielt; das hat sich in den letzten Jahren aufgrund der ausweglosen innenpolitischen Lage und der Zersplitterung der Opposition geändert. Andere Vertreter der Opposition können oder wollen keinen glaubwürdigen Anspruch auf Führerschaft erheben – ihnen fehlen der Ehrgeiz, eine Organisation oder die finanziellen Mittel. Auch Reza Pahlavi hat keine organisierten Strukturen im Iran, aber einen prominenten Namen, der für größtmögliche Distanz zum heutigen Regime steht. 

Mit der wachsenden Begeisterung für den Sohn des früheren Schahs geht eine rückwirkende Verklärung und Idealisierung der damaligen Diktatur einher; Folter und Repression unter seiner Herrschaft werden relativiert oder verdrängt. Zugleich geraten zentrale gegenwartsbezogene Fragen aus dem Blick – etwa warum sich Reza Pahlavi öffentlich als konservativ-demokratisch präsentiert, zugleich aber radikale, exkludierende und antidemokratische Strömungen in seinem Umfeld duldet, die unter dem Deckmantel eines aggressiven Nationalismus auftreten. Damit sind hier antidemokratische Strömungen gemeint, die unter dem Vorwand der nationalen Einheit Minderheiten – etwa Afghanen im Iran – ausgrenzen und Gewalt oder das Leid anderer relativieren. Solche Positionen stehen im Widerspruch zu einer demokratischen Opposition. 

Keine klare Absage an monarchische Ambitionen 

Reza Pahlavi zeigt in Bezug auf Demokratie eine ambivalente Haltung. In einem Interview mit der ARD antwortete er auf die Frage, ob er die Dynastie der Pahlavis wiederaufbauen wolle, er habe 46 Jahre in demokratischen Ländern gelebt und dabei wichtige Werte sowie Mechanismen gegen Machtkonzentration verstanden. Das war keine eindeutige Absage an monarchische Ambitionen. Pahlavis Position zur Demokratie bleibt widersprüchlich und schwer einschätzbar.

Die Iranerinnen und Iraner sind nach jahrzehntelangen Enttäuschungen emotional stark belastet und neigen dazu, ihre Hoffnung auf einzelne charismatische Persönlichkeiten zu projizieren. Dadurch bleiben die Potenziale innerhalb der Opposition häufig ungenutzt. Dennoch gibt es im Land mutige politische Forderungen, die nicht ignoriert werden dürfen. So veröffentlichten im August 2025 siebzehn prominente iranische Dissidentinnen und Dissidenten – darunter der Filmemacher Jafar Panahi und die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi – eine gemeinsame Erklärung, in der sie eine demokratische Alternative zur Islamischen Republik fordern. Viele Unterzeichnende leben weiterhin im Iran.

Sie wollen mehr zu Menschenrechte lesen? Auf unserer Themenseite finden Sie weitere Berichte, Meinungen und Hintergründe dazu!

Keiner dieser Akteure kann politischen Wandel allein herbeiführen. Reza Pahlavi genießt Vertrauen bei Teilen der älteren und jüngeren Generation. Narges Mohammadi ist die Stimme eines erwachten gesellschaftlichen Gewissens, während Masih Alinejad öffentlich sichtbar macht, was das Regime zu verbergen versucht. Keine dieser Persönlichkeiten tritt jedoch in politischer Organisation hervor. Diese Funktion müssen unabhängige Parteien und eine starke Zivilgesellschaft übernehmen. Konkrete politische und wirtschaftliche Zukunftsmodelle sollten von juristischen und wirtschaftlichen Fachleuten erarbeitet werden – legitimiert und begleitet von der Bevölkerung.

Die Revolutionsgarden haben ökonomische Interessen

Das iranische Regime konnte sich jahrzehntelang vor allem mit massiver Gewalt an der Macht halten, wobei die Revolutionsgarden eine zentrale Schutzfunktion übernommen haben. Die große Zahl an Opfern staatlicher Repression im Dezember 2025 und Januar 2026 zeigt jedoch, dass das Vertrauen des Regimes in seine eigene Zukunft tief erschüttert ist. 

Ein Sturz des Systems ist dennoch nicht einfach: Die Revolutionsgarden sind nicht nur ein militärisches Machtinstrument, sondern auch tief in wirtschaftliche Schlüsselbereiche wie die Ölindustrie eingebunden. Sie verteidigen nicht allein das Regime und der Diktator Ali Khamenei, sondern auch ihre eigenen materiellen Interessen. Aus diesem Grund ist nicht zu erwarten, dass sie allein durch Proteste flexibel oder kompromissbereit werden. 

Umso wichtiger ist es, dass unterschiedliche oppositionelle Gruppen im In- wie im Ausland ihre Spaltungen überwinden. Nur eine gemeinsame politische Perspektive, verbunden mit zukünftigen Protestbewegungen im Land, kann eine glaubwürdige Alternative und damit die Grundlage für eine politische Transformation schaffen.

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