Neue Früchte am Baum der Poesie

In Somaliland wächst die literarische Szene. Ein kleiner Verlag gibt westliche Klassiker auf Somali heraus und bietet somalischen Dichtern ein breiteres Publikum.

Die meisten Bücher, die nach 1972 auf Somali veröffentlicht wurden, waren akademische oder technische Titel, keine Literatur. Bevor sich eine Tradition des geschriebenen Wortes entwickeln konnte, begann der Krieg. Jama Musse Jama schätzt, dass seit 1988 etwa 200 Bücher auf Somali erschienen sind, fast alle außerhalb des Landes. Das zeigt, wie sehr Krieg eine Gesellschaft deformieren kann: Er kann sogar verhindern, dass sie ihr literarisches Potenzial entfaltet. Inzwischen wird wieder auf Somali publiziert. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Verlage wie Ponte Invisible: Sie drucken historische und neue Bücher auf Somali und übersetzen westliche Klassiker.

„Somalier lieben es, zu lesen“, sagt Jama Musse Jama, der den Verlag Ende der 1990er Jahre gegründet hat. Er glaubt wie die meisten Somaliländer fest daran, dass man keinen Staat ohne Kunst und Kultur aufbauen kann. Diese Überzeugung macht die wachsende Kunst- und Literaturszene Somalilands zu einer der interessantesten in Ostafrika. In Gesellschaften, die einen Bürgerkrieg überstanden haben, wird die Kultur in der Regel eher vernachlässigt, weil Geld und andere Ressourcen für andere Bereiche verwendet werden. Aber warum sollte die Kultur keine entscheidende Rolle spielen auf dem Weg eines Landes aus dem Konflikt? Vielleicht ist das die Lektion, die Somaliland Afrika erteilen kann.

Ponte Invisible hat bislang sechs Bände westlicher Klassiker auf Somali herausgebracht, darunter Kurzgeschichten von Anton Tschechow und George Orwells „1984“. Darüber hinaus wurden somalische Bücher auf Englisch übersetzt, etwa die Autobiographie von Mohamed Barud Ali, in der die Ereignisse dokumentiert sind, die zum Bürgerkrieg führten und Somalia schließlich zusammenbrechen ließen. Der Dichter Mohamed Ibrahim Warsame, genannt  Hadrawi, der auf den Straßen von Hargeisa mehr Begeisterung hervorruft als Mick Jagger von den Rolling Stones, konnte bei Ponte Invisible 2010 erstmals seine Werke veröffentlichen.

Es braucht eine kollektive Selbstbeobachtung

Jama Musse Jama hofft, dass irgendwann jede somaliländische Stadt eine Bibliothek hat. Seit drei Jahren versucht er, die Bürgermeister der mittleren und größeren Städte von seiner Idee zu überzeugen. Berbera, die Hafenstadt am Roten Meer, hat seinen Ruf inzwischen erhört – und er hofft, dass weitere folgen. Seine Stiftung versorgt ländliche Regionen mit einer mobilen Bibliothek. Sie sammelt seit Jahren Bücher und hat inzwischen 15.000 Exemplare beisammen. Die Zivilgesellschaft in Somaliland setzt sich ebenfalls für die Bildung ein: In Hargeisa sollte im Oktober die renommierte Gandhi-Bibliothek geschlossen werden. Das Justizministerium wollte auf dem Land bauen, auf dem sie sich befindet. Ein großer öffentlicher Aufschrei konnte das zunächst abwenden. Die Regierung hat nun versprochen, einen neuen Platz für die Bibliothek zu finden.

Denn alles steht und fällt mit Bildung. Und trotz Fortschritten muss Somaliland große Aufgaben bewältigen. Drei Viertel der Bevölkerung sind jünger als 25, das Durchschnittsalter liegt bei 17,2 Jahren. Die Hälfte der Somaliländer sind Analphabeten, mehr als zwei Drittel arbeitslos. Betrachtet man dann noch den Einfluss der Piraten vor der Küste, der islamistischen Miliz Al-Shabaab und den Ruf Europas, wo viele junge Leute eine bessere Zukunft für sich sehen, so steht die Regierung vor fast unlösbaren Aufgaben.

Es braucht Zeit, um eine Gesellschaft zu heilen und eine zerstörte Nation nach dem Krieg wiederaufzubauen. Fast 20 Jahre, nachdem in Somaliland der Frieden Einzug gehalten hat, scheint es, als brauche man eine kollektive Selbstbeobachtung: Die Menschen möchten schildern, was sie und ihre Familien vor, während und nach dem bitteren Bürgerkrieg erlebt haben.

Allzulange haben Außenstehende die Geschichten zumeist aus einem engen westlichen Blickwinkel erzählt. Doch nun gibt es Intellektuelle wie Ahmed Ibrahim Awale und Maxama Cabdi Dauud, die aus somalischer Sicht die Geschichte betrachten. Sie schreiben lieber auf Somali als in einer der alten Kolonialsprachen, wie das die meisten afrikanischen Schriftsteller tun. Sie wollen die Möglichkeiten ausloten, die ihre Muttersprache bietet.

Zwischen Somaliändern in der Diaspora und denen, die in der Heimat leben, hat sich eine einflussreiche Allianz gebildet: Sie vertritt die Ansicht, dass Kultur in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen sollte. Sie will außerdem gegen verbreitete Vorurteile gegenüber Somalia vorgehen. „Ich will mit der Idee aufräumen, dass die somalische Gesellschaft verrottet ist“, sagt Jama Musse Jama. „Aber es ist schwierig, das Außenstehenden zu vermitteln, die die Umstände hier nicht kennen.“ Das wichtigste sei jedoch, jungen Somaliländern eine Zukunftsperspektive zu bieten, fügt der Stiftungsdirektor hinzu.

Aus dem Englischen von Gesine Kauffmann.

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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