Akupunktur in Afrika
Akupunktur in Afrika

Der Lebenstraum des Doktor Wen

Wen Hu kam vor mehr als 25 Jahren mit einer Baufirma nach Uganda. „Gutes Land, gute Leute, gutes Essen“, fand er – und blieb. Seine Patienten sind begeistert.

Wen Hu sitzt hinter dem Schreibtisch in seiner bescheidenen Klinik in Kampalas Viertel Muyenga und schöpft kurz Atem, während sich seine Patientin von der Liege erhebt. Er schaut auf dem Smartphone nach Kurzmeldungen, checkt die E-Mails im Computer. Die ältere Frau, die er im Nebenraum mit Akupunktur behandelt hat, steckt den Kopf zur Tür herein, bedankt sich und macht ihren nächsten Termin aus. Draußen steigt die Mitarbeiterin einer britischen Hilfsorganisation noch ein wenig wackelig in ihr Auto und fährt los, stadteinwärts.

„Sie ist sehr nett“, sagt Doktor Wen. „Ich freue mich, dass es ihr besser geht und sie sich wieder bewegen kann. Vor der Behandlung hatte sie große Schmerzen.“ Kurz danach bringt seine ugandische Arzthelferin zwei neue Patienten herein, eine Somalierin und ihren kleinen Sohn. Sie verlassen die Praxis, unter dem Arm eine Schachtel mit chinesischer Arznei, und ein alter Mann humpelt in das Behandlungszimmer. „Die Patienten mögen ihn“, sagt die Helferin, während die untergehende Sonne immer längere Schatten auf den Boden wirft. Als nächstes nimmt ein chinesisches Paar im Wartezimmer Platz. Sie unterhalten sich leise miteinander auf Mandarin, bis der Doktor Zeit für sie hat. 

Nicht jeden Tag geht es in Wens Praxis so geschäftig zu. Aber die Klinik des Mittfünfzigers in einem Mittelklasse-Wohnbezirk der ugandischen Hauptstadt hat sich einen tadellosen Ruf erworben. Patienten jeglichen Alters kommen zu ihm, manche werden von umliegenden Krankenhäusern überwiesen, einige reisen eigens aus dem weit entfernten Gulu im Norden des Landes an. Wen ist gefragt, und er will niemanden im Stich lassen: Er arbeite sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, sagt er.

„Wenn ich aufhöre zu arbeiten, bin ich derjenige, der sich krank fühlt“, witzelt er und zählt eine Reihe von Krankheiten auf, mit denen die Leute zu ihm kommen: „Sie wissen, dass ich Rücken- und Nackenschmerzen, Haut­erkrankungen und Ischiasprobleme besonders gut behandle. Eigentlich bin ich auf westliche Medizin spezialisiert. Aber viele Menschen möchten mit Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin behandelt werden wie Akupunktur und Massage.“

Zwischen westlichen Ärzten und lokalen Kliniken

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist laut Wen in Uganda noch wenig verbreitet, wird aber immer beliebter. Als er in den 1990er Jahren seine Klinik eröffnete, war er einer der ersten chinesischen Ärzte, die sich privat in dem afrikanischen Land niederließen. Seitdem sind ihm viele Landsleute gefolgt. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber laut Schätzungen arbeitet inzwischen ein gutes Dutzend Mediziner aus der Volksrepublik in Kampala. Einige führen moderne Kliniken mit mehreren Angestellten in reichen Vierteln, andere haben ihre Praxen mit wenigen Räumen inmitten lärmiger, lebendiger Straßen in einer ärmeren Umgebung. Insgesamt bilden sie einen kleinen, aber wichtigen Teil von Ugandas Gesundheitswesen.

Die Patienten dieser chinesischen Kliniken kommen mit den unterschiedlichsten Beschwerden, von Malaria bis Bluthochdruck. Anfangs suchten sie die „Migranten-Ärzte“ erst dann auf, wenn alle anderen Möglichkeiten der Behandlung ausgeschöpft waren. Doch inzwischen verzeichnen viele dieser Mediziner einen stetigen Zulauf. Doktor Wen erklärt seine Beliebtheit unter anderem mit Mundpropaganda und damit, dass er keine so hohen Gebühren nimmt. „Die westlichen Ärzte kümmern sich um Menschen, die viel Geld haben. Die einheimischen Ärzte behandeln die Einheimischen. Ich bin in der Mitte: Zu mir kommen Ausländer, die nicht so viel bezahlen, und Einheimische, die nicht in die lokale Klinik gehen wollen.“

Nach Uganda kam Wen als Arzt für eine chinesische Baufirma. In China hatte er ein Krankenhaus geleitet; seine Ehefrau und sein Sohn blieben in der Heimat und er wollte zurückkehren, nachdem das Bauvorhaben beendet war. Doch ugandische Freunde baten ihn, dazubleiben. „Ich hatte Land und Leute in Uganda kennengelernt und es gefiel mir hier sehr gut“, erinnert er sich. „Als meine Freunde kamen und sagten, sie würden mir helfen, mich registrieren zu lassen, und mir finanziell unter die Arme greifen, dachte ich: Okay, gutes Land, gute Menschen, gutes Essen. Und ich blieb."

Außerdem wollte Wen seinem Sohn eine gute Ausbildung im Ausland ermöglichen. „Das wäre mit meinen staatlichen Bezügen in China nicht möglich gewesen. Ich wollte nicht das große Geld machen. Aber ich wusste, hier verdiene ich genug, um meine Familie nachzuholen und ihnen ein gutes Leben zu bieten“, sagt er. In der Tat hatte er bald genug Geld dafür beisammen. Seine Frau und seinen Sohn hatte er bis zu ihrer Umsiedlung nach Kampala dreieinhalb Jahre nicht gesehen. Der Junge war damals zwölf Jahre alt.

Seine Frau betreibt gegenüber der Praxis ein Restaurant

Eingewöhnungsschwierigkeiten? Wen schüttelt den Kopf. „Er wollte vor allem bei seinem Vater sein.“ Außerdem sei der Unterschied zu seiner Heimatstadt gar nicht so groß – außer, dass es hier Moskitos gibt. Auch seiner Ehefrau gelang ein nahtloser Übergang. Sie eröffnete bald nach ihrem Umzug ein chinesisches Restaurant, direkt gegenüber von Wens Praxis.

Das „Yellow River“ mauserte sich mit seiner umfangreichen Speisekarte und großen Räumen für Feierlichkeiten schnell zum gefragten Gasthaus – bei Ugandern wie Chinesen. Die Köche hat Wens Frau in China angeheuert. „Unsere Nudeln, unsere Klöße und unsere Dampfbrötchen sind die besten in ganz Uganda“, sagt ihr Mann stolz.

Autor

James Wan

ist Chefredakteur des Onlineportals Think Africa Press.
So sind Wens Pläne aufgegangen. Der Arzt ist bei Patienten und Kollegen in Uganda gleichermaßen geschätzt und seine Familie hat sich gut eingelebt. Dank des Verdienstes aus Praxis und Restaurant konnte er seinen Sohn auf eine höhere Schule und zum Studium nach Großbritannien schicken. Der hat inzwischen dort einen gut dotierten Job bei einer führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. „Wenn ich in China geblieben wäre, wäre das alles nicht möglich gewesen“, ist Wen überzeugt.

Wie es für Doktor Wen weitergeht, ist offen. Im Lauf der Zeit hat er viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausländischer Hilfsorganisationen behandelt. Jetzt hat er überall auf der Welt Freunde – und manche versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er nach Europa oder in die USA umsiedeln soll. Das hat er bislang immer abgelehnt – auch nach China will er nicht zurückkehren, wenn er einmal im Ruhestand ist; auch wenn er engen Kontakt mit Verwandten und Freunden dort hält.

„Ich denke nicht darüber nach, was ich im Ruhestand tue. Ich bin viel zu jung!“, sagt er. Doch nach der chinesischen Tradition liegt die Entscheidung ohnehin nicht in seiner Hand. „Wenn wir alt sind, vertrauen wir uns unseren Kindern an“, sagt Wen. „Vielleicht sagt mein Sohn, ich solle zu ihm nach Großbritannien kommen.“ Aber, betont er: „Ich lebe sehr gern hier in Uganda.“

Aus dem Englischen von Gesine Kauffmann.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2015: Töten für den rechten Glauben

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