Mit DDT gegen Malaria?

Vor rund vierzig Jahren wurde Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) in den meisten Industrieländern verboten. Bis dahin galt es als Wundermittel zur Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft. Dann aber häuften sich Studien über mögliche gesundheitsschädigende Folgen des DDT-Gebrauchs. Heute verbietet die Stockholm-Konvention über gefährliche Giftstoffe die Anwendung – mit einer Ausnahme: Zur Bekämpfung von Malariamücken darf DDT in Innenräumen versprüht werden; die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt das sogar. Zu Recht?

Autoren

Richard Tren

ist Direktor der Organisation Africa Fighting Malaria mit Sitz in Congella, Südafrika, und in Washington DC, USA.

Hans Rudolf Herren

ist Präsident der Stiftung Biovision für ökologische Entwicklung in Zürich und des Millennium Institute in Arlington, USA. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der biologischen Schädlingsbekämpfung.

Pro: Von unschätzbarem Wert

Von Richard Tren

DDT hat buchstäblich Millionen Leben gerettet, aber selten wird es mit einem Impfstoff oder einem Medikament gleichgesetzt. Stattdessen ist es zu einem unverrückbaren Symbol für die Schädigung der Umwelt und der menschlichen Gesundheit geworden. Dabei spielt DDT nach wie vor eine große Rolle für die öffentliche Gesundheit – denn sein Nutzen zur Eindämmung von Malaria überwiegt klar jeden möglichen Schaden für die Gesundheit.

Der Beitrag von DDT zum Kampf gegen Malaria seit den 1940er Jahren ist herausragend: Das Versprühen des Mittels in Häusern hat die Krankheit in den USA, Europa und einigen Inselstaaten beseitigt. DDT wurde auch in Indien angewendet, wenn auch weniger intensiv, und in Teilen des südlichen Afrikas, wo es immer noch wirksam ist.

Einige argumentieren, DDT sei eine veraltete Chemikalie und überflüssig, weil es heute neuere Ansätze zur Eindämmung von Malaria gebe. Ja, es gibt neuere Chemikalien wie synthetische Insektizide (Pyrethroide), und es gibt neue Ansätze in der Malariabekämpfung, beispielsweise dauerhaft imprägnierte Moskitonetze. Dennoch bleibt DDT aus mehreren Gründen von unschätzbarem Wert: Erstens sind andere Insektizide auch in der Landwirtschaft weit verbreitet mit der Folge von Resistenzbildung bei Insekten – weltweit ein zunehmend drängendes Problem. Deshalb sind für Programme der Malariakontrolle alternative Insektizide nötig, zum Beispiel DDT.

Zweitens wirkt DDT auf dreifache Art: Zum einen stößt es die Mücken ab und verhindert, dass sie in die Häuser kommen. Zum anderen irritiert es diejenigen Mücken, die es doch ins Haus geschafft haben, und sorgt dafür, dass sie ohne zuzustechen wieder rausfliegen. Und schließlich tötet es alle anderen Mücken, die übrig bleiben. Kein anderes Insektizid, das derzeit in Malariaprogrammen angewendet wird, verfügt über diese dreifache Wirkungsweise.

Drittens sind die Verbreitung und der Gebrauch imprägnierter Moskitonetze Besorgnis erregend niedrig – so wichtig solche Netze auch sind. Es gibt Belege dafür, dass die Leute sie nur unzuverlässig gebrauchen, selbst wenn sie die Netze kostenlos bekommen haben und über ihren Nutzen aufgeklärt wurden. Es ist deshalb Irrsinn, nur auf diese Methode der Malariakontrolle zu setzen.

DDT ist kaum giftig für Menschen – und dennoch hält sich die Sorge über mögliche Wirkungen auf die menschliche Gesundheit. Millionen Dollar wurden ausgegeben, meist aus öffentlichen Quellen, für Studien, die vorgeben, Zusammenhänge von DDT und Gesundheitsschäden aufzuzeigen. Obwohl diese Zusammenhänge in der Regel nur sehr schwach, statistisch nicht signifikant und in der wissenschaftlichen Literatur nicht bestätigt sind, werden sie als Beleg für die Schädlichkeit von DDT angeführt. Es gibt etablierte epidemiologische Kriterien für die Gültigkeit einer Ursache-Wirkung-Beziehung, und keine dieser Studien genügt diesen Kriterien. Die Medien berichten häufig über behauptete Schäden, die DDT verursacht. Doch wenn Wissenschaftler solche Behauptungen dann widerlegen, liest man selten etwas darüber. Auf diese Weise wird der Hunger der Öffentlichkeit nach Beweisen für die heimtückische Schädlichkeit von Chemikalien gesteigert, während der Rest der Geschichte verschwiegen wird.

Manche argumentieren, all diese Studien summieren sich zu einem Beweis gegen DDT und damit zu einem hinreichenden Grund, das Mittel nicht mehr gegen Malaria einzusetzen. Aber das Gegenteil ist richtig: Dass eine Vielzahl von Untersuchungen widersprüchliche, nur schwache oder gar keine Zusammenhänge zeigt ist kein irgendwie verborgener Beleg für die Gefährlichkeit von DDT. Vielmehr ist es der Beweis, dass es einen solchen Zusammenhang eben nicht gibt.

Die Tatsache, dass die Beweislage gegen DDT schwach ist, hält Aktivisten nicht davon ab, seine Anwendung zu attackieren. Vertreter öffentlicher Gesundheitssysteme sollten auf sorgfältigen, wissenschaftlichen und sachlichen Untersuchungen zu DDT beharren. Wenn die Umweltbewegung andere für die öffentliche Gesundheit relevante Chemikalien ebenso diskreditieren darf wie DDT, dann ist der Kampf gegen von Insekten verursachte Krankheiten, die jährlich Millionen Todesopfer fordern, verloren.

 

Kontra: Gefährlich und überflüssig

Von Hans Rudolf Herren

1948 hat das Schweizer Radio die Verleihung des Nobelpreises an den DDT-Entdecker Paul Müller mit Stolz gewürdigt. Heute wissen wir mehr über die unmittelbaren lokalen und die langfristigen globalen Folgen des Insektizids. Heute wissen wir, dass DDT ein potentes Umwelt- und Gesundheitsgift ist. Viele Industrieländer haben es deshalb schon in den 1970er Jahren aus dem Verkehr gezogen, und die Staatengemeinschaft hat das Insektizid folgerichtig mit der Stockholm-Konvention gegen langlebige organische Schadstoffe verboten, die seit 2004 in Kraft ist.

Unter dem Eindruck der gescheiterten Bemühungen, Malaria auszurotten, ist in der Konvention allerdings eine Ausnahmeregelung für das Besprühen von Räumen verankert worden. Als Folge hat in den vergangenen Jahren die Zurückhaltung gegenüber DDT vielerorts abgenommen. Das ist inakzeptabel angesichts der verheerenden Folgen des DDT-Gebrauchs: Zahllose Untersuchungen weisen schon lange auf die Krebs erzeugende und hormonähnliche Wirkung von DDT mit Folgen für die Ungeborenen und nachfolgende Generationen hin. Nun mehren sich die Anzeichen, dass auch die heute übliche Innenraumanwendung zu hohen Belastungen und zu Spätfolgen für Bewohner führt. Zusätzlich kommen Folgen vergangener DDT-Einsätze in Industriestaaten neu ans Licht: Der Gletscherschwund bringt das über lange Zeit im Eis eingefrorene Gift zurück in die Umwelt.

Wo DDT verfügbar ist, gehandelt, gehortet und gelagert wird, lassen sich weder Missbrauch noch eine unabsichtlich unsachgemäße Handhabung ausschließen. Selbst wenn alles regelkonform abgewickelt wird, lässt sich nicht vermeiden, dass das schwer abbaubare Insektizid mit dem Zerfall der Häuser, in denen es versprüht wurde, in die Umgebung gelangt und langfristig Nahrungsquellen, Böden und Gewässer kontaminiert.

Zudem mehren sich in Afrika die Anzeichen für eine weit verbreitete DDT-Resistenz der Insekten. DDT ist deshalb keine wirkungsvolle Alternative zu anderen Mückengiften. Nötig sind neue umweltfreundliche und für Mensch und Tier harmlose Insektizide gegen Malariamücken und nicht die Wiedereinführung eines aus guten Gründen verbotenen alten Pestizids.

Die Behauptung, DDT sei kostengünstig, ist falsch, wenn die Nebenfolgen eingerechnet werden. Um beispielsweise den unerlaubten Einsatz in der Landwirtschaft zu verhindern, braucht es kostspielige Kontrollen. Aber selbst dann lässt sich Missbrauch nicht ausschließen mit der Folge enormer wirtschaftlicher Risiken für den Export landwirtschaftlicher Produkte, der in manchen Ländern Afrikas die wichtigste Einkommensquelle ist. Die Rechnung stimmt aber auch auf der Nutzenseite nicht: DDT ist in verschiedenen Ländern Afrikas in den vergangenen Jahren gegen Malariamücken eingesetzt worden. Es gibt aber keine Daten, die belegen, dass damit bessere Ergebnisse erzielt wurden als in Ländern, die auf DDT verzichtet haben.

Letztlich ist der DDT-Einsatz gegen Malaria überflüssig, weil heute bessere Alternativen zur Verfügung stehen, die ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit in unterschiedlichen Situationen unter Beweis gestellt haben. Die Erfolgsgeschichte von Mexiko ist ein Musterbeispiel dafür, wie nach sorgfältiger Problemanalyse und unter aktiver Teilnahme der Bevölkerung Mückenbrutstätten bekämpft, die hygienischen und medizinischen Verhältnisse verbessert und das Land praktisch malariafrei gemacht werden konnte. Erfolge gibt es aber auch auf dem afrikanischen Kontinent. So kommt in Kenia in verschiedenen Landesteilen das so genannte „Integrierte Vektor-Management“ zum Einsatz, bei dem gesundheits- und umweltpolitische Strategien aufeinander abgestimmt werden. Damit konnten die Malariaerkrankungen in Städten und auf dem Land signifikant reduziert werden – ohne DDT.

Die zwischenzeitlich geschaffene Einrichtung einer globalen Partnerschaft zur Förderung der Alternativen zu DDT wird der wirksamen umwelt- und gesundheitsverträglichen Malaria­kontrolle Schub geben und den Übergang zu einer malaria- und giftfreien Zukunft in Afrika beschleunigen. Der Ausstieg aus DDT sollte forciert und die Anstrengungen auf zukunftsverträgliche Lösungen der Malariabekämpfung gebündelt werden.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss