„Nährstoffe zurück auf den Acker“

Kann und soll man die Weltbevölkerung mit organischer Landwirtschaft ernähren – ohne Kunstdünger und Herbizide? Ja, sagt Hans Rudolf Herren von der Stiftung Biovision; unmöglich, meint Juan Gonzalez-Valero vom Agrarkonzern Syngenta. Auch über den besten Weg, die Erträge in Afrika zu steigern, sind sie nicht einig. Vom Pflügen aber halten beide nichts – dem Boden zuliebe.

WS: Ist das Modell der intensiven Landwirtschaft in Europa, Amerika und Asien am Ende?

Herren: Ja, schon einige Zeit. In Asien zum Beispiel steigert mehr Dünger die Erträge nicht mehr. Und in den USA müssen Studenten Unkräuter von Hand herausreißen, weil die Chemie nichts mehr nützt. Mir hat das ein Bauer gesagt, der Gentech-Pflanzen anbaut, dreimal spritzt und trotzdem verunkrautete Flächen hat.

Gonzalez-Valero: Das ist ein Problem, das vor allem die amerikanische Landwirtschaft trifft, weil sie auf ein einziges Herbizid ausgerichtet ist, nämlich Glyphosat. Dass da Resistenzen auftreten, sollte niemanden überraschen. Das Modell intensive Landwirtschaft ist nicht am Ende, sondern muss sich weiter entwickeln und verbessern. Dazu gehören Methoden der besseren Bodenbearbeitung, bessere Fruchtfolgen und Nährstoffzyklen. Wir können aber nicht zurück zu weniger produktiven Systemen.

Herren: Wir schlagen vor, Wissenschaft und technische Innovationen zu nutzen – aber solche, die nicht auf Inputs von außen beruhen, sondern auf der eigenen Produktion auf dem Bauernhof, wie etwa organischen Dünger. Für die Bodenfruchtbarkeit ist es sehr wichtig, die Nährstoffzyklen zu schließen. Auch in der Schädlingsbekämpfung gibt es umweltfreundliche Lösungen. Eine Ertragssteigerung ist bereits heute mit natürlichen Methoden, ohne chemischen Dünger und Pflanzenschutzmittel möglich.

WS: Kann man so genug Nahrung für die wachsende und mehrheitlich in den Städten lebende Weltbevölkerung erzeugen?

Gonzalez-Valero: Die Fakten sprechen im Moment dagegen. Ohne künstlichen Stickstoffdünger wäre es nicht möglich, genug Kalorien für sieben Milliarden Menschen zu produzieren. Mehr Nährstoffe wieder auf den Acker zurückzuführen, sollte natürlich die Norm sein. Nur: Die Orte, wo Nahrung produziert und wo sie konsumiert wird, sind heute komplett getrennt außer in wenigen Landgebieten, etwa Afrikas. Es ist sehr schwierig, Pflanzennährstoffe aus der Stadt wieder auf die Äcker zu bringen. Das zweite Kernproblem ist die Kontrolle von Pflanzenkrankheiten, Insekten und Unkräutern. Grundsätzlich gibt es keine Landwirtschaft ohne Inputs von außen. Welche, ist eine Frage von Nutzen und Risiken. Da muss man abwägen und nicht auf Ideologien herumreiten. Alle Techniken haben Vor- und Nachteile.

Herren: Eine Landwirtschaft ohne Inputs gibt es zwar nicht, aber man kann seinen eigenen Dünger produzieren – mit der möglichen Ausnahme von Phosphatdünger, doch da kann man die Wahl der Feldfrüchte an die lokalen Verhältnisse anpassen. Es gibt Möglichkeiten, die Nährstoffzyklen zwischen Land und Stadt zu schließen.

WS: Menschliche Exkremente einsammeln und auf die Felder bringen?

Herren: Genau. Es gibt Toiletten, in denen Urin und Kot getrennt wird, so dass beides als Dünger verwendet werden kann. Wenn von neun Milliarden Menschen über die Hälfte in Städten wohnen, können wir es uns auf lange Sicht nicht leisten, Phosphat in den Kanal zu spülen.

WS: Wie soll man auf Dauer die Fruchtbarkeit der Böden erhalten?

Gonzalez-Valero: Andere Fruchtfolgen und nach Möglichkeit nicht pflügen. Der Pflug wurde erfunden, um dem Saatgut gegen Unkraut eine Chance zu geben. Aber Pflügen zerstört die Bodenstruktur und die Wasserhaltefähigkeit des Bodens. Heute haben wir viel bessere Möglichkeiten, Unkraut zu kontrollieren – unter anderem Herbizide, wenn man sie denn einsetzen möchte. Sie sind eine ökonomische und einfache Methode.

Herren: Der Pflug ist tatsächlich eine der dümmsten Erfindungen der Menschheit. Auch im Biolandbau wird noch gepflügt.

WS: Und die Kontrolle von Unkraut geht ohne Herbizide?

Herren: Das geht.

Gonzalez-Valero: Ja, mit der Hand.

Herren: Nicht unbedingt. Man muss dafür sorgen, dass der Boden immer bedeckt ist. Und wir brauchen weltweit Millionen Arbeitsplätze – warum nicht in der Landwirtschaft? Bauern müssen dafür aber vernünftig bezahlt werden. Zudem müssen wir das Leben auf dem Land für die Menschen wieder attraktiver machen.

WS: Das hieße weniger Ertrag pro Arbeitskraft – ein Ziel der Mechanisierung war, ihn zu erhöhen.

Gonzalez-Valero: Und den Arbeitsplatz attraktiver zu machen. Den ganzen Tag Unkraut rupfen ist harte Arbeit, die wenig erquickend ist.  

WS: Bedeutet organischer Anbau Ertragseinbußen?

Herren: Bei uns, in der Intensivlandwirtschaft, ja. Aber das gilt nur kurzfristig. In den USA hat man gezeigt, dass in jedem Jahr, in dem es ein bisschen zu trocken oder zu nass ist, der Bio-Landbau höhere Erträge bringt als der konventionelle. Mit dem Klimawandel gilt das jetzt für jedes vierte oder fünfte Jahr. Auf Dauer bringt der Biolandbau deshalb ungefähr gleich hohe Erträge. Außerdem geht es nicht nur um die Produktionsmenge. Bio-Gemüse enthält zum Beispiel weniger Wasser, aber mehr Nährstoffe und man kann es länger aufbewahren. Die intensive Landwirtschaft produziert auf Kosten der Wasser- und Bodenqualität und der Biodiversität.

Gonzalez-Valero: Im ökologischen Anbau sind die Erträge um 20 bis 30 Prozent niedriger. Die Studie, die Herr Herren gerade zitiert hat, belegt das auch. Es stimmt, dass sie weniger mit dem Wetter schwanken, aber eben auf einem niedrigeren Niveau.

WS: Man muss aber die globale Agrarproduktion steigern?

Gonzalez-Valero: Wenn wir so konsumieren wie heute, ja. Wenn wir das Konsumverhalten ändern und weniger tierische Produkte essen, können wir die Agrarproduktion vielleicht auf dem jetzigen Niveau halten. Und wir müssten die Verluste nach der Ernte verringern.

Herren: Das ist richtig. Allerdings produzieren wir heute bereits 4600 Kalorien pro Mensch und Tag – nur in Monokulturen und am falschen Ort. Bei uns können wir leicht mit weniger auskommen. Es ist totaler Blödsinn, dass Amerika oder Europa die Welt ernähren. Das Nahrungssystem muss lokalisiert, nicht weiter globalisiert werden. In Afrika und anderswo gibt es noch viel Potenzial, nachhaltig mehr zu produzieren.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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