Aufschwung in der Diktatur

Nordkoreas Führer Kim Jong-un will die Wirtschaft seines Landes ankurbeln. Erste Schritte hat er getan – vor allem will er die erdrückende Abhängigkeit von China verringern.

Nordkoreas Mittelschicht vergnügt sich im Wasserpark Rungna in Pjöngjang. Reuters/KCNA
Nordkorea erfreut sich hierzulande großen Interesses, und das trotz – oder wegen? – eher kritischer Schlagzeilen in den Medien. Bizarrer Führerkult, Menschenrechtsverletzungen, Hunger, der mutmaßliche Hacker-Angriff auf die Sony-Filmstudios und Kriegsdrohungen gegen die USA: Das bringt Aufmerksamkeit.

Das Wissen darüber, was tatsächlich in Nordkorea vor sich geht, ist hingegen vergleichsweise spärlich. Dafür gibt es gute Gründe, allen voran die Informationspolitik der nordkoreanischen Regierung, die Ausländer nur unter Auflagen und mit strikter Bewachung ins Land lässt. Individuelle Reisen oder gar Feldforschung sind unmöglich. Offizielle Statistiken, selbst geschönte, sind Mangelware.

Ein weiteres Hindernis ist der Versuch, eine komplexe Gesellschaft entlang eines vereinfachten Gut-Böse-Gegensatzes zu erklären. Der zweifellos berechtigte Abscheu, den Berichte über Menschenrechtsverletzungen hervorrufen, verstellt häufig den Blick auf die Fortschritte, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten erzielt worden sind. Wer sich ernsthaft darüber Gedanken macht, wie das vom Atomprogramm ausgehende sicherheitspolitische Risiko verringert und die Lage der Menschen in Nordkorea verbessert werden kann, muss die komplexe, oft widersprüchliche Realität betrachten.

Nordkorea stand nach der Teilung des Landes 1948 zunächst auf der Sonnenseite. Auch der zerstörerische Korea-Krieg konnte nicht verhindern, dass der wirtschaftliche Vorsprung, den die Nordhälfte Koreas unter der japanischen Kolonialherrschaft errungen hatte, zunächst erhalten blieb. Hinzu kam umfangreiche Hilfe aus China und der Sowjetunion. Zwar wurde Nordkorea in den 1970er Jahren vom durch die USA geförderten Südkorea wirtschaftlich überholt, doch der Staat konnte noch immer eine stabile Versorgung mit elementaren Gütern gewährleisten.

Das änderte sich schlagartig, als die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten kollabierten. Als Industrieland ist Nordkorea vom Außenhandel abhängig – trotz allen Geredes der Führung über Autarkie. Der Handel hatte immer eine starke politische Komponente: Die sozialistischen „Bruderländer“ kauften Nordkorea neben dringend benötigen Gütern wie Bodenschätze auch solche Waren ab, die eigentlich niemand wollte. Importe, etwa von Erdöl oder Maschinen, fanden zu Freundschaftspreisen und in virtuellen Währungen wie dem Transferrubel statt. Damit war Anfang der 1990er Jahre Schluss.

"Lieber arm und stolz als reich und geknechtet"

Viele Betriebe, die auf Absatzmärkte im Ostblock orientiert waren, siechten vor sich hin, ihre Produktion war nur noch zu einem Drittel oder weniger ausgelastet. In der Landwirtschaft wirkte sich das Fehlen von Düngemittel, Treibstoff für Maschinen und Strom für Bewässerungsanlagen besonders desaströs aus. In Kombination mit den regelmäßig auftretenden Dürren im Frühjahr und Überschwemmungen während der sommerlichen Monsunsaison kam es zu einer Reihe von Missernten. Die Folge war eine mehrjährige Hungersnot ab 1995, die in Nordkorea heute euphemistisch „Schwerer Marsch“ genannt wird. Im Westen tauchten Fotos von unterernährten Kindern auf, die noch heute das Bild des Landes prägen.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch führte auch dazu, dass die staatliche Kontrolle der Gesellschaft aufweichte. Viele Menschen flohen über die Grenze nach China und brachten von dort nicht nur Essen, sondern auch Informationen mit. Manche blieben und gelangten nach Südkorea oder in den Westen, wo sie Erschreckendes über die Lage in Nordkorea berichteten.  
Die Führung musste reagieren. Sie tat es spät, was am Tod des fast fünf Jahrzehnte herrschenden Staatsgründers Kim Il-sung im Sommer 1994 lag, aber auch daran, dass man bewusst den Erhalt des Regimes über die Grundversorgung der Bevölkerung stellte. Lieber arm und stolz als reich und geknechtet, hieß es. Die Menschen fügten sich dieser Logik solange, bis ihre Kinder und Eltern vor ihren Augen zu sterben begannen. Das Land drohte auseinanderzubrechen.

Der ab 1994 amtierende neue Führer Kim Jong-il begann mit zaghaften Veränderungen. Dazu zählte die offizielle Anerkennung von Strukturen und Aktivitäten, die bereits spontan entstanden waren. Die nichtstaatlichen Märkte, auf denen sich Preise nach Angebot und Nachfrage herausbilden konnten, erlangten eine größere Bedeutung für die Versorgung. Insbesondere kam es zu einer Re-Monetarisierung der Gesellschaft: Geld, das aufgrund eines umfassenden Rationierungs- und Verteilungssystems fast völlig seine Funktionen verloren hatte, erlebte eine Renaissance.

Der Außenhandel wurde neu aufgebaut, dieses Mal nach rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Parallel dazu versuchte die Führung allerdings, die alte Strategie des politischen Wirtschaftsaustausches fortzusetzen. Da China und Russland nur noch mäßig interessiert waren, wurde Südkorea in der Hoffnung auf Annäherung und Wiedervereinigung zum neuen Partner. Auf das historische erste Gipfeltreffen der zwei Staatsführer im Juni 2000 folgte eine Vielzahl von Projekten.

Touristen aus dem Süden brachten Hunderte Millionen

Der Tourismus von Süd nach Nord wurde intensiviert und brachte Pjöngjang Hunderte Millionen Dollar ein. An der innerkoreanischen Grenze bei Kaesong wurde eine gemeinsame Sonderwirtschaftszone errichtet. Heute verkauft der nordkoreanische Staat dort die Arbeitskraft von über 50.000 gut ausgebildeten Arbeiterinnen an die Kapitalisten aus Südkorea, die sonst angesichts des hohen Lohnniveaus im eigenen Land ihre Betriebe längst hätten schließen und nach China oder Südostasien auslagern müssen.

Bis zum Frühjahr 2003 gab es eine Reihe von bemerkenswerten Reform-Maßnahmen. Die bis dahin bestehenden drei Landeswährungen wurden zu einer verschmolzen, der Wechselkurs zum Dollar wurde deutlich realistischer, Subventionen wurden abgebaut. An die Stelle von bürokratischen Anweisungen und zentraler Planwirtschaft traten hier und da Versuche einer indirekten makroökonomischen Steuerung, zum Beispiel die Ausgabe von staatlichen Schuldscheinen zur Abschöpfung von Liquidität oder eine Währungsreform zur Bekämpfung der Inflation. Die Betriebe erhielten etwas mehr Entscheidungsfreiheit, blieben allerdings staatlich.

Das Land befand sich im Aufbruch, die Führung experimentierte. Dies tat sie sehr vorsichtig, hatte sie doch das Schicksal der Sowjetunion und Michail Gorbatschows vor Augen, der mit bester Absicht die einstige Großmacht in kürzester Zeit dem Zerfall und dem Spott ihrer einstigen Gegner preisgegeben hatte. Auch das Schicksal des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu, der 1989 hingerichtet wurde, wollte die Familie Kim nicht teilen.

Man kann heute spekulieren, ob die ersten zaghaften Veränderungen zu echten Reformen nach chinesischem Vorbild hätten führen können. Erfahrungsgemäß bereitet der Erfolg einer Reform den Weg für eine weitere.
Doch dazu kam es nicht. Der 1994 beigelegte Atomstreit mit den USA flammte Ende 2002 unter gegenseitigen Schuldzuweisungen wieder auf. Mit Washingtons Einmarsch im Irak im März 2003 erlosch die wirtschaftspolitische Risikobereitschaft der nordkoreanischen Führung. Denn Nordkorea wurde von den USA zur „Achse des Bösen“ gezählt, und die USA hatten bewiesen, dass sie keine leeren Worte machten. Kein Wunder also, dass die neue Politik „Militär zuerst“ lautete. Weitere Reformvorhaben wurden vertagt, bestehende Projekte verlangsamt, obgleich nicht alle beendet.

erschienen in Ausgabe 2 / 2015: Wohnen: Alle ab ins Hochhaus?

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