„Die einzige und letzte Chance“

Deutsche Virologen warnen, dass die Ebola-Epidemie in Sierra Leone und Liberia kaum noch zu stoppen ist. Gisela Schneider, die Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm), war im September in Liberia. Im Interview erklärt sie, was jetzt getan werden muss, damit das Virus nicht noch viel mehr Menschenleben fordert.

Wie haben Sie die Situation in Liberia erlebt?
Im ganzen Land schütteln sich die Menschen nicht mehr die Hände. Jeder wäscht sich alle fünf Minuten die Hände. An Straßensperren werden die Leute kontrolliert. Wer Fieber hat, darf nicht weiter. Die Behandlungszentren für Ebola sind voll. Sie leisten hervorragende Arbeit, können aber nur noch Patienten aufnehmen, wenn andere sterben oder geheilt entlassen werden. Das große Problem ist, dass das Virus jetzt auch in der Millionenmetropole Monrovia außer Kontrolle ist. Eine Ebola-Epidemie im urbanen Raum hat es noch nie gegeben.

Wie sind die Krankenhäuser, die Sie besucht haben, auf diese Epidemie vorbereitet?
Fünf der sechs Kliniken tragen ein hohes Infektionsrisiko, weil sie ankommende Patienten und Angehörige nicht bereits vor Betreten des Krankenhauses auf Ebola untersuchen können. Zwei Krankenhäuser haben deswegen bereits zwölf Mitarbeitende verloren. Die Pflegekräfte und Ärzte sind sehr besorgt. Es ist wichtig, dass wir den Menschen die Angst nehmen, sie beraten und mit dem Material ausstatten, das sie zu ihrem eigenen Schutz brauchen. Die normale Arbeit in dem Krankenhaus muss weitergehen. Malaria und Durchfallerkrankungen gibt es ja nach wie vor und Frauen müssen weiterhin ihre Kinder sicher auf die Welt bringen können.

Was muss jetzt getan werden?
Wenn wir sehr schnell handeln, haben wir noch eine Chance. Die Epidemie kann nicht alleine von den Behandlungszentren aus gestoppt werden. Dort werden Ebola-Patienten fachgerecht behandelt. Aber es gibt sehr viele Infizierte in den Dörfern, die vielleicht schon andere angesteckt haben, von denen wir noch nichts wissen. Wir müssen dort ansetzen, wo sich die Leute anstecken. Diejenigen, bei denen ein Verdacht auf Ebola besteht, müssen isoliert werden. Ihre Angehörigen müssen lernen sich vor Infektion zu schützen. Patienten dürfen nicht weiterhin auf eigene Faust zu einem Behandlungszentrum transportiert werden. Viele Taxi- und Ambulanzfahrer sind erkrankt oder bereits gestorben. Der Infektionskreislauf muss durchbrochen werden. Ich bin davon überzeugt, dass wir das am besten mit den Menschen in den Dörfern schaffen.

Wie soll das in der Praxis umgesetzt werden?
Wie in vielen afrikanischen Ländern gibt es auch in Liberia sogenannte Dorfgesundheitshelfer, die eine medizinische Basisversorgung auf dem Land sicherstellen. Die müssen für Ebola geschult werden und dann in die Dörfer gehen und jede Familie fragen, ob sie in den vergangenen drei Wochen auf einer Beerdigung waren oder anderen Patientenkontakt hatten. Sollte eine Person Fieber haben, wird diese Person in ihrem Haus isoliert, bis geklärt ist, ob es sich um Ebola oder um Malaria, Cholera oder etwas anderes handelt. Dabei wollen wir die Familie ausrüsten, damit sie sich schützen kann und die Patienten auch eine Grundversorgung bekommen. Nur so können wir die große Zahl der Infizierten erreichen. Allein die Schwerkranken können wir noch in die Behandlungszentren bringen, und das nur mit besonders geschützten Krankenwagen. Mit der Weltgesundheitsorganisation in Monrovia haben wir diesen gemeindebasierten Ansatz ausgearbeitet.

Kann das liberianische Gesundheitssystem  so einen Ansatz überhaupt stemmen?
Es braucht jetzt ein Heer an lokalen Helfern und solche, die sie ausbilden. Sie müssen geschult und so ausgestattet werden, dass wir ihnen die Angst nehmen, sich bei dieser Arbeit anzustecken. Damit wir genügend Leute finden, müssen wir aber auch ordentliche Gehälter und einen Risikoaufschlag zahlen. Sonst macht niemand mit.

Wie teuer wird das?
Wir haben ein Programm aufgesetzt, das in fünf Regionen umgesetzt werden soll und erst einmal bis Weihnachten läuft. Damit können wir etwa 40.000 Menschen erreichen. Schulungen, Gehälter und die Ausstattung mit Handschuhen, Gummistiefeln, Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln und Basis-Medikamenten werden etwa 250.000 Euro kosten. Das ist viel Geld. Aber es ist unsere einzige Chance.

Wie groß ist die Aussicht auf Erfolg?
Ich kann nicht versprechen, dass es funktioniert. Und die Zeit ist gegen uns. Aber was bisher gemacht wurde, hat auch nicht funktioniert. Aber wenn die Behandlungszentren weiterhin so gute Arbeit leisten und wir auf der anderen Seite verhindern, dass sich neue Leute anstecken, dann haben wir eine Chance. Das Potenzial der lokalen Bevölkerung zur Selbsthilfe ist sehr groß.

Welche Rolle spielen die Kirchen beim Kampf gegen Ebola?
Die Pfarrer sind fast nur noch mit Beerdigungen beschäftigt. Und die Gottesdienste sind voller denn je. Die Menschen suchen Halt und Trost. Aber die Ansteckungsgefahr in vollen Kirchen ist nicht zu unterschätzen. Der lutherische Bischof von Liberia hat deshalb überlegt, ob alle Kirchen geschlossen werden sollten. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass gerade jetzt die Kirchen die Menschen mit ihren Ängsten und ihrer Trauer nicht allein lassen. Die geistliche Begleitung ist sehr wichtig.

Beerdigungen gelten als besonders kritisch. Bieten die Kirchenden Menschen andere Rituale an, bei denen sie die Toten nicht berühren?
Solche Rituale gibt es schon längst aus der Zeit des Bürgerkriegs. Da konnten die Menschen ihre Toten oft auch nicht richtig verabschieden, weil sie verschwunden oder nicht mehr identifizierbar waren. Diese Beerdigungsform wird jetzt wieder angewandt. In einem Gottesdienst verabschieden sich die Menschen kollektiv, indem jeder einen Gegenstand, der ihn an den Toten erinnert, auf den Altar legt.

Es gibt Berichte, dass einige Pfarrer in Liberia Ebola als Strafe Gottes bezeichnen und Kranke und ihre Angehörigen stigmatisieren. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Nein, aber es wundert mich nicht. So etwas gibt es immer, wenn Epidemien ausbrechen. Bei HIV und Aids war und ist das zum Teil ja noch immer ein Thema.

Versuchen die Kirchen in Liberia solchen Stimmen etwas entgegenzusetzen?
Das große Problem bei Ebola ist, dass uns die Zeit davonläuft. Ebola verläuft im Gegensatz zu Aids rasant. Und derzeit sind die Kirchen damit beschäftigt, die vielen Toten zu beerdigen. Vielleicht wird man irgendwann, wenn alles vorbei ist, aufwachen und reflektieren, was da eigentlich passiert ist.

Was können die Kirchen in Deutschland tun?
Die kirchlichen Krankenhäuser brauchen dringend finanzielle Unterstützung. Es rächt sich jetzt, dass viele Kirchen und Hilfswerke aus entwicklungspolitischen Gründen vor 20 Jahren aufgehört haben, kirchliche Krankenhäuser in Afrika direkt zu unterstützen. Die Infrastruktur in vielen Krankenhäusern ist veraltet und es fehlt überall an der Ausstattung. Was aber jetzt erneuert wird, um mit der Ebola-Epidemie fertig zu werden, stärkt das Gesundheitssystem für die Zukunft. Die Behandlungszentren werden wieder abgebaut, wenn die Epidemie einmal vorbei sein sollte. Die Krankenhäuser aber werden bleiben.

Die Fragen stellte Katja Dorothea Buck.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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