Nicht ohne die Milizen

Die Milizen, mit denen die sudanesische Regierung in Darfur den Aufstand brutal bekämpft hat, wurden überwiegend aus arabischen Stämmen dort rekrutiert. Sie konnten nie wirklich aus Khartum kontrolliert werden. Nun gehören die arabischen Hirtennomaden zu den Verlierern des Krieges in Darfur. Nur wenn man ihre Führer an den Verhandlungen beteiligt und an lokale Versöhnungsprozesse anknüpft, kann die Gewalt beendet werden.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung Darfurs sind Araber. Die als „Abbala“ bezeichneten nomadischen Kamelhirten unter ihnen gehören zu den ärmsten Bewohnern der Region und waren von den meisten Formen internationaler Anteilnahme und Unterstützung weitgehend ausgeschlossen. Sie ließen sich leicht für die Aufstandsbekämpfung rekrutieren, mit der die Regierung des Sudan ab 2003 auf die Rebellion der Sudan Liberation Army (SLA) und des Justice and Equality Movement (JEM) reagierte. Ohne die Abbala hätte die Regierung diesen Krieg nicht durchhalten können.

Derzeit finden in Darfur nur kleinere Gefechte statt, aber sie können jederzeit wieder zu einem Krieg eskalieren. Nur wenn die Araber aus Darfur einschließlich der Führer der an den Kämpfen beteiligten Hirtenvölker am Friedensprozess für Darfur teilnehmen, ist jemals die Art politische Einigung vorstellbar, ohne die der Konflikt endlos andauern wird. Doch Mitglieder der arabischen Ethnien wurden erst im vorigen November in die internationalen Versuche  einbezogen, ein umfassendes Friedensabkommen zu erreichen: In Doha, der Hauptstadt von Qatar, kamen Organisationen und Vertreter der Zivilgesellschaft zur „Eröffnungssitzung der umfassenden Friedensgespräche für Darfur“ zusammen. Ausgerichtet hatten die Gespräche die gemeinsame Vermittlungsmission der UN und der Afrikanischen Union (AU) unter Djibril Bassolé sowie die Regierung Qatars als Vertretung der Arabischen Liga. Zuvor waren die Araber aus Darfur an Friedensgesprächen nur insofern beteiligt, als bei den Verhandlungen in Abuja (Nigeria) 2004-2006 einzelne in die Delegationen der Regierung oder der Aufstandsbewegungen aufgenommen wurden. Beide nahmen für sich in Anspruch, die arabischen Ethnien in Darfur zu vertreten, und lehnten jede unabhängige arabische Beteiligung stets ab.

Autorin

Julie Flint

ist Journalistin und Sudan-Expertin. Sie hat zusammen mit Alex de Waal ein Buch über den Krieg in Darfur verfasst und als Beraterin zu Darfur für NGOs und internationale Organisationen gearbeitet, unter anderem zwei Jahre im Rahmen der Verhandlungen in Abuja.

Das Friedensabkommen (Darfur Peace Agreement, DPA), das die Unterhändler der AU im Mai 2006 in Abuja erreichten, bestärkte die Araber in ihrem Verdacht, die sudanesische Regierung werde ihre Interessen opfern, um die eigene Macht zu erhalten. Denn das Abkommen verpflichtete Khartum, die im Wesentlichen aus Abbala bestehenden Dschandschawid-Milizen zu „neutralisieren und zu entwaffnen“. 5000 Rebellen wurden dagegen in die reguläre Armee eingegliedert, zum Teil als Offiziere. Minni Minawi, der größte Feind der Araber und der einzige Rebellenführer, der das DPA unterzeichnete, wurde mit nur 34 Jahren zum hochrangigen Berater von Präsident Omar al-Bashir ernannt.

Der Kern des Konflikts in Darfur ist die Frage des Landbesitzes. Auch hier verärgerte das DPA viele Araber. Denn es erkannte offiziell das traditionelle System der Stammesgebiete (hawakir) an, das die landlosen Abbala dringend reformiert wissen wollen. Sie bevorzugen das moderne Landrecht, das ihnen Anspruch auf Weideland gäbe – und ihre Kriegseroberungen absichern würde. Das DPA spricht das „wichtige Problem“ der Konkurrenz um Weideland und Wasser nur in einem Paragraphen beiläufig an. Es betrachtet die Wanderungsbewegungen der Nomaden im Wesentlichen unter Sicherheitsaspekten und nimmt nicht zur Kenntnis, dass Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung entlang der Migrationsrouten gefördert werden müssen, denn diese Routen sind entstanden, bevor Dürren, Wüstenbildung und Gewalt in Darfur die Verteilung von Ressourcen stark verändert haben.

Die Menschen wissen, dass ihr Überleben als Bauern nur auf der Grundlage einer Versöhnung möglich ist

Das Scheitern des DPA wurde großenteils auf den Zeitdruck bei den Verhandlungen zurückgeführt: Die US-Regierung, die auf die Entsendung von UN-Friedenstruppen fixiert war, und die Geber, denen die Verhandlungen zu langsam vorankamen, forderten schnelle Lösungen. Da nur eine Rebellenorganisation das Abkommen unterzeichnete und die Araber an den Verhandlungen nicht beteiligt waren, war das DPA von vorneherein chancenlos. Seit dem Ende der Verhandlungen in Abuja stagniert der Friedensprozess in Darfur. Man ließ das DPA dahinsiechen, das offiziell gilt, aber von der Bevölkerung nicht akzeptiert wird. Gleichzeitig richteten von der Regierung bewaffnete arabische Milizen sich nun gegen diese Regierung. Meutereien, gewaltsame Proteste wegen ausbleibender Soldzahlungen und heftige Kämpfe zwischen arabischen Stämmen um Land und Wasser zeigten, wie wenig Khartum die in seinem Namen kämpfenden Dschandschawid unter Kontrolle hat.

Bassolé setzte darauf, den Prozess mit Hilfe einer Übereinkunft zwischen den größten Gegnern wieder anzustoßen, ohne die kein Waffenstillstand möglich ist: der sudanesischen Regierung und der JEM, die dank der Unterstützung aus Libyen und dem Tschad jetzt die stärkste Rebellengruppe ist. Der Versuch ist fehlgeschlagen – weniger aufgrund von Fehlern in Bassolés Verhandlungstaktik als wegen des Desinteresses der sudanesischen Kontrahenten, die die Hoffnung auf einen militärischen Sieg noch nicht aufgegeben haben. Erst Ende des vergangenen Jahres versuchte Bassolé es mit einem neuen Konzept: Er wandte sich an die Zivilgesellschaft in der Hoffnung, dass die ‚normalen Bürger‘ Darfurs die Konfliktparteien in Bewegung bringen und ein stabiles Zentrum der Verhandlungen schaffen würden.

In Doha ist Vertretern der drei Bundesstaaten, aus denen Darfur besteht, Ende 2008 in nur vier Tagen gelungen, was die bewaffneten Gruppen nicht erreicht hatten: Die Einigung auf einen einheitlichen Forderungskatalog. Sie veränderten die vorbereitete Tagesordnung und fügten den vier Themen, die für die Diskussion vorgesehen waren (Landrechte, Machtteilung, Zivilgesellschaft und Allgemeines), drei weitere hinzu: Sicherheitsgarantien und Entwaffnung; Umverteilung und wirtschaftliche und soziale Entwicklung; Gerechtigkeit, Aussöhnung und Rückführung von Flüchtlingen. Der Abschnitt über Landrechte wurde erweitert und nimmt jetzt ausdrücklich auf die Migrationsrouten der Nomaden Bezug. Themen, die für die Araber wichtig sind, wurden in der abschließenden Doha-Erklärung besonders hervorgehoben – etwa Landrechte, die Rückkehr zum Gewohnheitsrecht in Bezug auf die Nutzung von Weideland und Wasser sowie die Einrichtung von Internaten für Kinder der Hirtenstämme, die aus dem Schulwesen herausfallen.

Manche Kommentare reduzieren den Konflikt in Darfur auf die Auseinandersetzung zwischen Afrikanern und Arabern, marginalisierten Rebellen und der arglistigen Regierung in Khartum. Einige argumentieren, das Ausmaß der Gewalt sei so katastrophal, dass die Menschen in Darfur nie wieder friedlich zusammenleben könnten. Die Konferenz in Doha hat diese Schwarzseher widerlegt. Die Menschen in Darfur kennen ihre Situation. Doch sie wissen auch, dass ihr künftiges Wohlergehen und sogar ihr bloßes Überleben als Viehzüchter und Bauern nur auf der Grundlage einer Versöhnung möglich ist. Ihre Lebensräume, ihre Existenzbasis und ihre sozialen Beziehungen sind so eng miteinander verflochten, dass sie sich langfristig nicht voneinander lösen lassen.

Fern vom Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit setzen sich in vielen Teilen Darfurs Araber und andere Gruppen, Rebellen und Dschandschawid zusammen, um miteinander lokale Versöhnungsabkommen auszuhandeln. Dies hat viel mehr als die in ihren riesigen Camps zusammengepferchten Friedenstruppen der UNAMID dazu beigetragen, dass die Gewalt stark zurückgegangen ist. Vor einigen Monaten habe ich mich im Norden Darfurs, im Niemandsland außerhalb der Stadt Ain Siro, mit SLA-Kommandanten und mit Mitgliedern des regierungsfreundlichen Awlad-Rashid-Stamms getroffen – dies sind Abbala mit einer starken emotionalen Bindung an die Wüste. „Die Menschen in Darfur kennen einander“, sagte einer von ihnen. „Wenn sie sich zusammensetzen und reden, können sie das Problem lösen. Im Jahr 2003 gab die Regierung uns Waffen und sagte: ‚Ihr müsst mit uns kämpfen, sonst werden die SLA-Rebellen euch vertreiben und töten. Danach geben wir euch das Land.‘ Jetzt sehen wir, dass das falsch war. Früher war das Leben besser. Wir haben unsere Lektion gelernt.“

Ohne Einwilligung der Araber wird es keine Entwaffnung der Rebellen geben

Trotz der Beteiligung der Araber an der Konferenz in Doha ist ihre Rolle im Friedensprozess noch schwach und kaum definiert. Nicht nur ist unklar, welchen Platz die Zivilgesellschaft in eventuellen neuen Verhandlungen bekommen soll: als vollwertiger Partner? In den technischen Ausschüssen? Soll sie einen größeren Teil der Delegationen der Regierung und der Rebellen ausmachen? Die Zivilgesellschaft ist selbst schwach, nachdem sie zwei Jahrzehnte von den islamistischen Generälen angegriffen wurde, die 1989 die Macht ergriffen haben. Besonders unter den Arabern ist sie infolge der Abschaffung der staatlichen Institutionen für Nomaden geschwächt und durch die Militarisierung deformiert. Der Dialog- und Konsultationsprozess in Darfur (Darfur–Darfur Dialogue and Consultation) – ein unabhängiges Gremium, den das Friedensabkommen von Abuja geschaffen hat, um die Zivilgesellschaft zu stärken – hat die Erwartungen nicht erfüllt. Statt die Zivilgesellschaft zu einen, hat er zu ihrer Zersplitterung beigetragen, indem er „mit Binnenflüchtlingen, Wissenschaftlern, Aktivisten, Politikern, Stammesführern, Frauen und Jugendlichen jeweils getrennt beriet“, erklärt ein Vertreter von einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Vor allem aber scheint das Gespräch zwischen den Rebellen und der Zivilgesellschaft ebenso blockiert wie der gesamte Friedensprozess. Die JEM hat sich geweigert, sich auf die normalen Bürger Darfurs einzulassen, die nach Doha gebracht worden waren. Sie hat behauptet, die seien Anhänger der regierenden Partei, und verlangt, 150 von ihr ausgewählte Menschen zuzulassen. Das lehnt der Vermittler bisher ab.

Wenn der Weg über die Zivilgesellschaft nicht funktioniert, müssen andere Möglichkeiten gefunden werden, die Araber Darfurs in den Friedensprozess einzubinden. Dafür gibt es viele gute Gründe. Erstens hat die Regierung in Khartum nicht zuletzt deshalb 2003 die Abbala-Araber als Speerspitze ihrer Angriffe gegen die Rebellen benutzt, weil die reguläre Armee zu schwach war. Daran hat sich nichts geändert. Die Abbala haben unter den 450 Mitgliedern des Parlaments in Khartum nur eine Handvoll Abgeordnete. Sie waren politisch nie stark genug, um ihre Belange wirksam zu vertreten. Solange sie keine Stimme haben, werden sie versucht sein, auf Gewalt zurückzugreifen.

Zweitens wird es ohne Einwilligung der Araber keine Entwaffnung geben. Die Resolutionen des Sicherheitsrats, die Khartum auffordern, die Dschandschawid zu entwaffnen, sind reine Illusionen, zumal bei den vorgegebenen Fristen. Eine dauerhafte Entwaffnung kann nur erreicht werden in einem langfristigen Prozess der freiwilligen und allseitigen Abgabe der Waffen, an der alle Stammesführer mitwirken.

Drittens hat der Krieg in Darfur eine neue Gruppe Abbala ins Leben gerufen: junge Männer, die nicht mehr auf ihre Stammesältesten hören und deren neuer Lebensstil, so sagen die Ältesten, sich um „Wein, Frauen und Vergewaltigung“ dreht. Deshalb gilt es vor allem die jungen Araber einzubinden, ihnen Bildungsperspektiven und einen Weg aus der Abhängigkeit vom Krieg zu bieten. Sie müssen die Erfahrung machen, dass es ihnen Ansehen und Macht einbringt, wenn sie konstruktiv zur Entwicklung ihrer Gesellschaft beitragen.

Abbala-Araber brauchen den Frieden so dringend wie alle in Darfur

Viertens gibt es für die vertriebenen Bauern keinen Weg zurück aus den Flüchtlingslagern, wenn man den Arabern keine Möglichkeit bietet, in der Wüste zu leben, so dass die, die Nomaden bleiben wollen, sich vom besetzten Ackerland zurückziehen können. Echte Stammesführer – im Unterschied zu Warlords – müssen in die Friedensgespräche einbezogen werden, um herauszufinden, wie lokale Rechte bestimmt werden können, wie man die Migrationsrouten der Nomaden aufzeichnen und den Landzugang aushandeln und absichern kann.  

Fünftens hat der Krieg bei den Indikatoren der menschlichen Entwicklung die Kluft zwischen den Tätern und den Opfern – beziehungsweise den Arabern und den anderen in Darfur – noch weiter vergrößert. Obwohl die Binnenflüchtlinge ihren Besitz zum größten Teil verloren und entsetzliches Leid erlebt haben, stehen sie in Bezug auf Alphabetisierung, Gesundheitsversorgung und Ernährung besser da. Viele Lager sind zu stadtähnlichen Siedlungen mit Sozialdiensten geworden. Eine Stadtplanung sowie klare Rechte, einschließlich Landrechten, sind für die Menschen nötig, die dauerhaft dort wohnen bleiben wollen.

Für die arabischen Hirtenvölker zeigen die entsprechenden Indikatoren aber ein katastrophales Bild. In dem von Viehzüchtern bewohnten Bezirk El Waha gibt es für 350.000 Menschen lediglich vier Assistenzärzte und 22 Schulen, davon nur eine weiterführende. Die Organisation Al Masar, eine NGO der Pastoralisten, hat eine Liste ihrer dringlichsten Belange erstellt: Sicherheit, Schulbildung, Wasser, Gesundheitsfürsorge (unter anderem Geburtshilfe, Impfschutz und Bekämpfung der Malaria) sowie veterinärmedizinische Dienste, vor allem in Bezug auf eine artgerechte Viehhaltung.

Die Abbala-Araber brauchen den Frieden so dringend wie alle in Darfur. Die traditionellen Migrationsrouten müssen wieder geöffnet werden, damit sie ihre bevorzugten Weidegebiete im Norden Darfurs und die Viehmärkte in Ägypten und in Libyen erreichen können. Auch müssen die Märkte wieder stattfinden, auf denen sie vor dem Krieg Handel mit den inzwischen vertriebenen Bauern getrieben haben. Sie brauchen Schulen, eine medizinische Versorgung, Weideland und Wasser. Und sie brauchen ein Ende der Diskriminierung, aufgrund derer sie für den Krieg gegen die Rebellen gewonnen werden konnten.

Aus dem Englischen von Anna Latz

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2010: Mobilität - Die täglichen Wege