„Mir wurde sogar vorgeschlagen, in Gambia zu heiraten“

Anke Rosenau ist seit frühester Kindheit körperbehindert und auf Gehhilfen oder den Rollstuhl sowie teilweise auf pflegerische Hilfe angewiesen. Trotzdem hat sie vor einigen Jahren mit weltwärts einen Freiwilligendienst in Afrika absolviert – als erste Teilnehmerin mit einer Behinderung. Seitdem schreibt sie an ihrer Doktorarbeit im Bereich Sonderpädagogik, in der sie ihre eigenen und die Erfahrungen anderer behinderter weltwärts-Freiwilliger auswerten will.

Anke Rosenau mit einer der Töchter aus ihrer Gastfamilie in Gambia.
welt-sichten: Frau Rosenau, wir führen dieses Gespräch, weil Sie die erste weltwärts-Freiwillige mit Behinderung sind. Ärgert Sie das eigentlich, wenn Ihre Behinderung derart in den Vordergrund gerückt wird?

Anke Rosenau: Ich versuche daraus eher Nutzen zu ziehen. Sie haben mir dieses Interview angeboten und ich habe es angenommen. So kann ich vielleicht anderen Leuten als Vorbild dienen und ihnen zeigen, was alles möglich ist. Ich mache also aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke. So habe ich das auch in der Vergangenheit schon gemacht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit weltwärts nach Afrika zu gehen?

Ich hatte eigentlich gar nicht vor, einen Freiwilligendienst zu machen. Ich wollte im Rahmen meines Pädagogik-Studiums mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik nur ein Praktikum im Ausland machen. Mein damaliger Dozent schlug mir das irgendwann vor, und ich dachte erst, er macht Witze. Was sollte ich denn im Ausland? Ich mit Behinderung kann das doch gar nicht, dachte ich damals. Das war 2006, und es hat dann letztlich gut drei Jahre gedauert, bis ich tatsächlich nach Gambia gereist bin. 

Und wie sind Sie auf weltwärts gekommen?

Das hat mir mein Dozent vermittelt. Der Dienst war damals noch neu, und die haben mir das angeboten, mich mitzunehmen. Aus heutiger Sicht war ich vielleicht eine Art Aushängeschild. Aber das war ich gern.  

Was haben denn Ihre Freunde und Familie zu Ihrem Entschluss gesagt?

Die haben reagiert wie ich anfangs selbst auch: „Erzähl' nur, am Ende machst du es ohnehin nicht.“ Gar nicht, um mich kleinzureden, sondern weil es wirklich ein großes Projekt für mich war. Irgendwann war ich dann so weit mit der Planung, dass auch meine Freunde gesagt haben: „Jetzt musst du es machen, sonst wirst du dich dein Leben lang ärgern.“ 2009 bin ich dann zunächst für zwei Wochen nach Gambia gefahren, um zu sehen, wie die Begebenheiten sind und ob das Leben dort für mich machbar ist. Später im selben Jahr bin ich dann zu meinem Dienst ausgereist.

In welcher Einrichtung haben Sie Ihren Dienst absolviert?

In einer Einrichtung für blinde Menschen. Die Leute wurden dort unterrichtet, aber auch in anderen Dingen unterstützt.

Wie wurden Sie dort aufgenommen?

Nun ja, ich konnte vieles nicht so machen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich glaube, ein Grund dafür ist, dass es für die Leute in Gambia eher fremd war, dass eine behinderte Frau aus dem Ausland kommt und bei ihnen arbeitet. Sie haben sich alle Mühe gegeben, dass ich Fuß fassen kann, aber die Gegebenheiten waren teilweise schwierig.

Inwiefern?

Es gab an meiner Arbeitsstätte zum Beispiel keine Autos, die mich irgendwo hätten hinbringen können. Die einheimischen Mitarbeiter waren auf eigenen Motorrädern unterwegs – für mich undenkbar. Und ich konnte den Unterricht nicht so gestalten, wie ich es gern gehabt hätte. Da gab es Einwände von den Lehrern.

Glauben Sie, dass das mit Ihrer Behinderung zu tun hatte?

Das hat bestimmt eine Rolle gespielt, aber ich denke, es hatte auch damit zu tun, dass ich aus einem Industrieland komme. Ich dachte damals, es müsste so eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen mir und den  blinden Menschen in Gambia herrschen, aber das war zu naiv, wie ich heute weiß. Dafür waren die Ausgangsbedingungen zwischen uns zu unterschiedlich.

Weil Sie aus einem reichen Land kamen ....

Ja, das wurde noch einmal deutlich, als ich am Ende meines Dienstes einen Workshop zum Empowerment und zur Stärkung des Selbstwertgefühls mit den blinden Schülern und Schülerinnen machen wollte. Da haben viele gesagt: „Du weißt doch gar nichts davon, du bist doch gar nicht von hier. Du kannst um die Welt reisen, aber wir sind hier in einem Land der Dritten Welt gefangen.“

Wie war es in Gambia speziell als behinderte Frau?

Naja, ich habe nicht dem gängigen Frauenbild dort entsprochen. Ich war damals Ende 20, nicht verheiratet, ohne Kinder und alleine in der Welt unterwegs. Das haben viele Leute nicht verstanden. Mir wurde sogar vorgeschlagen, in Gambia zu bleiben und zu heiraten. Mit meiner Behinderung hätte ich vielleicht keine Chance als Erstfrau, aber durchaus als Zweit- oder Drittfrau.

Hatten Sie eine Assistenz in Gambia?

Ich war sowohl tagsüber als auch nachts auf Hilfe angewiesen. Das haben die Frauen in der Familie übernommen, in der ich untergebracht war.

Hat das weltwärts finanziert?

Zum Teil. Wenn man in Deutschland als pflegebedürftig eingestuft ist, kann man Mittel beantragen für Aufenthalte im außereuropäischen Ausland. Zudem durfte ich weltwärts-Projektmittel zu diesem Zweck umwidmen. Mit dem Geld habe ich die Familie für ihre Unterstützung bezahlt.

Bis jetzt gibt es weltwärts-Einsätze von behinderten Frauen und Männern nur als Pilotprojekte. Hat sich der Freiwilligendienst seit Ihrem Einsatz für Menschen mit Behinderung weiter geöffnet?

Mir scheint, dass die Verantwortlichen durchaus offen dafür und auf dem richtigen Weg sind.

Was wollen Sie in Ihrer Doktorarbeit herausfinden?

Ich möchte meine eigenen und die Erfahrungen anderer behinderter weltwärts-Frewilliger auswerten und nutzbar machen für andere, die sich für einen Freiwilligendienst interessieren. Ich will herausfinden, was sie erlebt haben und wie mit den behinderten Frauen und Männern in den verschiedenen Ländern umgegangen wurde. Meine Idee ist, dass daraus eventuell eine Art Wegweiser entstehen könnte, wie anderswo mit Andersartigkeit umgegangen wird. Vielleicht können wir in Deutschland ja auch etwas davon lernen. Und natürlich will ich einen Beitrag dazu leisten, dass weltwärts sich weiter öffnet, auch für Menschen, die schwerer behindert sind als ich.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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