In den 1950er Jahren lässt Indien den Schweizer ­Architekten Le Corbusier die Stadt Chandigarh planen – hier das Verwaltungsgebäude.

Weniger Reißbrett, mehr Fantasie

In den Ländern des Südens orientieren sich Stadtplaner oft an Modellen aus den reichen Ländern. Sie sollten besser auf die Bewohner ihrer eigenen Städte hören.

Die europäische Stadtplanung knüpft seit ihren Anfängen an die Praxis aus dem Mittelalter, zuweilen auch aus der Antike, an. Zudem ließen sich Stadtplaner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Utopien aus dem 19. Jahrhundert inspirieren. Auf welchen Vorrat an Konzepten, Ideen und Visionen aber greifen Planer in Asien, Lateinamerika und Afrika zurück? Stehen sie noch ganz im Bann ihrer kolonialen und postkolonialen Lehrmeister oder haben sie eigene, ihrer  Kultur angepasste Maßstäbe und Ideen entwickelt?

In Asien sind viele alte, auch städtische Hochkulturen entstanden. Auf dem indischen Subkontinent gibt es sie, die großartigen vorkolonialen Städte etwa in Rajasthan. Aber sie haben die indischen Stadtplaner nicht inspiriert. Für sie sind kolonial geprägte Städte wie Mumbai und die Ideen der internationalen Moderne wichtigere Anknüpfungspunkte.

Es ist symptomatisch, dass die erste neugegründete Stadt nach der Unabhängigkeit, Chandigarh nahe der pakistanischen Grenze, Anfang der 1950er Jahre im Auftrag der indischen Regierung von Le Corbusier entworfen wurde, einem der bekanntesten Vertreter der westlichen Moderne im Städtebau. Erst nach Fertigstellung der ersten Wohnblocks erwies sich, dass die Stadt vollkommen an den Bedürfnissen ihrer Bewohner vorbei geplant war. Die Planer und Architekten hatten sich weder um Familienzusammenhänge in der indischen Kastengesellschaft noch um Alltagsroutinen im Wohnviertel gekümmert, etwa um die Frage, wie in Indien Mahlzeiten zubereitet werden.

Autor

Einhard Schmidt-Kallert

war bis 2014 Leiter des Fachgebiets Raumplanung in Entwicklungsländern der TU Dortmund.
Aber es herrschte auch Aufbruchstimmung unter asiatischen Planern in der postkolonialen Phase – wie in Malaysia, wo ich Anfang der 1970er Jahre Entwicklungshelfer in der Planungsbehörde war. Die ungleiche Entwicklung zwischen Stadt und Land und die ungleichen Chancen für die Angehörigen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes trieben politisch engagierte Intellektuelle damals um.  Ein engagiertes Team junger Stadtplaner leitete daraus eine Forderung an die eigene Zunft ab: Eine in die Zukunft weisende Raumplanung müsse die als rückständig betrachtete überwiegend malaiische Dorfbevölkerung urbanisieren.

Und so wurden auf dem Reißbrett in bis dahin von Urwald bedeckten Landesteilen Neusiedlerstädte entworfen. Im Kern waren dies Agrostädte, deren Einwohnern der Staat frischgerodete Kautschuk- und Ölpalm-Flächen zur Bewirtschaftung zur Verfügung stellte. Aber anders als die malaiischen Dörfer sollten diese neuen Städte von vornherein mit Infrastruktur wie Oberschulen, Berufskollegs und Krankenhäusern ausgestattet sein; für die spätere Ansiedlung von Industrie wurden Flächen ausgewiesen.

Traditionelle Baukulturen werden meist erst endteckt, wenn es schon fast zu spät ist

Was ist knapp 40 Jahre später aus diesem ambitionierten Programm geworden? Die Städte seien wie geplant mit allen Einrichtungen gebaut worden und funktionierten gut, sagte mir unlängst ein Kollege von damals. Nur seien sie ein wenig langweilig, und es habe sich weniger Industrie angesiedelt als erhofft. Die Kinder der ursprünglichen Siedler wandern deshalb nach ihrem Schulabschluss so schnell wie möglich in die Zentren an der Westküste wie Kuala Lumpur oder Penang ab. Fazit: Es ist ein schöner, aber unerreichbarer Traum geblieben, mit der Gründung neuer urbaner Zentren den Gegensatz zwischen Stadt und Land zu überwinden.

Als Kulisse wird ein Teil der alten Bauten noch gebraucht: Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 reparieren Arbeiter ein Dach in einem der traditionellen Hutong-Viertel von Peking. Reinhard Krause/Reuters
China hat in den vergangenen 30 Jahren einen in der Menschheitsgeschichte vorher nie da gewesenen Urbanisierungsschub durchlebt und ist zugleich ein Land mit einer alten städtebaulichen Tradition. Aber die Art und Weise, wie in Guangzhou, Chongqing und vielen anderen Megastädten über Jahrhunderte gewachsene Wohnquartiere, in Peking die legendären Hutongs, gesichtslosen Hochhausblöcken Platz machen mussten, spricht nicht für historisches Bewusstsein unter Stadtplanern.

Nach eigenen, chinesischen Wegen im Städtebau muss man denn auch lange suchen. Da passt die Idee des früheren Schanghaier Oberbürgermeisters ins Bild, europäische Planungsbüros einen Ring von neun Satellitenstädten rund um Schanghai entwerfen zu lassen. Dazu zählen Thames-Town, im Tudor-Stil von britischen Planern entworfen, und Anting beziehungsweise German Town, das ein bekanntes deutsches Planungsbüro als erste chinesische Öko-stadt konzipiert hat. Anting hat bis heute nicht die geplante Größe erreicht: Zu teuer, zu ungewöhnlich erscheinen potenziellen Hauskäufern die aufwendigen Recyclinganlagen und die mehrfach verglasten Fenster. Das Konzept sei zu früh gekommen, zu früh für ein Land, in dem das Umweltbewusstsein erst ganz allmählich erwache, meinen Fachleute.

Erst spät, fast zu spät, regte sich unter Planern, Architekten und zivilgesellschaftlichen Organisationen Protest gegen den Abriss der letzten Hutongs in Peking. Mit der Wiederentdeckung der traditionellen Baukultur traten auch die besonderen Qualitäten dieser Wohngebiete für das soziale Leben im Viertel und für das Leben in Mehrgenerationen-Haushalten stärker ins Blickfeld der Planer.

Und jüngere chinesische Stadtplaner wollen keineswegs mehr nur die westliche Moderne kopieren. Das Interesse an der eigenen Städtebaugeschichte ist neu erwacht, genauso wie die Neugier auf Erfahrungen mit nachhaltigem Städtebau und „Smart Cities“. Zugleich hat die Debatte um Chinas künftigen Kurs in der Urbanisierung – mehr Megastädte oder eher Förderung von mittelgroßen Städten? – höchste Parteikader erreicht. Zu den besonderen Herausforderungen Chinas gehört es, menschenwürdigen Wohnraum für die 250 Millionen Wanderarbeiter in den großen Städten bereitzustellen.

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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