Der Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, Filaret,segnet ukrainische Soldaten, die Hilfsgüter an die Front im Osten des Landes bringen sollen.

Glaubensstreit in der Ukraine

Bindung an Russland oder Orientierung an Westeuropa – das ist eine Kernfrage für den Konflikt in der Ost­ukraine. Die ortho­doxe Kirche ist dabei nur scheinbar neutral.

Auf den ersten Blick haben die Kämpfe im Osten der Ukraine mit Religion wenig zu tun. Auf der pro-russischen wie auf der pro-ukrainischen Seite stellen orthodoxe Christen die Mehrheit der Gläubigen. Aber die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) und ihr Oberhaupt, der Moskauer Patriarch Kirill, haben dazu beigetragen, den geistigen Boden für die Auseinandersetzungen in der Ostukraine zu bereiten. Und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP), die eng mit der russischen verbunden ist, ist in die Auseinandersetzungen verstrickt.

Diese Kirche hat Gemeinden im ganzen Land, auch in den umkämpften Gebieten, und ist ein autonomer Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Hauptverwaltungsorgan sitzt in Kiew, aber ihr Oberhaupt muss von Moskau bestätigt werden und ist Mitglied des Heiligen Synods der Russisch-Orthodoxen Kirche, gehört also deren Hierarchie an. Die Mitglieder anderer ukrainischer Glaubensgemeinschaften nehmen die UOK-MP unter anderem deshalb als russische Organisation wahr. Das war einer der Gründe für die Entstehung des Kiewer Patriarchats und der Autokephalen Kirche (siehe Kasten). Tatsächlich ist die UOK-MP aber nicht homogen, sondern vereint pro-russisch und pro-ukrainisch gesinnte Geistliche und Gläubige.

Sowohl die Russisch-Orthodoxe Kirche als auch die UOK-MP erklären, dass sie in der Ukraine absolut neutral seien und alle Beteiligten zu Dialog und zur Beendigung der Gewalt aufriefen. Denn ihre Mitglieder kämpften sowohl auf der Seite der pro-russischen Separatisten im Donbass als auch in der ukrainischen Armee. Das Moskauer Patriarchat betont, es verhalte sich als einzige Kirche in der Ukraine neutral und könne deshalb eine Vermittlerrolle einnehmen. Diese Argumentation ist im Prinzip nichts Neues. Bereits im Jahr 2000 ließ die Russisch-Orthodoxe Kirche verlauten, dass ihre Geistlichen in politischen Konflikten keinerlei Partei ergreifen sollten, weil ihre Gemeinden sonst gespalten oder gegen die Kirchenleitung aufgebracht werden könnten. In Russland wurde diese Regel bislang auch weitgehend eingehalten. Sie macht es dem Moskauer Patriarchat auch leichter, Kritik am Kreml zu vermeiden.

Patriarch Kirill propagiert die Idee der "Russischen Welt"

Viele Ukrainer betrachten die Russisch-Orthodoxe Kirche und die UOK-MP aber nicht als neutral, sondern als Kreml-treu. Tatsächlich hat sich Patriarch Kirill seit 2009 für eine Annäherung der Ukraine an Russland stark gemacht. Auf zahlreichen Reisen, besonders durch den Osten des Landes und die Krim, hat das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche systematisch für die Idee der „Russischen Welt“ geworben. Der Wissenschaftler Michal Wawrzonek hält ihn nicht zu Unrecht für einen der Hauptbefürworter dieses Konzepts.

Die Idee der „Russischen Welt“ besagt, dass Russland, die Ukraine und Weißrussland (manchmal auch Moldawien) eine zivilisatorische Einheit bildeten, weil ihre Kulturen auf der Orthodoxie beruhten und sie diese aus demselben Taufbecken erhalten hätten. Gemeint ist, dass Prinz Wladimir von Kiew, der sein Volk im Jahr 988 in der heutigen ukrainischen Hauptstadt taufen ließ, die Grundlagen für die heutigen Nationen geschaffen habe. Patriarch Kirills Äußerungen können so verstanden werden, dass er aus dieser Vergangenheit ableitet, die Ukraine solle keine pro-westliche Außenpolitik verfolgen und eine Wiedervereinigung mit Russland erwägen.

Russlands Präsident ­Wladimir Putin und der Moskauer Patriarch Kirill bei ­einer Messe zum Osterfest. Beide teilen die Idee von der „Russischen Welt“. Alexej Druzhinin/ria novosti/Kremlin/Reuters
In der Ukraine werden solche Äußerungen oft als Ausdruck eines russischen Chauvinismus aufgenommen, der darauf abzielt, die ukrainische Kultur und Nation zu unterdrücken. Wawrzonek schließt aus der geringen Zahl der Zuhörer bei Patriarch Kirills Auftritten in der Ukraine, dass seine Ideen dort wenig Anklang fanden. Für Teile der Bevölkerung mag dies sicher stimmen.

Die Kämpfe im Donbass, die im Namen einer wie auch immer gearteten Assoziierung mit Russland und zum Teil zum Schutz der Russisch-Orthodoxen Kirche geführt wurden, deuten allerdings darauf hin, dass Kirills Ideen nicht überall auf taube Ohren gestoßen sind. Ganz im Gegenteil: Die pro-russischen Separatisten scheinen zumindest teilweise von der Idee der „Russischen Welt“ motiviert zu sein.

Patriarch Kirill hat dazu beigetragen, den heutigen Konflikt ideologisch vorzubereiten. Er hat damit im Interesse Wladimir Putins gehandelt, der bereits 2007 die jahrhundertealte Idee der „Russischen Welt“ wiederbelebt hatte. Putin ließ damals eine Organisation gründen, deren Aufgabe es ist, russischen Sprach- und Kulturunterricht in aller Welt anzubieten. In seiner Rede zur Annexion der Krim berief sich der Kremlchef auf Prinz Wladimir von Kiew und dessen historische Bedeutung. Allgemein spielen die Orthodoxie und ihr historisches Erbe seit 2012 eine immer wichtigere Rolle in der russischen Politik. Man kann davon ausgehen, dass die ROK für ihre Dienste in Bezug auf die Ukraine bei Gelegenheit entlohnt werden wird.

Auch seit Beginn der politischen Krise in der Ukraine hat die Russisch-Orthodoxe Kirche Grund gegeben, an ihrer Neutralität zu zweifeln. Laut Medienberichten verärgerten Priester der UOK-MP ihre Gläubigen, weil sie sich öffentlich gegen die Demonstranten auf dem Euro-Maidan aussprachen, für die Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland plädierten und patriotische Symbole wie ukrainische Fahnen von Häusern entfernten. Die UOK-MP bestreitet zwar, dass diese Berichte zutreffen. Aber die Russisch-Orthodoxe Kirche verbreitet selbst Informationen, die den Schluss nahelegen, dass sie mit den seit Februar 2014 amtierenden ukrainischen Regierungen mehr als unzufrieden ist. Ihre Neutralität ist also eher Wunsch als Wirklichkeit.

Das gilt auch in den umkämpften Gebieten. Die „New York Times“ hat im September 2014 berichtet, dass ein Priester der UOK-MP in dem zeitweise heftig umkämpften Ort Slowiansk den pro-russischen Einheiten geholfen haben soll: Er soll ihnen Gebäude im Kirchenbesitz als Aufenthalts- und Lagerraum für Waffen und Flugblätter zur Verfügung gestellt haben. In den Flugblättern sollen die Regierung in Kiew und ihre Partner im Westen verurteilt und die Bevölkerung dazu aufgerufen worden sein, sich nach Russland zu orientieren. Dies mag ein Einzelfall gewesen sein. Er zeigt aber, dass zumindest Teile der UOK-MP politisch eindeutig nicht auf der Seite Kiews stehen und beinahe direkt an Kämpfen beteiligt sind.

Rivalisierende Kirchen

In der Ukraine sind mehrere Konfessionen und Kirchen vertreten. Verlässliche Zahlen gibt es nur über die Gemeinden, nicht die Mitglieder einzelner Kirchen, und ein bedeutender Teil der Bevölkerung bezeichnet sich zwar als…

Weiter haben sich im Februar 2014 bewaffnete Truppen zusammengefunden, die sich Russisch-Orthodoxe Armee nennen. Laut dem US-amerikanischen Sender „NBC News“ sollen ihr rund 4000 Personen angehören, von denen etwa vier Fünftel aus der Ukraine stammen und der Rest aus Russland. Diese „Armee“ hat den Ruf, sie sei besser organisiert als die anderen bewaffneten Gruppen in der Region und sei gewaltsam gegen alle Glaubensgemeinschaften vorgegangen, die nicht dem Moskauer Patriarchat unterstehen. Mehreren Quellen zufolge soll sie das Kirchengebäude der protestantischen Good News Church in Slawjansk in ihre Gewalt gebracht und in eine orthodoxe Kirche umgewandelt haben. Ähnliches soll mit Gemeinden geschehen sein, die dem Kiewer Patriarchat oder der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) angehören.

Die UOK-MP erklärt, dass sie keinerlei Verbindungen zur Russisch-Orthodoxen Armee pflege. Obwohl dies auf offizieller Ebene sicherlich stimmt, lässt sich eine ideelle Nähe feststellen. Sie besteht darin, dass die „Orthodoxe Armee“ gewaltsam für die Ausweitung des Einflussbereiches der Russisch-Orthodoxen Kirche sorgt – auf Kosten der UGKK und des Kiewer Patriarchats. Mit anderen Worten: Sie hilft, die angeblichen Rivalen der Russisch-Orthodoxen Kirche aus den umkämpften Gebieten zu vertreiben. Man könnte das als militärische Verteidigung der Russisch-Orthodoxen Kirche verstehen, die von der Rhetorik der Geistlichkeit motiviert oder zumindest legitimiert wird.

Die Kirche sieht sich selbst als Opfer gezielter Angriffe. Nach Angaben des Moskauer Patriarchats sind infolge der Auseinandersetzungen im Donbass drei Priester der UOK-MP ums Leben gekommen. Zehn weitere seien verhaftet, entführt oder gefoltert und eine unbekannte Zahl Geistlicher des Landes verwiesen worden. Außerdem wurden mehr als 60 Kirchengebäude beschädigt oder zerstört. Patriarch Kirill wies die Schuld dafür der ukrainischen Artillerie zu, die die Gebäude gezielt beschossen haben soll.

Manche in der Russisch-Orthodoxen Kirche sprechen auch von einer gegen sie und die UOK-MP gerichteten Hetz- und Verleumdungskampagne. Sie soll von den „Rivalen“ des Moskauer Patriarchats, besonders dem Kiewer Patriarchat und der UGKK, ausgegangen sein. Mehrere Quellen bestätigen, dass zwischen zehn und 30 Gemeinden aus der UOK-MP ausgetreten sind und sich einer rivalisierenden Kirche angeschlossen haben.

Metropolit Hilarion, der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, interpretiert diese Vorkommnisse als Zeichen dafür, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihre ukrainische Teilkirche direkt angegriffen werden. Er behauptet, dass diese Angriffe von der UGKK geleitet würden. In zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen haben Vertreter des Moskauer Patriarchats die UGKK als politisches Projekt des Vatikans bezeichnet, das die Russisch-Orthodoxe Kirche untergraben solle. Sie werfen der UGKK vor, die ukrainische Gesellschaft polarisiert und den Konflikt verschärft zu haben, indem sie für die EU-Integration des Landes Position bezogen habe. Auch kooperiere sie mit staatlichen Behörden in der Ukraine, um der UOK-MP zu schaden.

Autorin

Katja Richters

ist Post-Doktorandin an der Universität Erfurt. Sie hat sich in ihrer Doktorarbeit und in ihrem derzeitigen Projekt mit den Kirchenspaltungen in der Ukraine beschäftigt.
Es ist schwer zu sagen, inwieweit diese Vorwürfe stimmen. Aber sie haben zu Spannungen mit der UGKK geführt. Die weist besonders den Vorwurf, sie habe den Konflikt verschärft, vehement zurück. Auch die Beziehungen zum Vatikan haben sich verschlechtert, weil Metropolit Hilarion die Ansicht vertritt, der Vatikan könnte die UGKK davon abhalten, der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine zu schaden. Weil er dies nicht getan habe, macht Hilarion ihn für die angeblichen feindlichen Übergriffe mitverantwortlich. So ist die jahrhundertealte Feindschaft zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche und der UGKK sowie dem Vatikan wieder aufgeflammt. Das hat der zeitweisen Annäherung zwischen dem Moskauer Patriarchat und konservativen Teilen der katholischen Kirche ein Ende gesetzt.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihre ukrainische Tochterkirche, die UOK-MP, stellen sich als Opfer der ukrainischen Armee und der UGKK dar und erwecken den Eindruck, sie würden von ukrainischen Nationalisten angegriffen. In der angespannten Situation unterstreichen sie dadurch ihren russischen Charakter. Beide orthodoxe Kirchen sind weitaus tiefer in den Konflikt verstrickt, als ihre Neutralitätserklärungen es vermuten lassen.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2015: Töten für den rechten Glauben

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