Flächendiät für Deutschland

Jeden Tag verschwindet in der Bundesrepublik eine Fläche von hundert Fußballfeldern fruchtbaren Bodens unter Beton. Bund, Länder und Kommunen sind sich einig, dass das so nicht weitergehen darf. Aber Umsteuern ist schwierig.

Versiegelt und plattgewalzt: Arbeiten an der Start- und Landebahn des Flughafens Kassel-Calden im Juli 2012.Uwe Zucchi dpa/Picture Alliance
Ein Neubaugebiet? Dafür müssten Hunderte Obstbäume fallen, Grün- und Ackerflächen gingen verloren, Feldlerchen, Nachtigallen und Steinkäuze würden vertrieben. Die Zahl der Autos, die sich jeden Morgen durch die enge Hauptstraße des Frankfurter Stadtteils Bonames zwängen, würde hingegen erheblich steigen. Das jedenfalls befürchtet die örtliche Bürgerinitiative und läuft Sturm gegen die Stadtplaner. Die sehen sich zudem mit mehr als einem Dutzend weiterer Initiativen konfrontiert, die neue Siedlungen am Rande der Bankenmetropole stoppen wollen. Es gebe genügend Flächen, die bereits versiegelt sind und für Bauvorhaben genutzt werden könnten, argumentieren die Gegner.

Über die Bebauung von Wiesen und Feldern wird zwischen Kommunen und Bürgern in Deutschland häufig gestritten. Die einen wollen Geld verdienen, indem sie Investoren Land für Wohnungen verkaufen oder mit der Ansiedlung von Unternehmen Grund- und Gewerbesteuern einnehmen. Die anderen möchten ihre Lebensqualität im Grünen erhalten und die Natur schützen. Auch manche Bauern wehren sich vehement dagegen, wenn ihre Äcker Straßen oder Einkaufszentren zum Opfer fallen sollen – andere hingegen verkaufen, weil ihr Grund und Boden als Bauland mehr wert ist.

Dass Länder mit wachsender Bevölkerung wie China, Indien oder Nigeria mehr Flächen für Siedlungen und Gewerbe brauchen, leuchtet ein. In Deutschland hingegen sinkt die Einwohnerzahl seit Jahren, und trotzdem müssen Äcker, Wiesen und Weiden weichen. Das liegt unter anderem daran, dass die Zahl der Haushalte und die Platzansprüche gestiegen sind – zwischen 1998 und 2013 von 39 auf 45 Quadratmeter pro Kopf. Immer mehr Menschen besitzen Ferienhäuser und Zweitwohnungen, auch die Industrie und öffentliche Einrichtungen bauen gerne großzügig. Subventionen für den Bau von Eigenheimen und Einkaufszentren auf der grünen Wiese haben die Entwicklung verstärkt. 

"Kein Respekt gegenüber fruchtbarem Boden"

Ein ähnlicher Trend zeigt sich nicht nur in der Bundesrepublik, sondern europaweit. „Eine Respektlosigkeit gegenüber fruchtbaren Böden“, meint Gertrude Penn-Bressel, die beim Umweltbundesamt in Dessau das Fachgebiet „Nachhaltige Raumentwicklung, Umweltprüfungen“ leitet. Die regionalen Unterschiede sind groß, Deutschland liegt laut dem Projekt Corine Land Cover (CLC), das die Landbedeckung und Landnutzung in Europa erfasst, im Durchschnitt. Vor allem in Irland und in Spanien sei während des Immobilienbooms „unglaublich viel Fläche verbraucht worden“, sagt Getrude Penn-Bressel.

Wissenschaftler des europäischen Institutes für Umwelt und Nachhaltigkeit warnen davor, weiter Böden in Europa zu versiegeln, und prognostizieren hohe Einbußen bei der Produktion von Lebensmitteln. Davon abgesehen schadet der Flächenfraß der Umwelt. Fruchtbarer Boden und Lebensräume für Tiere und Pflanzen gehen verloren, Landschaften werden zerschnitten, Grundwasser kann sich schwerer neu bilden und die Gefahr von Überschwemmungen steigt.

Hinzu kommen soziale und wirtschaftliche Schäden: Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese gefährden die Existenz von Einzelhändlern und Dienstleistern in den Städten und Dörfern, die Ortskerne veröden. Die Kommunen tragen zudem erhebliche zusätzliche Kosten, weil sie die Neubausiedlungen und Gewerbegebiete an die Infrastruktur anbinden müssen.

Nicht mehr als 30 Hektar pro Tag

Im Grunde sind sich Bund, Länder und Kommunen einig: Der Flächenfraß darf nicht in diesem Tempo weitergehen. Die Bundesregierung hat sich bereits 2002 die Forderung des Rates für Nachhaltige Entwicklung zu eigen gemacht, dass bis 2020 nur noch 30 Hektar täglich zusätzlich versiegelt werden sollen – in den Jahren 2009 bis 2012 waren es laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 74 Hektar, mehr als doppelt so viel. Das entspricht einer Fläche von hundert Fußballfeldern. Dabei hat sich seit Ende der 1990er Jahre schon viel getan – damals gingen täglich noch 129 Hektar fruchtbares Land verloren.

Das 30-Hektar-Ziel ist in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verankert und wurde 2013 im Koalitionsvertrag noch einmal bekräftigt. Bereits 2005 hat der Bund die Eigenheimzulage abgeschafft. Es wurden zahlreiche Forschungs- und Förderprogramme aufgelegt, um für Kommunen „best practice“-Modelle zum Flächensparen zu entwickeln und zu verbreiten. Auch Umweltschutzorganisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben sich daran beteiligt.

IImmerhin acht von 16 Bundesländern haben in ihren Landesentwicklungsplänen eigene Reduktionsziele ausgewiesen. Und der Deutsche Städte- und Gemeindebund bekennt sich zum „innovativen Flächenmanagement“: Es soll Innenstädte und Ortskerne stärken, Baulücken schließen und Brachflächen nutzen. Das ist seit der Novelle des Baugesetzbuches vom Sommer 2013 nun auch gesetzlich verankert: Jede Umwandlung von Flächen, die als Wald oder für die Landwirtschaft genutzt werden, muss begründet werden. Zugleich müssen die Planer nachweisen, dass es keine Möglichkeiten gibt, innerstädtisch zu bauen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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