Neue Freunde für die Armen?

Die Mittelschichten in Schwellenländern sollen stärker in den Kampf gegen Armut eingebunden werden. Das geht in manchen Ländern einfacher als in anderen.


Bei aller Unsicherheit über die Werte und das Verhalten der Mittelschicht sind sich Entwicklungsexperten einig: Man muss mit ihnen rechnen. Der Lebensstil der Mittelklasse wirke sich enorm auf die Entwicklungschancen der Armen und auf die Umwelt aus, sagt der Leiter der Abteilung Politik und Kampagnen bei Brot für die Welt, Klaus Seitz. „Ohne sie wird es nicht gelingen, die globale Armut zu überwinden. Wir müssen sie stärker ins Boot holen.“ Viele Partnerorganisationen werden ohnehin von Angehörigen der Mittelschicht geleitet – sie leisten somit bereits einen Beitrag, in ihrem Land Not und Hunger zu bekämpfen und arme Menschen für ihre Rechte zu sensibilisieren. Seit einiger Zeit werden Partner in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien auch dabei unterstützt, für ihre Arbeit selbst Spenden zu sammeln. Damit werden sie unabhängiger von ihren Gebern aus dem Norden, tragen ihre Anliegen stärker in die eigene Gesellschaft hinein und können bewusstseinsbildend wirken.

Die Kirchen könnten mehr für den Dialog tun

Auf diesen Effekt setzt auch das bischöfliche Hilfswerk Misereor. „Die Mittelschicht muss erkennen, dass sie Verantwortung trägt. Sie wird zur entscheidenden politischen Kraft und wir müssen mit ihr ins Gespräch kommen“, meint der Leiter der Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen, Bernd Bornhorst. Aufgabe der Partner sei es, den nötigen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen, das Interesse zu wecken an sozialer Gerechtigkeit, der Einhaltung von Menschenrechten und funktionierenden Institutionen.

Die Mittelschicht sei mit ihrem Lebensstil das Vorbild der Armen. „Wir müssen zu einem gemeinsamen Verständnis zwischen wohlhabenderen und ärmeren Schichten darüber kommen, welche Formen von Wohlstand und Konsum wir anstreben können und wann Schluss ist“, sagt Bornhorst. Diesen Dialog könnten etwa in Lateinamerika verstärkt die Kirchen führen. Auch seien andere Formen der Zusammenarbeit mit Partnern nötig – beispielsweise, indem politische Forderungen nach einem besseren Bildungs- und Gesundheitssystem noch stärker unterstützt werden.

Kirchliche Entwicklungswerke könnten viel zum gesellschaftspolitischen Wandel in den Schwellenländern beitragen, meint auch die stellvertretende Direktorin des DIE, Imme Scholz. „Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit steht hier nicht an erster Stelle“ – zumal sie in den aufstrebenden Staaten an Bedeutung verliert. Diese müssten sich mit denselben Fragen beschäftigen wie die Industrieländer – etwa damit, wie sie klimaverträglich wirtschaften. Ihr Kollege Alejandro Guarín plädiert vor allem für Hilfen beim Aufbau von Steuersystemen, um den Wohlstand umzuverteilen und mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen.

Die junge Generation nimmt die Dinge selbst in die Hand

Imme Scholz sieht in erster Linie die nationalen Regierungen und Parlamente in der Pflicht. Sie müssten etwa mit ihrer Sozial- und Bildungspolitik dafür sorgen, dass Angehörige der Mittelschicht nicht zu Verlierern werden, und dazu bereit sind, sich an solidarischen Finanzierungsmodellen zu beteiligen. Klaus Seitz von Brot für die Welt hebt die Bedeutung einer sozialen Grundsicherung hervor, die allen Bedürftigen zugutekommt, das Risiko für die untere Mittelschicht verringert, wieder in die Armut abzustürzen, und den Wohlhabenden einen Solidarbeitrag abverlangt. Eine Aufgabe für die Bessergestellten wäre es dann, die Verwendung staatlicher Mittel stärker zu kontrollieren. Imme Scholz beobachtet das in zunehmendem Maße. „Sie übernehmen selbst Verantwortung und starten eigene Initiativen.“

Da ist zum Beispiel die „Enough-is-Enough“-Koalition in Nigeria. Junge Leute gründeten die Organisation vor zwei Jahren, um ihrer Regierung auf die Finger zu schauen. Sie setzen sich für gute Regierungsführung, mehr Transparenz bei den öffentlichen Ausgaben und zivilgesellschaftliches Engagement ein. Im kommenden Februar wollen sie mit dazu beitragen, dass die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen fair und frei ablaufen.

Das wollen auch die „Global Shapers“ im nordnigerianischen Kano, die zur Vorbereitung der Wahlen unter anderem eine wöchentliche Radiosendung gestartet haben. Sie gehören zu einem weltweiten Jugendnetzwerk, dessen gut ausgebildete Mitglieder sich für bessere Lebensumstände in ihren Ländern engagieren. Gegenwärtig sind fast 4200 junge Männer und Frauen in knapp 360 Gruppen engagiert. Ins Leben gerufen hat das Ganze allerdings keine Entwicklungsorganisation – sondern das Weltwirtschafts­forum in Davos.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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