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Indiens Regierungschef Narendra Modi.

Narendra Modi will Indiens Einfluss auf der internationalen Bühne vergrößern. Dabei greift er auch zu ungewöhnlichen Mitteln.

Narendra Modi hat seine Amtszeit mit einer Vielzahl von diplomatischen Unternehmungen begonnen. Schritt für Schritt hat er Indiens Beziehungen zu seinen Nachbarn ausgebaut. Seine erste Auslandsreise ging nach Bhutan, Nepal besuchte er zweimal in vier Monaten, und er bemüht sich darum, Gebietsstreitigkeiten mit Bangladesch zu klären. Zudem umwarb er China, Japan und die USA mit Besuchen auf höchster Ebene und vertrat sein Land mit großem Engagement auf multilateralen Foren, insbesondere bei den Treffen der aufstrebenden Schwellenländer (BRICS), den G20 und der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN).

Doch die Grenzen der konventionellen Diplomatie sind schnell erreicht – vor allem, wenn sie so schwach institutionell verankert ist wie in Indien. Der Auswärtige Dienst (Indian Foreign Service, IFS) ist mit 900 Beschäftigten winzig für ein Land mit globalen Ambitionen. Die Behörde, die Indiens 1,2 Milliarden Einwohner nach außen vertritt, ist etwa so groß wie der Auswärtige Dienst Neuseelands (Bevölkerung 4,4 Millionen) oder Singapurs (5,3 Millionen). Zum Vergleich: Das Außenministerium der USA beschäftigt rund 15.000 Mitarbeiter, in China sind es immerhin 5000.

Ein Ausbau ist in Indien zwar geplant. Modis Vorgängerregierung wollte die Zahl der IFS-Mitarbeiter verdoppeln, schwankte aber bei der Frage, wie lange ein Ausbau dauern würde. In jedem Fall werden Jahre vergehen, bis er Früchte trägt, und selbst dann bleibt Indiens diplomatisches Korps deutlich kleiner als das anderer Länder. Zudem ist der Dienst bekannt für seine konservative Einstellung und seine häufig stark von Einzelpersonen geprägte Entscheidungsfindung. Neuen Ideen gegenüber ist er wenig aufgeschlossen. Dies könnte die Wirkung des geplanten Ausbaus mindern.

Soft Power statt Muskelkraft

Doch was Indien an diplomatischer Muskelkraft fehlt, macht es mit Soft Power, mit weicher Macht, wett. Das Land kann Yoga, den Buddhismus und eine reiche philosophische Tradition vorweisen, dazu international renommierte Intellektuelle wie den Ökonomen Amartya Sen und den Schriftsteller Salman Rushdie, ganz zu schweigen von seiner Filmindustrie Bollywood. Es besitzt zudem eine große, wohlhabende und zunehmend politisch engagierte Diaspora in allen politischen und wirtschaftlichen Zentren der Welt.

Jahrelang blieb das Soft-Power-Potenzial des Landes weitgehend unerschlossen. 2006 richtete die damalige Regierung im Außenministerium eine kleine Abteilung für Public Diplomacy ein – damit soll die Öffentlichkeit anderer Länder direkt beeinflusst werden – und weitete die Tätigkeit des Indischen Rates für Kulturbeziehungen weltweit aus. Diese Bemühungen wirken allerdings blass im Vergleich zum British Council, den deutschen Goethe-Instituten oder Chinas Netzwerk von Konfuzius-Instituten und Sprachstipendienprogrammen im Ausland. Indien hat zudem kaum vom globalen Yoga-Boom profitiert und zieht weit weniger ausländische Touristen an als die Volksrepublik. 

Um diese Probleme anzugehen, hat Modi mehrere Instrumente. Bei größeren Besuchen im Ausland nimmt er Kontakt zur indischen Diaspora auf, die weltweit 25 Millionen Menschen zählt. Viele Inder in der Diaspora sind relativ wohlhabend, gut vernetzt und – im Gegensatz zu Auslandschinesen – politisch engagiert. Der US-amerikanische Kongress und der Senat haben aktive Indien-Ausschüsse; Amerikaner indischer Herkunft beteiligen sich zunehmend an der Wahlkampffinanzierung.

Obama via Twitter eingeladen

Auf Hindi appellierte Modi im New Yorker Madison Square Garden im vergangenen Herbst an 18.000 Auslandsinder, „Hand in Hand zu arbeiten und Mutter Indien zu dienen.” Er forderte sie auf, Indiens internationales Image aufzupolieren und ausländische Direktinvestitionen zu ermutigen. Ähnliche Appelle richtete Modi an seine Landsleute in Japan und Australien. Noch ist es zu früh, um den Erfolg dieser Initiativen zu beurteilen. Aber der eines Rockstars würdige Empfang, den Zehntausende Auslandsinder Modi auf seinen Reisen bereiteten, zeigt, dass es ihm offenbar gelungen ist, einen Nerv der Diaspora zu treffen.

Narendra Modi begeistert im September 2014 im New Yorker Madison Square Garden seine in den USA lebenden Landsleute. Getty Images

Modi nutzt zudem die digitale Diplomatie, um das Ansehen seines Landes zu verbessern. Das Mittel seiner Wahl ist der Kurznachrichtendienst Twitter, bei dem er 9,5 Millionen Follower vorweisen kann. Auf Englisch und Japanisch demonstriert er seine enge Beziehung zum japanischen Premierminister Shinzo Abe; er ermuntert ausländische Firmen, in Indien zu investieren, und – wohl die spektakulärste Aktion – lädt US-Präsident Barack Obama öffentlich zu den Feiern zum indischen Tag der Republik ein. Modis Online-Engagement stößt auf eine gute Resonanz. Der Nationale Sicherheitsrat der USA twitterte, man nehme Modis Einladung an; Modi und sein Innenminister Rajnath Singh sind zwei der vier Einzelpersonen, denen Shinzo Abe auf Twitter folgt; andere führende Politiker, darunter der australische Premierminister Tony Abbott, posteten Fotos von sich gemeinsam mit Modi und bestätigten via Twitter die Bedeutung der Beziehungen zu Indien.

 

Modi ist auch auf Facebook, YouTube, Tumblr, LinkedIn, Pinterest und StumbleUpon aktiv. Im November teilte er sein erstes Foto auf Instagram. Es stammt vom 25. ASEAN-Gipfel in Myanmar und generierte 32.000 „Likes“. Bereits im Juli hatte das indische Außenministerium eine Smartphone-App herausgebracht, die neben konsularischen Diensten und Informationen zur indischen Außenpolitik „Follow your PM“ (Folgen Sie Ihrem Premierminister) anbietet – ein Feature, mit dem Modis Auslandsbesuche verfolgt werden können. Diese Kanäle sollen Indiens konventionelle Diplomatie ergänzen und bieten die Chance, direkt mit politischen Eliten und der Öffentlichkeit weltweit zu kommunizieren.

Um die Schranken der Bürokratie in Neu-Delhi zu überwinden, hat Modi zudem begonnen, Teile der indischen Außenpolitik zu dezentralisieren. Im vergangenen Juli hat er auf dem Gipfel der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) aufgerufen, direkte Kontakte auf der Ebene der Bundesstaaten, Städte und Kommunen zu fördern. Er berät sich mit indischen Bundesstaaten über Auslandsinitiativen und hat viele Städtepartnerschaften auf den Weg gebracht. Um die Modernisierung seines Wahlbezirks Varanasi voranzutreiben, hat er zum Beispiel eine Partnerschaft mit dem japanischen Kyoto initiiert. Während des Besuchs des chinesischen Präsidenten in Ahmedabad hat er eine Partnerschaft mit Chinas bedeutendem Industriestandort Guangzhou angebahnt, und in Australien hat er beim G-20-Gipfel eine Partnerschaft zwischen Hyderabad und Brisbane vorgeschlagen. Eine Beziehung zwischen zwei Ländern könne sich nur voll entwickeln, argumentierte er, „wenn wir unsere Bundesstaaten und Städte zusammen bringen“. 

Indien als "Guru der Welt"

Außerdem will Modi Indien zu einem weltweiten Vordenker machen, einem „Vishwa Guru“, einem „Guru der Welt“. Es gehe aber nicht nur darum, „der Welt eine Richtung zu weisen,“ sondern auch darum, „unser eigenes Erbe zu schützen“,  sagte er in einer Rede an der Banaras Hindu University. Die Idee ist, herauszustellen, wie Indien seine alte Geschichte mit Modernität verbindet. Wie Modi bei seinem Besuch in New York sagte: „Indien ist das jüngste Land der Welt und ihr ältestes.“ Somit setzt Modi sowohl auf Indiens traditionelle als auch auf seine moderne Kultur, um das internationale Ansehen des Landes neu zu beleben.

Mit einem Rückgriff auf die Vergangenheit versucht Modi, Indiens philosophische und religiöse Traditionen in den Dienst seiner Außenpolitik zu stellen. Yoga steht dabei ganz vorne. In einer Rede vor der UN-Generalversammlung im September beschrieb Modi Yoga als „Indiens Geschenk an die Welt“ und brachte das Gremium dazu, den 21. Juni zum internationalen Yoga-Tag zu erklären. Insgesamt unterstützten 177 Nationen den Vorschlag, darunter die USA und China. Ähnlich argumentiert Modi bei der indischen Heilmethode Ayurveda, die er mit der Traditionellen Chinesischen Medizin gleichgestellt wissen will.

Die buddhistische Geschichte Indiens nimmt Modi zu Hilfe, um die Verbindungen zu China, Japan, Myanmar und Nepal zu stärken und auf die geistige und philosophische Verwandtschaft zwischen den asiatischen Ländern hinzuweisen. Bei seinen Reisen nach China und Nepal hob er die Bedeutung des Buddhismus hervor, in Japan besuchte er buddhistische Tempel. Das indische Kultur- und Tourismus-Ministerium erarbeitet gemeinsam mit der Weltbank eine Buddhismus-Touristenroute.

Exportschlager Bollywood: In Bangladesch läuft im Januar der Blockbuster „Wanted“. Die Zensurbehörde hat zuvor eine 50-jährige Sperre für Filme auf Hindi aufgehoben. Munir uz Zaman afp/Getty Images

Indiens zeitgenössische Kultur ist – wenn auch weniger prominent – ebenfalls Teil von Modis Diplomatie der weichen Macht. Ausgangspunkt war die Filmindustrie Bollywood. Während Xi Jinpings Besuch in Indien unterschrieben China und Indien eine Vereinbarung über künftige Film-Koproduktionen. Die erste soll der kürzlich angekündigte Film „Kung Fu Yoga“ mit dem Action-Star Jackie Chan werden. Indien hat zudem mit Vietnam eine Zusammenarbeit zwischen dem indischen Sender „Prasar Bharti“ und der „Stimme Vietnams“ vereinbart. Politisch führt Modi die Bemühungen seiner Vorgänger fort, Indiens demokratische Identität herauszustellen, indem er sie zum Thema bei seinen Gesprächen mit Indiens Nachbarn Bhutan und Nepal sowie Australien, Japan und den USA machte.

Modi hofft, dass diese Anstrengungen Indien einen Platz am Tisch internationaler Spitzenpolitik bringen. Das würde einen Zugewinn an Sicherheit und Verbündeten sowie dringend benötigte ausländische Investitionen und Technologie bringen. Zugleich verfolgt er innenpolitische Ziele. Im Ausland auf Hindi zu sprechen, macht Indiens Diplomatie für Inder zugänglich, die andernfalls keine Notiz genommen hätten. Die öffentliche Präsentation seiner Auslandsreisen in den sozialen Medien erlaubt es Modi, sich als internationalen Staatsmann darzustellen, der den Stolz auf das Land wiederbelebt und Investoren anlockt.

Autor

Peter Martin

ist Indien-Direktor der Kommunikationsberatung APCO Worldwide. Sein Beitrag ist im englischen Original in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ erschienen.
Es besteht allerdings auch eine Gefahr. Wenn Modi und die Rechten in seiner Bharatiya Janata Partei (BJP) Indiens kulturelle und historische Leistungen feiern, riskieren sie, die Grenzen des Glaubwürdigen zu überschreiten. Hindu-Nationalisten behaupten schon lange, dass viele der Errungenschaften der modernen Wissenschaft im alten Indien bereits bekannt waren. Modi selbst machte im vergangenen Oktober international Schlagzeilen, weil er wiederholt behauptete, der Hindu-Gott Ganesh – der einen Elefantenkopf auf einem menschlichen Körper trägt – sei ein Beleg dafür, dass die alten Inder Schönheitschirurgie praktiziert hätten. Unter anderem BJP-Parlamentarier pflichteten ihm bei und fügten Berichte über Nukleartests im 2. Jahrhundert vor Christus und antike indische Flugzeuge hinzu. Modi und seine Partei müssen aufpassen, dass sie ihre Bemühungen um Soft Power nicht zu einer Farce verkommen lassen.

Bislang hat Modi mit seiner neuen Art der Diplomatie die Aufmerksamkeit der politischen Führer der Welt geweckt. Noch lässt sich nicht beurteilen, ob sich seine Anstrengungen in höherem Wirtschaftswachstum und größerem politischen Einfluss niederschlagen. Klar aber ist, dass sich seine Regierung hohe Ziele für Indiens Soft-Power und ihre Außenpolitik gesteckt hat. Zum ersten Mal beginnt der indische Staat, die reichen kulturellen und menschlichen Schätze, die sich bislang ziemlich unabhängig von der Politik entwickelt hatten, systematisch für sich zu nutzen.

Aus dem Englischen von Carola Torti.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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