Es zählt, was hinten rauskommt

Entwicklungszusammenarbeit ist teuer. Oft entstehen Kosten, die sich vermeiden ließen, wenn man den Leuten, denen man helfen will, einfach Geld in die Hand drückt. Die Vorbehalte gegen diese Strategie sind längst entkräftet.

Wolfgang Ammer
Jahr für Jahr fließen Milliarden Dollar von reichen Ländern in arme Länder. Kühe, Ziegen, Saatgut, Bohnen, berufliche Weiterbildung, Mikrokredite und vieles mehr wird mit dem Geld bezahlt. Das Ziel: den Armen Dinge zu geben, die sie sich nicht leisten können. Oder ihnen das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben, um mehr Geld zu verdienen. Solche Hilfe führt oft zum Erfolg. Aber dieser Erfolg ist häufig zu teuer erkauft. Manchmal liegt das an den Personal- und Verwaltungskosten, meistens aber an der teuren Beschaffung und Verteilung der Güter.

Kühe sind ein gutes Beispiel. Viele westliche Organisationen spenden Nutztiere und trainieren arme Haushalte, das Vieh aufzuziehen und langfristig davon zu profitieren. Die Kühe selbst kosten nur ein paar hundert Dollar. Teuer sind die Nebenkosten. Empfänger müssen ausgewählt, Spenden verwaltet und die Tiere transportiert werden. Die indische Agentur Micro Credit Rating hat ausgerechnet: Die gemeinnützige Organisation Bandhan investiert 331 US-Dollar, um Nutzvieh und Zubehör im Wert von 166 Dollar zu beschaffen. Und laut einer Studie gibt die US-amerikanische Hilfsorganisation Heifer International bis zu 3000 US-Dollar für eine trächtige Kuh samt dazugehörigem Training aus.

Gewiss reduzieren solche Programme Armut: Besser eine Kuh haben, als keine haben. Aber es entstehen vermeidbare Kosten, wenn das Geld nicht direkt an die Armen geht. Die Organisation Bandhan könnte doppelt so viele Haushalte mit Bargeld im Wert einer Kuh versorgen; Heifer könnte statt eine einzige Kuh an eine Familie jeweils 300 Dollar an zehn Familien verteilen. Das entspricht rund der Hälfte des Pro-Kopf-Einkommens von Ruanda. Macht eine Sachspende wirklich Sinn, wenn man stattdessen doppelt oder gar zehnmal so vielen Haushalten helfen kann? 

Studien belegen die Wirkung von Geldzahlungen

Die Antwort vieler Hilfsprogramme auf diese Frage lautet mittlerweile: Nein. Immer öfter werden Direktzahlungen statt traditioneller Formen von Hilfe empfohlen. Um Armut zu reduzieren, funktioniere das genauso gut oder sogar besser. Das ist dank neuer Studien zur Wirksamkeit von Entwicklungshilfe zum ersten Mal auch wissenschaftlich belegt. Und die Ergebnisse bringen einige heilige Kühe ins Wanken.

Autoren

Christopher Blattman

lehrt Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen an der Columbia University.

Paul Niehaus

lehrt Volkswirtschaft an der Universität von San Diego.
Ein gutes Beispiel sind Mikrokredite – kleine, kurzfristige Darlehen für Unternehmer, die sich bei Banken kein Geld leihen können. Die Kleinstkredite, so die Logik,  sollen ihnen die nötige Starthilfe geben. In den 1990er Jahren  eroberte diese Idee die entwicklungspolitische Welt im Sturm. Erst viel später stellten Studien den Erfolg von Mikrokrediten in Frage. Es gab nur wenige Belege dafür, dass mit ihrer Hilfe die Armut reduziert werden kann.

Eine andere populäre Strategie sind Wirtschaftstraining und Berufsbildung. „Gib einem Mann einen Fisch, und du nährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen, und du nährst ihn ein Leben lang“, lautet das Sprichwort. Doch was bei solcher Beratung oder Fortbildung am Ende herauskommt – sei es Angeln, Landwirtschaft oder Textverarbeitung –, ist alles andere als eindeutig. 2012 sind die Wirtschaftswissenschaftler David McKenzie und Christopher Woodruff in 13 Fallstudien in Entwicklungsländern dieser Frage nachgegangen. Dabei fanden sie heraus, dass Trainingsangebote für Unternehmer langfristig wenig Wirkung auf deren Umsatz und Profit hatten. 

Stattdessen wird zunehmend klar: Direkte Geldtransfers führen oft zu langfristigem Erfolg. Fabrikarbeiter in Äthiopien, Bauern in Ghana, Dorfbewohner in Kenia, Schülerinnen in Malawi und vom Krieg betroffene Menschen in Uganda – bare Münze brachte ihnen allen klare Vorteile. Geprüft wurde das über ungewöhnlich lange Zeiträume: fünf Jahren in Sri Lanka, vier Jahre in Uganda. Deshalb gibt es dazu detailliertere Daten als für andere Strategien der Armutsbekämpfung. Die Daten zeigen, dass einmalige Geldzahlungen zu langfristigen Einkommenszuwächsen führen.

Dennoch stehen viele Geldgeber, einschließlich Regierungen, Hilfsorganisationen und Entwicklungsexperten, ihnen kritisch gegenüber. Sie bringen die altbekannten Bedenken vor: Arme Menschen sind nicht in der Lage oder nicht willens, armutsmindernde Investitionen zu tätigen, Männer versaufen das Geld, fleißige, aber ungebildete Arme unternehmen nicht die richtigen, erfolgversprechenden Schritte. Und außerdem verstärken Direktzahlungen die Abhängigkeit.

200 Dollar an Drogenabhängige und Kleinkriminelle

Die Datenlage sieht anders aus. Studie für Studie zeigt: Die Angst, dass Empfänger das Geld systematisch verschwenden, ist unbegründet. Ein extremes Beispiel lieferten der Koautor dieses Beitrags, Christopher Blattman, sowie Julian Jamison und Margaret Sheridan. Sie zahlten bedingungslos jeweils 200 Dollar an Drogenabhängige und Kleinkriminelle in den Slums von Liberia. Anders als erwartet gaben die Empfänger einen Großteil des Geldes für Grundbedürfnisse aus oder gründeten eigene Unternehmen.

Menschen sind arm, nicht weil es ihnen an Tatkraft,  sondern weil es ihnen an Ressourcen und Möglichkeiten mangelt – an Dingen also, die man meistens für Geld kaufen kann. Die Geber sollten sich bei jedem einzelnen Spendendollar fragen: Tun wir damit mehr Gutes für die Armen, als sie es selbst könnten? Bargeldtransfers könnten als eine Art Index-Fonds für die Entwicklungszusammenarbeit dienen. Solche Fonds bündeln Investitionen, werden aber nicht aktiv verwaltet, um die Kosten für Investoren möglichst niedrig zu halten. Sie spiegeln einfach den Wert bestimmter Anlagen und die Unterschiede zwischen ihnen. So gesehen ist ein Geldtransfer wie eine Entwicklungsintervention minus Verwaltungskosten; der Wert der Investition spiegelt sich im Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Empfänger. Geldtransfers dienen so als Maßstab, um die Leistung von Regierungsbeamten und Entwicklungsexperten evaluieren zu können. Das erhöht den Druck auf den Hilfesektor, Transparenz und Glaubwürdigkeit zu steigern. 

Zugegeben: Ein Allheilmittel sind die Direktzahlungen nicht. Nicht jeder hat das Talent oder die Gelegenheit, lohnende Investitionen zu tätigen. Manchmal geht es nicht ohne Fachleute. Das gilt etwa für viele öffentliche Güter wie Gesundheit:  Wer ein Moskitonetz kauft, um Malaria vorzubeugen, reduziert damit zugleich das Krankheitsrisiko seines Nachbarn. Das ist der gesellschaftliche Wert der Investition. Vielleicht kostet das Netz mehr, als es für den Einzelnen wert ist. Aber die Kosten sind niedriger als der Wert für die Gemeinschaft. In diesem Fall spricht viel dafür, dass Geber den Preis des Moskitonetzes subventionieren oder es einfach spenden.

Die Konkurrenz, die der traditionellen Entwicklungshilfe aus direkten Geldtransfers erwächst, wird umso größer werden, je billiger solche Transfers dank neuer Technologien werden. Die Organisation GiveDirectly (deren Präsident Paul Niehaus ist, der Koautor dieses Artikels) versorgt bereits arme Haushalte in Ostafrika mit bedingungslosen Zahlungen auf Konten auf ihren Mobiltelefonen. Die Kosten liegen bei weniger als zehn Cent pro Dollar. Wenn sie weiter sinken, können die Geber Bartransfers endgültig nicht mehr als irgendeine exzentrische Entwicklungsstrategie abstempeln, sondern müssen sie als eines der vernünftigsten Mittel zur Armutsbekämpfung akzeptieren.

Der Beitrag ist in leicht geänderter Form zuerst in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ erschienen. Copyright (2014) by the Council on Foreign Relations, Inc.

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