Teilnehmer des UNO-Planspiels Mitte Februar in Wien.

Weltpolitik als Spiel

In Wien simulieren Schüler drei Tage lang eine Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der diplomatische Codex wird dabei strikt befolgt. Am Schluss steht eine Resolution für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Sensation bei den Vereinten Nationen: Die General-versammlung beschließt, die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen weltweit zu stärken. Die sexuelle Orientierung soll nirgendwo mehr strafrechtlich geahndet werden. Eingebracht hatte diesen Resolutionsentwurf ein aus zehn Ländervertretern bestehender Ausschuss

Am 13. Februar kam er am Sitz der Vereinten Nationen in Wien zur Abstimmung und wurde mit knapper Mehrheit beschlossen. Die Todesstrafe gegen Homosexuelle wird geächtet, das Recht auf Privatsphäre „bezüglich der freien Ausübung der persönlichen Sexualität“ bekräftigt. Der Haken bei der Sache: Die Resolutionen der UN-Generalversammlung haben nur empfehlenden Charakter. Und: Die Resolution und die Abstimmung waren nur ein Spiel.

Drei Tage lang durften 150 Schülerinnen und Schüler von 15 Schulen in Österreich und Deutschland in der Wiener UNO-City Generalversammlung spielen. Florian Riepl, Geografie- und Geschichtslehrer an einer Handelsakademie in Wien, hat das Programm „Modell UNO Wien“ schon mehrmals organisiert und viel Zustimmung geerntet.

Die 16-jährige Julia Birk vom St. Anna Gymnasium Augsburg ist „stolz, was wir in drei Tagen erarbeitet haben“. Die Beteiligten nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Selbst der Dresscode stimmt. Im dunklen Anzug mit Krawatte sitzen die männlichen Delegierten im Plenarsaal, die Frauen in gedämpften Farben im Hosenanzug oder eleganten Rock.

Die Vorsitzende des Komitees über die globalen Nachhaltigkeitsziele für die Zeit nach 2015 trägt einen Resolutionsentwurf vor. Formal berücksichtigt sie die gestelzte Sprache des UN-Kauderwelsch, inhaltlich ist das Dokument ziemlich weit entfernt von dem, was in der realen Welt formuliert worden wäre. Dann melden sich ein Delegierter zur Gegenrede sowie eine andere Vertreterin, die den Entwurf verteidigt. Es gibt Fragen und Antworten, alle halten sich strikt an die Zweiminutenregel. Dann wird abgestimmt. 

Die Schüler sollen nicht die eigene Meinung vertreten

Das dreitägige Sitzungsspektakel wurde fast vier Monate lang vorbereitet. Im Oktober müssen die Lehrer der beteiligten Schulen auswählen, wen sie entsenden, sagt Riepl. Meist sind es besonders begabte Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 18 Jahren. Ab einem Stichtag können die Nominierten sich dann über eine Online-Plattform das Land auswählen, das sie vertreten wollen. Und einen von zehn Ausschüssen, dessen Thema sie besonders interessiert.

Es geht nicht nur darum zu lernen, wie die Vereinten Nationen funktionieren. Neben der fachlichen Einarbeitung gelte es, „Rhetorik, Konsens- und Kompromissfähigkeit zu schulen“, sagt die Lehrerin Sonja Graf, die an ihrer Schule in Wien ein eigenes Wahlpflichtfach „Modell UNO Wien“ zur Vorbereitung anbietet. Die Jugendlichen werden darauf hingewiesen, dass sie in den Debatten nicht ihre eigene Meinung vertreten sollen, sondern die des Landes, für das sie sich entschieden haben.

Yara Fathi vom Wilhelmgymnasium in Hamburg hat Jordanien gewählt, weil ihre Mutter über das nahöstliche Königreich eine Doktorarbeit geschrieben hat. Matias Saric aus Wien musste googeln, wie Argentinien zu den Rechten Homosexueller oder zur Zensur des Internet steht. Sein Klassenkollege Ignaz Staudinger hat viele Zeitungsartikel über die Volksrepublik China gelesen.

Manche nehmen die Diplomatie allzu ernst

Zwei Tage lang hatten die Delegierten Zeit, in ihrem Ausschuss eine Resolution zu einem vorgegebenen Thema zu formulieren: Kinderarbeit, militärische Intervention, Welthunger und globale Nahrungsproduktion waren ebenso darunter wie Blutdiamanten, das Recht auf freie sexuelle Orientierung und die Post-2015-Agenda. In ihren Unterlagen finden die Schüler und Schülerinnen, welche Formulierungen und Floskeln zu berücksichtigen sind, damit eine Resolution echt wirkt. Das nahmen sich die Delegierten sehr zu Herzen, teilweise zu sehr. Etwas tiefere Recherchen zu den Positionen ihrer Länder hätte manchmal nicht schaden können. So hätte der Vertreter Boliviens kaum enthusiastisch für ein völliges Verbot der Kinderarbeit gestimmt, wenn er sich näher mit dem Land beschäftigt hätte. Und der Delegierte Serbiens hätte wohl nicht das Recht zur Sezession unterstützt.

Einig sind sich alle, dass diese Erfahrung ihnen neben viel Spaß und neuen Freunden auch wertvolle Erkenntnisse gebracht hat. So ist es kaum zu verstehen, dass die Initiative nicht von den Kultusministerien unterstützt wird, sondern von Sponsoren finanziert werden muss, von der Stadt Wien über Fairtrade Österreich bis zum Café Kreuzberg. Auch jeder Schüler muss einen Beitrag von 15 Euro entrichten.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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