Neustart im arabischen Winter

Vor sechs Jahren war der Nahöstliche Kirchenrat totgesagt. Wegen anhaltender Misswirtschaft hatten sich alle westlichen Geldgeber zurückgezogen. Mit schlankeren Strukturen und einem neuen Profil gilt der Kirchenrat bei westlichen Hilfswerken nun wieder als förderungswürdig.

Den Gnadenstoß verpasste dem Middle East Council of Churches (MECC) der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) Ende 2009. Jahrelang hatte der Kirchenrat Gelder veruntreut, konnte keine transparenten Abrechnungen liefern und zahlte keine Sozialversicherungsbeiträge für seine Teilzeitangestellten. Als sich der EED als größter Geldgeber endgültig zurückzog, war der Rat mit Sitz in Beirut pleite und musste seine 25 Angestellten entlassen. Zurück blieb ein Schuldenberg von rund zwei Millionen US-Dollar.

Zurück blieben aber auch ein paar überzeugte Kämpfer für die nahöstliche Ökumene. Zusammen mit einigen Partnern aus dem Westen setzten sie sich in den vergangenen Jahren immer wieder zusammen, um neue, schlankere Strukturen zu erarbeiten, einen realistischen Tilgungsplan aufzustellen und klare Managementregeln mit entsprechenden Kontrollmechanismen festzulegen. Das ist ihnen offenbar gelungen. Seit Ende vergangenen Jahres laufen bei Michel Jalakh, dem neuen Generalsekretär des MECC, wieder Finanzierungszusagen aus aller Welt ein, darunter auch von Brot für die Welt/Evangelischer Entwicklungsdienst. Das Hilfswerk hat dem Kirchenrat unlängst 90.000 Euro für den Doppelhaushalt 2014/2015 bewilligt. Die Förderung sei mit Auflagen versehen, es herrsche aber Zuversicht, dass ein Neuanfang gelingen könne, sagt Ilonka Boltze, die bei Brot für die Welt das Referat Naher Osten, Süd-Kaukasus, Zentralasien leitet. Ein lokaler Berater, der auch mit anderen Partnerorganisationen in der Region an Fragen wie Management und Transparenz arbeitet, werde den MECC dabei unterstützen.

Die nächsten zwei Jahre werden für den MECC entscheidend sein. Das sehr viel kleinere Team muss nun zeigen, dass es verantwortlich mit dem Geld umgeht. Außerdem muss es den Kirchenrat zu einer funktionierenden ökumenischen Plattform machen, die alle nahöstlichen Kirchenleitungen an einen Tisch bringt und nach gemeinsamen Nennern sucht. In keiner anderen Weltregion ist das schwieriger als im Nahen Osten. Hier sind alle großen Kirchentraditionen mit zum Teil starken theologischen Differenzen vertreten.

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"Noch nie war ein ökumenisches und einigendes Forum so wichtig wie jetzt"

Trotzdem hält auch Owe Boersma, Nahostreferent beim Evangelischen Missionswerk Deutschland (EMW), den neuaufgestellten MECC für zukunftsfähig. Boersma hat als einer der wenigen westlichen Vertreter den Kirchenrat bei seinem Umbau begleitet. „Als Missionswerk steht für uns die Beziehung zu den Kirchen im Nahen Osten an erster Stelle. Und die wollten wir aufrechterhalten trotz der Finanzmisere“, sagt er. Besonders seit Beginn des arabischen Frühlings sei immer deutlicher geworden, wie sehr die Kirchen im Nahen Osten ein gemeinsames Gremium brauchen, das mit einer Stimme sprechen kann. Es sei erfreulich, dass sich die 27 Mitgliedskirchen jetzt wesentlich stärker mit dem MECC identifizieren als dies bis 2009 noch der Fall war. Zur Tilgung des Schuldenbergs hätten die nahöstlichen Kirchen bereits 800.000 US-Dollar beigesteuert und wollen sich auch künftig stärker an der Finanzierung des MECC beteiligen. Dadurch habe der Kirchenrat international wieder an Glaubwürdigkeit gewonnen.

Anfang November 2014 brachte schließlich ein offizieller Bittbrief des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) in Genf das Eis zwischen dem MECC und den westlichen Geldgebern vollends zum Schmelzen. Der MECC habe eine erstaunliche und vielversprechende Umstrukturierung durchlaufen und volle Transparenz zugesagt, schreibt der ÖRK-Generalsekretär Olav Fykse Tveit darin. „Die Kirchen im Nahen Osten erleben gerade schwere Zeiten. Noch nie war der MECC als ein ökumenisches und einigendes Forum so wichtig wie jetzt.“

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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