NGOs und Privatwirtschaft

Illustration

NGOs und Privatwirtschaft

Die falschen Vorbilder

Früher waren es Graswurzelinitiativen, heute sind es riesige transnationale Institutionen: Organisationen wie Save the Children oder Amnesty International haben mehr gemein mit Unternehmen wie Apple oder Coca-Cola, als sie zugeben wollen. Und sie übernehmen manch schlechte Angewohnheit aus der Geschäftswelt.

Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Die Privatwirtschaft ist eine ausgezeichnete Geldquelle für Hilfs- Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Gerald Butts, der ehemalige Chef des World Wildlife Fund (WWF) in Kanada, hat das einmal auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist Coca-Cola wichtiger als die Vereinten Nationen.“ Es überrascht also nicht, dass immer mehr Organisationen mit Großkonzernen zusammenarbeiten. Das lässt die Spenden in die Höhe schießen, alleine von Coca-Cola hat der WWF 20 Millionen US-Dollar erhalten. Das Kinderhilfswerk UNICEF, einer der stärksten Fürsprecher der Kooperation mit der Privatwirtschaft, listet in seinen Jahresberichten regelmäßig Dutzende Unternehmen aus aller Welt auf, die mindestens 100.000 US-Dollar spenden.

Zu Recht betonen viele den Nutzen solcher Zusammenarbeit, doch die Wahl der Partner sorgt manchmal für Stirnrunzeln. Zum Beispiel Walmart: Der Kaufhausgigant ist nicht gerade für seine Wohltätigkeit bekannt. Stattdessen steht der Großkonzern für die Ausbeutung asiatischer Mädchen und Frauen in globalen Lieferketten. Auch an der 2013 eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch war Walmart beteiligt. Bei dem Unglück starben mehr als 1000 Menschen, 2500 wurden verletzt. All das hindert Save the Children nicht an einer Zusammenarbeit mit Walmart – obwohl sich die Hilfsorganisation doch den Einsatz für die Ausgebeuteten und Unterdrückten der Welt auf die Fahne schreibt.

Manche Leute sagen, der direkte Draht in die Vorstandsetage sorge für höhere ethische Maßstäbe in großen Konzernen und bringe sozialen Fortschritt. Allerdings ist oft das Gegenteil der Fall: Um nicht auf die begehrten Finanzspritzen zu verzichten, halten sich Organisationen mit ­Kritik an Unternehmen zurück.

Früher fuhr Save the Children Kampagnen gegen das Phar­maunternehmen GlaxoSmith­Kline, weil es in Afrika für Millionen Menschen den Zugang zu Aids-Medikamenten blockiert hat. Heute ist der Konzern Partner von Save the Children; das markiert einen klaren Richtungswechsel weg vom Aktivismus. Und vor anderthalb Jahren hat die britische Abteilung der Organisation laut Zeitungsberichten eine Kampagne zur Energiearmut eingestellt. Der Grund: Die 2,27 Millionen US-Dollar schwere Partnerschaft mit dem Energiegiganten British Gas darf nicht beschädigt werden.

Diese Beispiele spiegeln einen gefährlichen Trend: Die Suche nach Geldquellen wird für große Hilfsorganisationen wichtiger als politischer Aktivismus. Das stärkt die Macht der großen Konzerne und schwächt die zivilgesellschaftliche Gegenbewegung.

Große Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der NGOs

Doch die einstigen Gegenspieler haben inzwischen mehr gemein als gut gefüllte Bankkonten. Auch der Aufbau großer Hilfsorganisationen ähnelt zunehmend dem von Unternehmen: Gutbezahlte Geschäftsführer stehen an der Spitze, eine Masse an Freiwilligen und unbezahlten Praktikanten bildet den breiten Bodensatz – und das ausgerechnet heute, da immer mehr Organisationen die globale Ungleichheit anprangern.

Vor allem Oxfam kritisiert regelmäßig die globale Vermögensverteilung, in der eine kleine Minderheit den Großteil des Reichtums besitzt. Insbesondere Raymond Offenheiser, der Präsident von Oxfam America, spricht immer wieder über die große Kluft zwischen Arm und Reich. Dabei hat er selbst allein im Jahr 2013 mehr als 430.000 US-Dollar verdient. Laut dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ gehört er damit zu jenem einen Prozent an der Spitze, über das Oxfam so viel redet. Offenheiser ist kein Einzelfall: In Großbritannien ist laut einer Studie von 2013 die Zahl der Geschäftsführer von Hilfsorganisationen, die sechsstellig verdienen, in den vergangen Jahren um 60 Prozent gestiegen.

Dem gegenüber steht das Heer an Arbeitskräften, die sich kostenlos für die Organisationen abrackern. Viele tun das freiwillig, manche aber eben auch nicht. Viele Entwicklungsorganisationen in Großbritannien sind Teil eines Regierungsprogramms, das Arbeitslose zu unbezahlter Arbeit zwingt; wer das verweigert, dem droht die Kürzung der Sozialleistung. Auch die nicht bezahlten Praktika und Hospitationen, die viele nichtstaatliche Organisationen Universitätsabsolventen anbieten, sind im Grunde nichts anderes als Ausbeutung.

Doch auch bezahlte Arbeit für NGOs sorgt nicht immer für einen stabilen Lebensunterhalt. Oft rekrutieren professionelle Arbeitsvermittlungen die Spendensammler von großen Organisationen wie Plan, Amnesty International oder Friends of the Earth. Diese Agenturen zahlen oft nicht mal den Mindestlohn. Während die Führungsriege des britischen Roten Kreuzes über 300.000 US-Dollar im Jahr verdient, kommen einige Arbeitskräfte am unteren Ende der Pyramide nicht über 10,50 US-Dollar die Stunde – und das in London, einer der teuersten Städte der Welt.

Noch schlimmer ist die erfolgsabhängige Bezahlung, mit der beispielsweise die renommierte Freiwilligenorganisation Voluntary Service Overseas arbeitet. Der Lohn ist hier von der Höhe der eingesammelten Spenden abhängig. Das treibt vielleicht den Umsatz nach oben, aber für die Beschäftigten bleibt der ständige Druck, das Ziel zu erreichen, um am Monatsende genug Geld auf dem eigenen Konto zu haben. Die Frage stellt sich: Untergräbt solche ungleiche Bezahlung nicht den Kampf gegen Ungleichheit in der Welt?

All das soll die Arbeit von NGOs nicht grundsätzlich schlecht machen. Diese Methoden, an Spendengelder zu kommen, sind zunächst einmal nur der Versuch, so viel Geld wie möglich einzutreiben. Sie sind Mittel zum Zweck, und zwar zu einem guten Zweck. Dennoch, so ehrenwert das Anliegen auch sein mag: Weder dürfen junge Menschen ausgebeutet werden, noch sind Partnerschaften mit dubiosen Unternehmen legitim.

Organisationen, die für Umweltschutz, Entwicklung und Menschenrechte arbeiten, müssen sich auf einem zunehmend hart umkämpften Spendenmarkt behaupten. Sie dürfen ihr Vertrauen nicht verspielen und müssen praktisches Vorbild für ihre eigenen Ziele sein. Dominic Nut, der ehemalige Pressechef von Save the Children, hat schon vor längerem kritisch bemerkt: „Das Verlangen nach Geld zerstört unsere Mission.“

Tom Jarman arbeitet für Zimele UK, eine kleine Hilfsorganisation in Wales. Er bloggt zu Themen der Entwicklungspolitik unter www.deathtomyhometown.
wordpress.com

Der Beitrag ist zuerst auf WhyDev.org erschienen. Nachdruck mit freund­licher Genehmigung.

Aus dem Englischen von Moritz Elliesen

erschienen in Ausgabe 7 / 2015: Den Frieden fördern, nicht den Krieg

Neuen Kommentar schreiben