„Wir missionieren nicht in Marokko“

Rund 40.000 Migranten leben ohne Papiere in Marokko. Sie versuchen, sich hier ein neues Leben aufzubauen, oder sind auf dem Weg nach Europa gestrandet. Evangelische und katholische Gemeinden kümmern sich um sie und stehen ihnen auch seelsorgerlich zur Seite. Die marokkanische Regierung toleriert dieses Engagement – solange die Kirchen nicht versuchen, Muslime zu bekehren.

Wann waren Sie zuletzt in einer Moschee?

Nur Muslime dürfen in Marokko eine Moschee betreten. Das Verbot fußt auf einem Gesetz, das die Franzosen zur Zeit der Besatzung erlassen haben. Sie wollten damit Konflikte zwischen den Religionen vermeiden. Nur die Moschee Hassan II in Casablanca steht auch Nichtmuslimen offen.

Kommen Muslime Ihre Kirchen?

Manche kommen aus Neugierde, um zu sehen, wie wir arbeiten. Allerdings müssen wir aufpassen, dass es nachher nicht heißt, wir hätten versucht, sie zu bekehren. Missionieren steht laut Gesetz unter Strafe. Wir sind eine Kirche für Ausländer. Vor allem Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara füllen unsere Kirchen.  

Darunter sind viele junge Menschen, die studieren wollen. Ist Marokko für sie ein Zwischenstopp nach Europa?

Manche Studenten schreiben sich in privaten Universitäten in Marokko ein, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Sobald sie die Möglichkeit sehen, nach Europa zu kommen, verschwinden sie. Aber es kommen auch viele junge Frauen und Männer, die es ernst meinen mit ihrem Studium. Immerhin gehören die marokkanischen Universitäten zu den besten in Afrika.  

Wie helfen Sie den Studenten?

Die meisten haben Stipendien, die auf staatlichen Abkommen mit ihren Heimatländern beruhen. Es kommt vor, dass sich die politischen Verhältnisse ändern und die Abkommen beendet werden. Wenn Studenten in einem solchen Fall kurz vor dem Studienabschluss stehen und gute Noten haben, erhalten wir die Stipendien aufrecht. Ohne Studienplatz würden die jungen Afrikaner in die Illegalität abrutschen.

Schätzungsweise 40.000 Migranten leben illegal in Marokko. Woran fehlt es am meisten, wenn sie hier ankommen?

Gut fünfzig Prozent sind unterernährt, achtzig Prozent haben kein Geld, eine Unterkunft zu bezahlen, zehn Prozent schlafen schon draußen auf der Straße. Manche sind zudem traumatisiert, bedingt durch Kriege und Vergewaltigungen. Wenn sie überhaupt ankommen: Gut ein Drittel der Menschen stirbt auf der Flucht.

Aus welchen Ländern kommen diese Menschen?

Ein Drittel aus dem Kongo, viele auch aus Nigeria. Wann immer es zu Unruhen südlich der Sahara kommt, haben wir innerhalb von drei Wochen Flüchtlinge hier. Gerade kommt wieder ein neuer Flüchtlingsstrom aus der Elfenbeinküste. Die meisten wollen nach Europa. Vergangene Woche kam ein Mann, der hat sieben Mal versucht, mit einem Boot nach Spanien zu kommen. Jedes Mal ist er gescheitert.

Wo leben Menschen wie er in Marokko?

Viele kommen in den Vorstädten unter, etwa in Takadoum, einem Stadtteil von Rabat. Wenn man die engen Schlafräume betritt, liegen darin oft acht Personen – wie Ölsardinen. Mehr als 30 Menschen teilen sich ein Bad; das besteht aus einem Loch im Boden, über dem ein Duschkopf angebracht ist. Es sind wirklich schlimme Verhältnisse. Leider ist es marokkanischen Organisationen verboten, diesen Menschen zu helfen. Die Regierung toleriert immerhin unsere Sozialarbeit. Zentren, in denen wir Hilfe leisten, dürfen wir aber nicht bauen.

Wo setzt Ihre Hilfe an?

In Rabat empfangen wir jeden Dienstag siebzig Migranten in unserer Kirche und versorgen sie mit dem Nötigsten. Erst heute haben wir wieder Decken, Jacken und Essen verteilt. Langfristige Hilfe ist aber genauso wichtig, etwa durch Mikrokredite: Kürzlich kam jemand, der konnte Schuhe reparieren, hatte aber keine Ausrüstung. Nächste Woche kaufen wir sie ihm, damit er sich selbst versorgen kann. Die Hauptaufgabe ist es, den Leuten Arbeit zu geben.

Ist arbeiten denn erlaubt – ohne Papiere?

Offiziell nicht, aber wir sind in Marokko, und da lassen sich imminformelle Lösungen finden. Einer der Migranten hat sogar ein Internetcafé geöffnet, ein anderer ein kleines Restaurant, und das, obwohl beide keine Papiere hatten.

Motivieren Sie Schwarzafrikaner, zurück in ihre Heimatländer zu gehen?

Wir arbeiten an etlichen Rückkehrprogrammen. Mit der Evangelischen Kirche im Kongo versuchen wir derzeit, ein Mikrokreditprogramm einzurichten. Es soll Rückkehrern ermöglichen, ein kleines Unternehmen in ihrem Heimatland zu gründen. Migranten haben in Marokko ja keine echte Perspektive. Sie sind unerwünscht, werden immer wieder von der Polizei aufgegriffen und schikaniert. Es ist für sie auch gefährlich, als Gruppe ins Stadtzentrum zu kommen, um unsere Gottesdienste zu besuchen. Unser Pfarrer hält deswegen regelmäßig Bibelkreise in den einzelnen Stadtvierteln.

Kümmern sich auch andere Kirchen um die Flüchtlinge?

Die katholische Kirche ist auch aktiv. Wir arbeiten teilweise zusammen. Auch Missionare aus bibeltreuen Christengemeinden der USA sind in Marokko unterwegs. Ihnen geht es aber mehr darum, Muslime zu bekehren.

Kritiker werfen das auch der evangelischen Kirche vor.

Es gab Fälle, da haben marokkanische Journalisten behauptet, wir würden Muslime konvertieren. Wir missionieren nicht in Marokko! Wir haben damit nichts zu tun, aber manche möchten das einfach nicht verstehen – auch im Parlament. Zweimal schon musste der Minister für islamische Angelegenheiten gegenüber dem Parlament klarstellen, dass wir die missionarische Arbeit nicht unterstützen.

Das heißt die Regierung unterstützt Sie?

Ja, wir sind als offizielle protestantische Kirche in Marokko akzeptiert. Mehr noch: Ich glaube, König Mohammed VI. möchte, dass die katholische und evangelische Kirche hier im Land sind. Ich werde jedes Jahr vom König zu einem Gespräch empfangen. Das ist ein wichtiges Symbol, um den Menschen zu zeigen, dass der König uns hier haben will.

Damit sich die Kirchen um die Flüchtlinge kümmern?

Nein. Der König will in erster Linie einen offenen und dialogfähigen Islam. Das hat sich zuletzt wieder gezeigt, als er eine Universität in Ifrane gegründet hat, wo ein Pfarrer für den interreligiösen Dialog zuständig ist. Zudem stehen ihm liberale Berater und Minister zur Seite, die einen offenen Islam vertreten. Der Minister für islamische Angelegenheiten war schon Gastprofessor in Harvard.

Dennoch haben konservative Islamisten bei der Wahl 2007 an Zuspruch gewonnen. Signalisiert das eine wachsende Bedrohung?

Ich vertraue darauf, dass der König dem standhält. Er hat schon etliche Moscheen und Koranschulen von fundamentalistischen Gruppen schließen lassen. Zwar öffneten sie sofort wieder an anderen Stellen, aber die Regierung tut, was sie kann – jedenfalls was den interreligiösen Dialog angeht.

Das Gespräch führte Thomas Becker.

 

Pfarrer Jean-Luc Blanc ist Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Marokko (EEAM), die aus der reformierten Kirche in Frankreich hervorgegangen ist. Ab dem Sommer wird er in Frankreich beim Missionswerk Defap als Koordinator für internationale Beziehungen tätig sein.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2010: Menschenrechte - Für ein Leben in Würde