Kirche der Frauen

Pfingstkirchen wachsen überall auf der Welt – und Frauen haben daran großen Anteil. Sie können sich bei den Pfingstlern stärker einbringen als in anderen Kirchen. Und manchmal hilft ihnen die Kirche sogar, den Mann zurück in die Familie zu holen

Pfingstler betonen die direkte Erfahrung des Heiligen Geistes, die den Empfangenden ermächtigt. Deshalb gab es von Anfang an in Pfingstkirchen wesentlich mehr Frauen mit Leitungsfunktionen als in den meisten anderen Formen des Christentums. Doch für Frauen ist die Bewegung auch attraktiv, weil sie der Familie hohen Stellenwert zuschreibt und weil die von der Bekehrung bedingten Veränderungen im Lebensstil sozialen Aufstieg mit sich bringen. Beides bewirkt, dass Frauen in Gesellschaften respektiert werden, in denen sie nur allzu oft nichts gelten.

Autoren

Janet Meyer Everts

ist Lehrbeauftragte für Religion am Hope College in Holland, Michigan, USA.

Allan H. Anderson

ist Professor für Missions-wissenschaft und Pentekosta-lismusforschung an der University of Birmingham, UK.
Doch viele Wissenschaftler, die die Pfingstbewegung untersuchen, ignorieren zwei wichtige Fragen. Die erste lautet: Warum sollten Frauen, die eine Form des Christentums suchen, in der die Familie hohen Wert hat, die Pfingstbewegung vorziehen gegenüber anderen Ausprägungen des Protestantismus? Die Frage ist besonders interessant im Fall Lateinamerikas, wo es fast viermal so viele Pfingstler gibt wie andere Protestanten. Auch die betonen aber den Wert der Familie; missbilligen Alkoholkonsum, Rauchen und außerehelichen Sex. Die zweite Frage lautet, ob die Ermächtigung für den geistlichen Dienst mit der Stärkung der Frauen in der Gesellschaft zusammenhängt.

Elaine Lawless, die in den 1980er Jahren zwei Studien über Pfingstgemeinden und Pastorinnen veröffentlicht hat, gibt aus der Perspektive als Volkskundlerin wichtige Hinweise, warum die Pfingstbewegung so attraktiv für Frauen ist. In den Gottesdiensten der Gemeinden gibt es eine Fülle an Ausdrucksformen: Singen, Beten, Heilen, Predigen, Zungenreden. Frauen besuchen diese Gottesdienste und beteiligen sich auch in größerer Zahl und intensiver als Männer, weil ihnen nicht viele Foren für solche Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Daher machen sie umfassend Gebrauch von dieser Chance, sich zu artikulieren.

Was Lawless in den Vereinigten Staaten festgestellt hat, deckt sich mit Beobachtungen in Lateinamerika und in Latino-Gemeinden in den USA. Eli­zabeth Brusco schildert ihre erste Erfahrung eines Gottesdienstes in einer Pfingstgemeinde von Latinos in den USA, in der „die Frauen fast den ganzen Gottesdienst aus der Mitte der Gemeinde gestalteten“.

Außerhalb der Pfingstkirchen dürfen Frauen nur singen oder Klavier spielen

In Mittelamerika ist der Gegensatz zwischen den Pfingstkirchen und den andern Protestanten besonders ausgeprägt. Außerhalb der Pfingstkirchen wirken Frauen nur sehr beschränkt am Gottesdienst mit. Sie singen vielleicht oder spielen Klavier, aber sie haben selten eine leitende Funktion, es sei denn, sie sind Besucherinnen aus Nordamerika. Im Gegensatz dazu sind in den meisten Pfingstkirchen Frauen sowohl in den musikalischen Dienst als auch in den „Altardienst“ aktiv eingebunden, bei dem die Gottesdienstteilnehmer zum Gebet nach vorne kommen.

Beobachten konnte ich in Trujillo in Honduras, dass Frauen in den Gottesdiensten jeder Pfingstgemeinde, aber auch an Diensten außerhalb der Gemeinde aktiv mitwirkten. In einer der größeren Gemeinden leiteten Frauen den Anbetungsteil, und eine Tanzgruppe von Mädchen half, die Preislieder anzuleiten. Viele ältere Frauen machten beim Altardienst mit. Eine der Pastorenfrauen ist selbst Pastorin und predigt nicht nur in der Gemeinde, sondern ist auch die offizielle protestantische Seelsorgerin im örtlichen Gefängnis, einem der berüchtigtsten in Honduras. Hier war klar zu erkennen, dass ein enger Zusammenhang besteht zwischen der Freiheit von Frauen, sich im Gottesdienst auszudrücken, und ihrer Freiheit und Autorität, selbst als Geistliche zu wirken und zu predigen.

In der Regel hört man in einem Gottesdienst auch mindestens ein „Zeugnis“ von einer Frau. Das sogenannte Zeugnis ist eine der häufigsten Formen des mündlichen Ausdrucks in Pfingstkirchen. In jeder Pfingstgemeinde geht es in der populärsten Form des Zeugnisses um Geschichten der Befreiung – von Drogen und Alkohol, aus einer hoffnungslosen Lage, von dämonischen Mächten – und um die Bekehrung von der Dunkelheit zum herrlichen Licht Christi. Ein Zusammenhang mit dem, was die Ethnologin Elizabeth Brusco als „Reformation des Machismo“ bezeichnet hat, ist leicht zu erkennen.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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