Guatemala

Der frühere Polizeichef Pedro García (rechts) im Oktober 2014 vor Gericht. Er erhält später wegen eines Massakers im Jahr 1980 lebenslange Haft.

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Das blutige Erbe

Die Militärdiktatur in Guatemala hat Anfang der 1980er Jahre ganze Dörfer ausgelöscht. Diese Ver­brechen werden allmählich auf­gearbeitet – trotz großer Widerstände.

Familientreffen bei den Melgars: In dem geräumigem Haus plaudern Cousins und Cousinen, in der großen Küche bereiten die Frauen das Essen zu. Kinder rennen lärmend durch das Wohnzimmer, die Männer stehen im Garten zusammen. Ein ganz normaler, fröhlicher Sonntag in Guatemala-Stadt  – vor einem düsteren Hintergrund. Denn die Geschichte der Familie ist eng mit den Verbrechen der Militärdiktatur (1954-1986), dem damit entfachten Bürgerkrieg (1960-1996) und der heutigen Aufarbeitung verbunden.

Vor 35 Jahren war Ada Melgars Vater gerade auf dem Weg zur Universität, als ihn eine Todesschwadron niederstreckte. „Hugo Rolando Melgar war ein liebevoller Mensch. Ich hätte nie gedacht, dass ihm etwas passieren könnte, er hatte doch nur seine Bücher“, sagt Ada, die Mitfünfzigerin, mit brüchiger Stimme. Sie ringt mit den Tränen. Es war der schwarze März 1980, viele Gewerkschafter, Wissenschaftler und Künstler waren bereits verhaftet, verschwunden oder ermordet worden. Doch die Brutalität der Militärdiktatur gegen Regimegegner und indigene Dorfgemeinschaften sollte in den folgenden Jahren noch schlimmere Ausmaße annehmen – weitgehend ignoriert von der Weltöffentlichkeit. Ada Melgar hat erlebt, was der Terror in Tausenden Familien angerichtet hat: „Meine Mutter hat sich davon nie erholt, Anzeige erstatten war undenkbar und psychologische Betreuung gab es nicht“, sagt sie. „Mein Bruder war damals Student und musste das Land verlassen.“ Viele Freunde, selbst Verwandte, hätten sich von der Familie entfernt, sie wollten nichts zu tun haben mit Menschen, die vom Regime verfolgt wurden. In den Städten habe die Diktatur eine ganze Generation von Führungspersonen, Künstlern und Intellektuellen ausgelöscht, Menschen, die dem Land eine neue Perspektive hätten geben können: „Das Chaos, das sie angerichtet haben, sieht man bis heute. Mir tut das sehr weh, dieses Land so zerstört zu sehen.“

Guatemalas Geschichte der Gewalt

Der Bürgerkrieg in Guatemala geht zurück auf den Putsch der Armee gegen den demokratisch gewählten, sozialreformerischen Präsidenten Jacobo Arbenz 1954. Von Anfang der 1960er Jahre an formierten sich sowohl aus…

Einige der Verantwortlichen leben noch, wie der ehemalige Junta-Chef Efraín Ríos Montt. Ríos Montt hatte im März 1982 gegen den blutrünstigen Militärmachthaber Romeo Lucas García geputscht, aber danach nahmen die Gewaltexzesse noch zu. Der Abschlussbericht der UN-Kommission für Aufklärung der Geschichte (CEH) von 1999 weist die Hälfte aller Menschenrechtsverbrechen der 36-jährigen Militärdiktatur der kurzen Regierungszeit von Ríos Montt zu.

Erneut vor Gericht

Für unzählige Massaker an den Maya muss sich Ríos Montt dieses Jahr erneut vor Gericht verantworten. Bereits im Mai 2013 war der Ex-General unter großem Jubel der Überlebenden wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu insgesamt 80 Jahren Haft verurteilt worden. Doch nur wenige Tage später kassierte das Verfassungsgericht das Urteil wegen angeblicher Verfahrensfehler.

Der mächtige Unternehmerverband CACIF (Comité Coordinator de Asociaciones Agricolas, Comerciales, Industriales y Financieras) hatte im Vorfeld energisch darauf gedrungen, das Urteil zu annullieren. Die junge Indígena-Aktivistin Andrea Ixchíu sieht darin einen Beleg dafür, dass die guatemaltekische Oligarchie für die Schrecken der Militärdiktatur verantwortlich ist: „Die Annullierung des Urteils zeigt den Unwillen der Reichen, in den Spiegel zu blicken. Sie haben diesen Mordapparat geschaffen, der sich dann gegen alle richtete, die es wagten, an eine gerechtere Verteilung des Reichtums in Guatemala zu denken.“

Dennoch hat die juristische Aufbereitung der blutigen Vergangenheit in jüngster Zeit Fortschritte gemacht. 2009, ein Vierteljahrhundert nach dem Höhepunkt der Diktaturverbrechen, wurde mit dem ehemaligen Paramilitär Felipe Cusanero zum ersten Mal ein Verantwortlicher für das Verschwindenlassen von Zivilisten verurteilt. Und im August 2011 sprach ein Gericht erstmals vier Militärangehörige wegen Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur schuldig. Auch eines der wenigen Verbrechen, die im Ausland wahrgenommen wurden, ist inzwischen gerichtlich aufgearbeitet: Am 31. Januar 1980 hatten 30 Bauern aus der Provinz Quiché die spanische Botschaft besetzt, um gegen die Übergriffe der Armee zu protestieren. Doch zu Verhandlungen kam es nicht. Die guatemaltekische Nationalpolizei brannte die Botschaft nieder. 37 Menschen starben, darunter der Vater von Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú. Spanien beendete die diplomatischen Beziehungen zu Guatemala, sonst blieb der Übergriff lange folgenlos. 35 Jahre später, am 20. Januar 2015, wurde der Einsatzleiter der damaligen Nationalpolizei, Pedro García Arredondo, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Aktivisten erinnern im Mai 2014 an Menschen, die während des Bürgerkriegs „verschwunden“ sind.Reuters
Für Francisco Soto, der als Leiter des Menschenrechtszentrums CALDH (Centro Para la Accion Legal en Derechos Humanos) den Prozess gegen Ríos Montt maßgeblich vorangetrieben hat, ist die gerichtliche Aufarbeitung dieser Jahrzehnte zurückliegenden Verbrechen unabdingbar für die Zukunft Guatemalas. Nur so könne es eine Garantie geben, dass sich derartiges nicht wiederholt. „Eine erneute Verurteilung Ríos Montts wäre eine Warnung an die junge Generation von Offizieren, dass sie zur Verantwortung gezogen werden, sollten sie jemals solche Verbrechen begehen“, meint er.

Die Erinnerung wachhalten, die Vergangenheit aufarbeiten: Dieser Aufgabe stellt sich seit Anfang 2014 die „Casa de la Memoria“, das Haus der Geschichte. In dem schön restaurierten Gebäude gruppieren sich um den großen Innenhof die Ausstellungsräume. Sie zeigen mit Fotos, Videos und Tondokumenten, wie die Diktatur jeden Widerstand zu unterdrücken versuchte. Die Ausstellung porträtiert viele der Tausenden Opfer sowie den Kampf der Hinterbliebenen um Gerechtigkeit.

Die junge Museumsleiterin Aura Rodríguez erläutert, warum die Vergangenheit bis heute Aktualität besitzt: Rassismus und soziale Diskriminierung seien nach wie vor oft festzustellen. Indígenas werde in vielen Geschäften der Zutritt verwehrt, Jugendliche aus städtischen Armenvierteln oder den Maya-Dörfern bekämen aufgrund ihres Wohnortes keinen Job. Sexuelle Gewalt gegen Frauen laufe noch immer nach demselben Muster ab: Die Schilderungen von Frauen, deren Gemeinden vor 30 Jahren von der Armee angegriffen wurden, und die Aussagen heutiger Opfer ähnelten sich auf erschreckende Weise.

Nur ein paar Straßen vom Haus der Geschichte entfernt, im einstigen Oberschichtviertel mit seinen Villen, alten Universitätsgebäuden und barocken Kirchen, lebt und arbeitet der Fotograf Daniel Hernández Salazar. In fast 30 Jahren ist Hernández zu einem der wichtigsten Chronisten der Grauen der Diktatur geworden. Er fotografierte Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre Indígena-Frauen, die martialischen guatemaltekischen Polizeitruppen gegenüber stehen, den Aufmarsch der Kaibiles – einer Eliteeinheit der Armee, die für die schlimmsten Massaker verantwortlich war – und den Trauerzug eines Indígenadorfes für massakrierte Angehörige. Und später immer wieder menschliche Überreste aus den nun immer häufiger entdeckten geheimen Gräbern.

Sehen und verstehen

Auch Hernández engagiert sich bis heute, die Erinnerung wach zu halten: Die einzige Möglichkeit, solche Verbrechen in Zukunft zu verhindern oder zumindest unwahrscheinlicher zu machen, sei es, sie zu dokumentieren. Sie dürften nicht nur der juristischen Aufarbeitung überlassen werden. Sondern es gelte, all jene zu erreichen, die „das alles nicht glauben wollen und vor allem die jüngeren Generationen, damit sie sehen und verstehen, was passiert ist“, erklärt er. Zum erschütternden Abschlussbericht der guatemaltekischen Wahrheitskommission unter dem Vorsitz des katholischen Bischofs Juan Gerardi hat Daniel Hernández die Titelfotos beigesteuert.

Der Bericht wurde am 24. April 1998 veröffentlicht, zwei Tage darauf wurde Juan Gerardi brutal ermordet. Hernández sieht darin mehr als eine Racheaktion: „Sie haben seinen Kopf zertrümmert, das war eine Warnung an die ganze Gesellschaft: Vorsicht, denkt nicht zu viel! Vorsicht, fragt nicht zu viel! Denn seht, was Euch dann passieren kann.“ Die Vergangenheit ist für den Fotografen noch lebendig. „Wir sind immer noch sehr nah dran an dieser schlimmen Zeit“, sagt Hernández. Allein die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft garantiere, dass man in Guatemala „nicht mehr alles ungestraft tun kann“. Doch das System habe sich kaum geändert: Die Oberschicht sehe das Land nach wie vor als ihre Finca, auf der sie machen könne, was sie wolle.

Fast zwanzig Jahre nach dem Abschluss der Friedensabkommen, das 1996 den langjährigen Bürgerkrieg beendete, gelten die Ministerien, die Armee, die Polizei und die Justiz als korrupt und unterwandert – durch Seilschaften aus der Zeit der Diktatur, durch das organisierte Verbrechen und als bezahlte Erfüllungsgehilfen der Oberschicht. Gewalt prägt den Alltag und die Gesellschaft: Die Mord- und Kriminalitätsrate zählt zu den höchsten der Welt. Auch zahlreiche Journalisten und Gewerkschafter sind in den vergangenen Jahren ermordet worden. Nur selten wird ein Kapitalverbrechen aufgeklärt.

Um der Korruption und der Straflosigkeit in Guatemala zu begegnen, ist seit 2007 eine Internationale Kommission gegen die Straffreiheit (CICIG) im Land. Im August 2010 stellte die Kommission Haftbefehle wegen Steuerung einer kriminellen Vereinigung, Mord, Drogenhandel, Geldwäsche, Entführung und Erpressung gegen den ehemaligen Innenminister Carlos Vielman, Ex-Polizeichef Erwin Sperisen und 16 weitere Funktionäre aus. In den folgenden Jahren deckte sie weitere kriminelle Netzwerke und Korruptionsskandale in Guatemalas Institutionen auf, für die unter anderem Ex-Präsident Alfonso Portillo ins Gefängnis musste.

Trotz  oder vielleicht gerade wegen dieser Erfolge ist die CICIG in Guatemala längst nicht überall willkommen. Präsident Otto Pérez Molina ließ mehrfach durchblicken, dass er ihr Mandat in diesem Jahr nicht verlängern wolle. Dafür mag er gute Gründe haben: Während der 1980er Jahre war der General Kommandant einer Militäreinheit im Ixil, jener Region, in der die Armee die Massaker verübte, für die Efraín Ríos Montt erneut vor Gericht stehen soll. Kurz vor Pérez Molinas Entscheidung über die Mandatsverlängerung deckte die CICIG einen groß angelegten Zollbetrugsskandal auf. Neben dem Chef der nationalen Steuerbehörde und dem Privatsekretär der Vizepräsidentin wurde gegen Dutzende Funktionäre und Geschäftsleute Haftbefehl erlassen.

Autor

Markus Plate

veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Reportagen und Radiobeiträge zu Lateinamerika. Zurzeit arbeitet er als Fachkraft für Brot für die Welt im Kommunikationszentrum Voces Nuestras in San José, Costa Rica.
Pérez Molina, angetreten als Saubermann, der mit einer Politik der harten Hand Korruption und Gewalt eindämmen will, musste das Mandat der CICIG zähneknirschend verlängern. Doch weder diese Entscheidung noch der Rücktritt von Vizepräsidentin Roxana Baldetti konnte den Druck aus dem Kessel nehmen. Zehntausende Menschen haben im Mai auf dem zentralen Platz in Guatemala-Stadt gegen die Korruption und für den Rücktritt des Präsidenten sowie für weitreichende Reformen des politischen Systems demonstriert. Es sind die größten Demonstrationen, die Guatemala seit den Friedensabkommen gesehen hat – und einer der Freiräume, die die Zivilgesellschaft inzwischen hat und laut dem Fotografen Daniel Hernández noch viel stärker nutzen sollte.

Ada Melgar und ihre Familie haben mitdemonstriert. Sie bleiben engagiert für ein besseres Guatemala, das seine Vergangenheit aufarbeitet und in dem die Zivilgesellschaft den Mächtigen auf die Finger schaut. Adas Tochter Ana Maria ist bereits in die Fußstapfen ihres Großvaters getreten. Die 20-Jährige engagiert sich bei den Hijos, einer Organisation von Kindern und Enkeln von Diktaturopfern. Gemeinsam mit ihrem Freund arbeitet sie bei einem alternativen Medienportal. Bei Ada Melgar ist Angst um ihre mutige Tochter zu spüren. Andererseits, sagt sie: „Einer Gesellschaft ohne Gewalt, Korruption und soziale Ungerechtigkeit werden wir nur näher kommen, wenn sich Menschen dafür einsetzen.“ Und sie hofft, dass eines Tages auch die Mörder ihres Vaters vor Gericht gestellt werden.

erschienen in Ausgabe 7 / 2015: Den Frieden fördern, nicht den Krieg

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