Literatur aus Indonesien
Literatur aus Indonesien

„Mir geht es um Wahrhaftigkeit“

Die indonesische Autorin Ayu Utami nennt die Dinge beim Namen. Ihre Bücher handeln von Sex und Politik, als Aktivistin kämpft sie für Gleichberechtigung und gegen verkrustete Moralvorstellungen.

Ayu Utami ist in Jakarta aufgewachsen. Während der Suharto-Diktatur schloss sie sich aus Protest der Aliansi Jurnalis Independen (Allianz unabhängiger Journalisten) an. Ihr erster Roman „Saman“ (1998) handelt von politischer Unterdrückung und weiblicher Sexualität – ein Tabubruch. Die Fortsetzung „Larang“ (2002) erscheint im Herbst auf Deutsch. Hanna Pütz
Warum war Ihr Roman „Saman“ in Indonesien so erfolgreich?

Der Roman bezieht sich unter anderem auf die Rolle der Frau und den offenen Umgang mit Sexualität. Viele Frauen konnten sich damit identifizieren. Die Gesellschaft befand sich im Umbruch, aber es gab eben noch niemanden, der das zu Papier gebracht hatte.

Hat das andere Autoren zur Nachahmung angeregt?

Ja, das Buch hatte großen Einfluss. Verlage haben in den darauf folgenden Jahren gezielt nach Autorinnen gesucht, die Themen wie Hetero- und auch Homosexualität aufgreifen. Das Buch „Saman“ ist ja auch zufällig wenige Tage vor dem Sturz von Suharto erschienen. Danach wurde vieles veröffentlicht, was vorher nicht möglich gewesen wäre.

Hat diese Art von Literatur gesellschaftlich etwas verändert?

Das kann ich nicht sagen. Eher ging das Erscheinen solcher Bücher parallel damit einher.

Gleichberechtigung ist immer noch ein großes Thema in Indonesien. Wie hat sich der politische Umbruch darauf ausgewirkt?

Die Gleichberechtigung kam schon mit der indonesischen Unabhängigkeit 1949. Viele Ideen des Sozialismus wurden übernommen. Dazu gehörte auch, dass Frauen im Unabhängigkeitskampf mehr oder weniger gleichberechtigt waren oder zumindest beteiligt wurden. Die Politik hat der Emanzipation seitdem eigentlich immer einen guten Boden bereitet. Es hat nie Bestrebungen gegeben, Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen und in den häuslichen Bereich zurückzudrängen. Seit 2004 gibt es ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, und weibliche Polizisten werden speziell für den Umgang mit Opfern von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt ausgebildet.

Gerade die Polizei verlangt aber von Frauen Jungfräulichkeitstests vor der Ausbildung.

Ja, die gibt es schon lange, auch beim Militär. Wenn man dort vor ein paar Jahren danach gefragt hätte, hätten die ohne Zögern gesagt „Ja, natürlich“. Es gibt immer noch Leute, die das für eine gute Idee halten. Aber jetzt wird das Thema öffentlich gemacht, Gruppen wie Human Rights Watch reagieren kritisch darauf. Die Tests sind Teil einer überkommenen patriarchalischen Herrschaftskultur, die man in vielen Regionalkulturen in Indonesien immer noch vorfindet. Jetzt entsteht zumindest das Bewusstsein dafür, dass so etwas nicht korrekt ist.

Welche Hürden gibt es noch bei der Gleichberechtigung?

Es gibt politische Bestrebungen, in Indonesien die Scharia, die islamische Rechtsordnung, einzuführen. Das betrifft auch Kleidungsvorschriften und Verschleierungsgebote für Frauen.

2008 wurde in Indonesien ein Gesetz gegen Pornographie erlassen.

Diese Gesetzgebung gehört zur politischen Strategie des dogmatischen Islam. Zunächst sollte die Scharia auf Bundesebene eingeführt werden, das hat nicht geklappt. Dann haben sie eingesehen, dass sie kleinere Brötchen backen müssen. Also haben sie sich darauf verlegt, in die moralische Gestaltung des Privatlebens einzugreifen. Der erste Gesetzesentwurf hätte der indonesischen Kultur schwer geschadet. Viele Trachten aus verschiedenen Regionalkulturen hätten den Vorschriften nicht entsprochen.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe mit Freunden aus der Aktivistenszene dagegen demonstriert. Dafür haben wir uns den Katrini-Tag ausgesucht. Das ist der Gedenktag an eine der frühen Frauenrechtlerinnen in Indonesien. Und ich habe ein satirisches Theaterstück geschrieben. Es heißt „Die Moral steht vor dem Richter“, und ein Spielzeughändler gerät darin in die Mühlen des Gesetzes gegen Pornographie. Er wird angeklagt, weil er angeblich dagegen verstoßen hat. Mit dem ursprünglichen Entwurf hätte sogar Kinderspielzeug zu Pornographie erklärt werden können. Es war furchterregend. Das Gesetz ist zwar verabschiedet worden, aber es wurde stark verändert.

Das Gesetz hat also in der jetzigen Form keinen oder nur wenig Einfluss?

Es gab einige ziemlich fragwürdige Fälle. Ein indonesischer Popstar hat von sich und seiner Freundin Videos aufgenommen. Die Sexszenen wurden gestohlen und veröffentlicht. Dafür wurde er verurteilt.

In Deutschland wird über die Einführung einer Frauenquote diskutiert. Gibt es diese Diskussion in Indonesien auch?  

Ja, das ist in Indonesien auch ein Thema, allerdings nicht für Unternehmen, sondern nur in der Politik. Im Parlament soll es 30 Prozent Frauen geben. Deshalb wurden die Parteien bei den letzten Parlamentswahlen aufgefordert, in ihren Kandidatenlisten entsprechend viele Frauen aufzustellen. Aber dem kamen nicht alle Parteien nach. Außerdem bezieht sich die Quote nur auf diejenigen, die aufgestellt werden. Es sind einfach weniger Frauen gewählt worden als Männer. Und so sind immer noch weniger als ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Aber so ist das eben in einem demokratischen Staat. Wenn die Leute die aufgestellten Frauen nicht wählen, kann man nichts machen.

Wen wollen Sie mit Ihren Theaterstücken und mit Ihren Büchern erreichen?

Ich will natürlich relativ viele Menschen erreichen. Aber ich richte mich eher an Leser, die eine ähnliche Denkweise haben wie ich. Ich versuche nicht, andere von etwas zu überzeugen. Ich führe gerne Debatten auf Twitter mit Andersdenkenden wie islamischen Hardlinern, aber mir ist klar, dass ich sie damit nicht umstimmen werde.

Wollen Sie politisch etwas durch Ihre Werke verändern?

Mir geht es in erster Linie um Wahrhaftigkeit. Ich möchte Dinge beim Namen nennen. Dafür versuche ich, eine ästhetisch ansprechende Form zu wählen. Ich störe mich daran, dass es viele Situationen gibt, in denen man sich unehrlich oder scheinheilig verhalten muss.

Würden Sie sich als mutig bezeichnen?

Ob ich mutig bin oder nicht – darüber habe ich noch nie nachgedacht. Das ist für mich auch nicht so eine relevante Frage. Wir, also meine Freunde und Kollegen, haben immer eher versucht, uns taktisch an gegebene Situationen anzupassen. 1990 wurden Berufsverbote gegen mich und andere Journalisten ausgesprochen. Für die Herausgabe von Zeitschriften musste man ein kompliziertes Genehmigungsverfahren durchlaufen. Wir haben auf einen Trick zurückgegriffen und Bücher veröffentlicht, die vom Inhalt her aber Zeitungen glichen. Wir haben in dem Moment gedacht: Jetzt ist es so. Wie schaffen wir es, trotzdem weiterzuarbeiten?

Schreiben Sie eigentlich gerade an einem neuen Buch?    

Ja, zurzeit arbeite ich an zwei Serien. In der einen steht in jedem Band ein Ort des kulturellen Erbes im Mittelpunkt. Meine Motivation dabei ist es, das Bewusstsein für Traditionen zu wecken und dafür zu sorgen, dass sie nicht verlorengehen. In der anderen geht es um kritische Spiritualität. Das ist ein Begriff, den ich geprägt habe. Es geht darum, sich mit Glaubensvorstellungen auseinanderzusetzen, ohne den kritisch-reflektierten Blick zu verlieren und ohne anderen seine Vorstellungen aufzudrängen.  

Das Gespräch führte Hanna Pütz.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2015: Unternehmen: Fair bringt mehr

Neuen Kommentar schreiben