Das Ideal der behüteten Kindheit

Jede Gesellschaft hat ihr eigenes Verständnis von Kindheit und davon, zu welcher Zeit Kinder bestimmte Aufgaben übernehmen oder Fähigkeiten erlangen sollten. Während im Westen Mädchen und Jungen möglichst behütet auf ihre Zukunft vorbereit werden, müssen sie in den Ländern des Südens oft schon in jungen Jahren arbeiten oder Krieg führen. Übergangsrituale weisen ihnen einen festen Platz in der Gesellschaft zu, verlieren aber an Bedeutung.

Kindheit ist eine universelle Erfahrung. Wir alle waren einmal Kinder und glauben zu wissen, wie Kinder sind. Sie sind anders als Erwachsene, kleiner, biologisch unausgereift und gesellschaftlich machtlos. Und doch wissen wir, dass die Situation der Mädchen und Jungen in den Industrieländern vor hundert Jahren noch ganz anders aussah als heute und dass arbeitende Kinder und Kindersoldaten in anderen Teilen der Welt nur eine kurze und manchmal recht grausame Kindheit erleben.

In der westlichen Welt ist die Kinderarbeit abgeschafft, die Kindersterblichkeit ist sehr stark zurückgegangen, der Staat sorgt für Schulbildung und bietet Fürsorge für diejenigen, die darauf angewiesen sind. Die Verbreitung von Verhütungsmitteln hat zur Folge, dass die Kinder, die zur Welt kommen, im Allgemeinen auch erwünscht sind. Natürlich fallen manche Kinder aus dem sozialen Netz heraus, doch bleibt die Vorstellung einer perfekt abgesicherten Kindheit die Norm. Wir möchten sie als eine Zeit der Unschuld, der Abhängigkeit und Schutzbedürftigkeit sehen. Die Erwachsenen geben sich Mühe, ihre Probleme mit Arbeit, Geld, Sexualität und Tod von den Kindern fernzuhalten.

Autorin

Heather Montgomery

ist Dozentin für Entwicklungspsychologie an der englischen Open University. Sie hat in Cambridge über Anthropologie promoviert und ist die Autorin des Buches „Introduction to Childhood. Anthropological Perspectives on Children’s Lives“, Wiley-Blackwell 2008.

Das war bei unseren Vorfahren ganz anders. Früher bedeuteten Kinder auch eine wirtschaftliche Investition. Wer viele von ihnen hatte, verfügte über zahlreiche Hilfskräfte bei der Landarbeit; die älteren Mädchen kümmerten sich um die jüngeren Geschwister, und viele Kinder arbeiteten gemeinsam mit ihren Eltern in den Fabriken und steuerten ihre Löhne zum Haushaltseinkommen bei. Dank ihrer Arbeitsleistung genossen sie große Anerkennung. Was ein Kind verdiente, konnte unter Umständen das Überleben der Familie sichern. Heutzutage legen Eltern keinen Wert mehr auf den Inhalt einer Lohntüte, sondern auf Zuwendung und Verbundenheit, die sie sich von ihren Töchtern und Söhnen erhoffen. Kinder sind nicht mehr Produzenten, sondern Konsumenten – wirtschaftlich wertlos, aber von unschätzbarem emotionalem Wert.

In den nicht westlichen Gesellschaften haben Kinder jedoch weiter einen hohen wirtschaftlichen Nutzen. Manche kümmern sich um das Land und das Vieh, andere gehen so früh wie möglich arbeiten und schicken Geld nach Hause, oder sie betreuen die betagten Eltern und bilden damit ein soziales Netz, das den Alten Sicherheit bietet. In den ländlichen Gebieten Thailands herrscht die Meinung, dass Kinder den Eltern gegenüber eine moralische Schuld abtragen müssen, weil sie sie zur Welt gebracht und großgezogen haben. Sie müssen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, indem sie ihnen ihr Leben lang dienen und gehorchen. Zwar sind auch sie erwünscht, aber ihr Wert wird anders definiert als bei uns. Sie stehen für Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen. Viele westliche Regierung und Hilfsorganisationen halten Frauen in solchen Gesellschaften dazu an, weniger Kinder zu bekommen. Sie übersehen, dass Kinderreichtum dort künftigen Wohlstand verspricht und damit nicht etwa eine Belastung bedeutet, sondern einen wirtschaftlichen Vorteil.  

Aussagen über die Vorteile, die mit Kindern verbunden sind, lassen sich schlecht verallgemeinern. Ebenso schwierig ist es, zu definieren, was Kindheit eigentlich bedeutet. Internationale Rechtsdokumente, etwa die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN), legen fest, dass jeder Mensch zwischen 0 und 18 Jahren ein Kind ist, doch vielerorts hat diese Eingrenzung keine große Bedeutung. Vor allem die Bestimmung des Beginns der Kindheit wirft Probleme auf. So sind sich etwa die Wai-Wai in Amazonien im Ungewissen über das Wesen ganz kleiner Kinder. Sie bezeichnen sie als okopuchi, „kleine Leichen“. Demnach sind sie noch keine vollwertigen Menschen und die Kindheit setzt nicht mit der Geburt ein.

Ähnliche Unschärfen gibt es bei den Murngin-Aborigines, die für den Fötus und das Neugeborene denselben Begriff verwenden und von einem Kind erst sprechen, wenn es mit etwa 6 Wochen zu lächeln beginnt. Das andere Extrem findet sich auf der indonesischen Insel Bali, wo Säuglinge bis zum 210. Tag nach der Geburt als göttlich angesehen werden. Ihrem hohen Rang entsprechend werden sie mit Ehrenbezeichnungen angesprochen und nie auf den Boden gelegt. Erst nach der otonan-Zeremonie, die den Eintritt des Kindes in die Welt der Menschen markiert, darf es seine ersten Schritte machen und den Boden berühren.

Im Westen entzünden sich immer noch heftige Kontroversen an der Vorstellung, dass die Kindheit mit der Geburt beginnt. Die katholische Kirche und viele evangelikale Christen sind überzeugt, die Empfängnis sei der Anfang der Kindheit. Andere vertreten die Auffassung, das Leben setze mit den ersten Bewegungen des ungeborenen Kindes ein oder dann, wenn es außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist. Das ist gegenwärtig nach 22 bis 24 Wochen der Fall, doch der Zeitpunkt verlagert sich mit den Fortschritten der Medizintechnik stetig nach vorn. Wieder andere sind der Meinung, dass weder der Beginn noch das Ende der Kindheit sich eindeutig festlegen lassen. Das ist zwar in einzelnen Ländern gesetzlich geregelt, doch es herrscht kein gesellschaftliches Einverständnis.

Manche Gesellschaften sehen die Kindheit als eine Abfolge von Entwicklungsstufen. Kinder gelangen nicht mit einem bestimmten Alter auf eine neue Stufe, sondern indem sie immer mehr Verantwortung übernehmen. So gehen die amerikanischen Navajo von acht Entwicklungsperioden aus, die damit zusammenhängen, wie viel Wissen und soziale Kompetenz das Kind jeweils hat. Der erste Abschnitt setzt im Alter zwischen 2 und 4 Jahren ein, wenn sich das Kind in seiner Umgebung zurechtzufinden und eine gewisse Selbstkontrolle üben kann. Zwischen 4 und 6 Jahren beginnt das Kind die Bedeutung der Verwandtschaftsbeziehungen zu erfassen. Im dritten Abschnitt (6-9 Jahre) fangen die Kinder an zu denken, und der vierte Abschnitt (10-15 Jahre), in dem sie ihre Pflichten gegenüber der Familie kennenlernen und ihr Wissen über die religiösen Regeln der Navajo vertiefen, bildet den Übergang ins Erwachsenenalter.

Im fünften Abschnitt (15-18 Jahre) sind sie schon fast erwachsen, aber noch nicht verheiratet, und müssen im Haushalt der Eltern mithelfen. Dann beginnt zwischen 17 und 22 Jahren der sechste Abschnitt, wenn sie bereit sind zu heiraten, Vieh zu halten und die Pflichten der Erwachsenen zu übernehmen. Im Alter von 22 bis 30 Jahren, der vorletzten Etappe, bekommen sie Kinder und vergrößern ihren Besitz, bis sie mit über 30 Jahren in den letzten Entwicklungsabschnitt eintreten, in dem sie als vollwertige Erwachsene angesehen werden.

Anderswo kann die soziale Reife früher eintreten. In vielen traditionellen Gesellschaften findet in der Pubertät eine Reihe von Initiationsriten statt, die das Ende der Kindheit markieren. Sie können sich auf wenige Tage beschränken oder auch mehrere Jahre dauern; dabei müssen sich die jungen Leute von ihren Familien lösen und eine Reihe von Prüfungen auf sich nehmen, bis sie schließlich neu in die Gesellschaft aufgenommen und als Erwachsene anerkannt werden. Eine der berühmtesten Beschreibungen derartiger Rituale stammt vom früheren südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela. In seiner Autobiographie berichtet er über seine Kindheit bei den Xhosa und schildert die Hürden, die er und seine gleichaltrigen Gefährten an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenalter zu überwinden hatten, unter anderem die Beschneidung. Er erzählt, welche Strapazen sie dabei auf sich nehmen mussten. Er betont aber auch, dass alle Jungen diese Herausforderung sehnlich erwarteten und darauf brannten, sich dabei als Männer zu beweisen, und mit welchem Stolz es sie erfüllte, wenn sie alle Schmerzen gefasst ertragen hatten. Solche Rituale vertreiben jegliche Zweifel über den eigenen Status und tragen dazu bei, dass die jungen Menschen sich ihrer Stellung in der Gesellschaftsordnung gewiss sein können.

Im Westen wird das Jugendalter oft als eine Zeit der Spannungen und Probleme betrachtet, die von den unkontrollierten Aufwallungen der Hormone geprägt ist und mit schlechtem Benehmen und der Auflehnung gegen die Eltern einhergeht. In anderen Ländern wird diese Übergangsphase viel positiver gesehen. Im heutigen Japan gilt die Adoleszenz als eine hoffnungsvolle Zeit, die den Schlüssel für die Zukunft in sich trägt. Auch wenn die Japaner das Wort „Teenager“ übernommen haben, erwarten sie von ihnen nicht das entsprechende schlechte Benehmen. Japanische Jugendliche streben keine Autonomie gegenüber den Eltern an, und Auseinandersetzungen zwischen Erwachsenen und Kindern sind selten. Jugendliche, die rebellieren und sich unsozial benehmen, gelten nicht als die Regel, sondern als die Ausnahme.

Die Anthropologen, die sich mit Kindheit und Jugend in der heutigen Welt beschäftigen, tun dies in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Während Kinder früher den jeweiligen Normen ihrer Kultur entsprechend aufwuchsen, werden viele wichtige Etappen und Entwicklungsschritte heute gesetzlich festgelegt und bürokratisch fixiert. Im Mittelpunkt steht die Schule. Jede Regierung ist bemüht, zumindest den Grundschulbesuch für alle zu garantieren, und das gilt weltweit und uneingeschränkt als Errungenschaft. In vielen Teilen der Erde fehlt es den Schulen oft an Geld, die Klassen sind zu groß, die Lehrer zu schlecht bezahlt und die Schüler werden zu häufig körperlich bestraft. Dennoch setzen Eltern und Kinder große Hoffnungen auf den Schulbesuch und bringen dafür beträchtliche Opfer.

Doch hat die allgemeine Schulpflicht auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen. So können die Beschneidungsrituale der Xhosa in Südafrika jetzt nur noch in den Schulferien stattfinden, und es nehmen nur Jungen über 16 daran teil. Auch ziehen sich die traditionellen Initiationsriten nicht mehr wie bei Nelson Mandela über viele Monate hin, sondern sie müssen innerhalb von rund zwei Wochen vorgenommen werden. Außerdem finden sie einige Jahre später statt. An ihre Stelle sind andere Rituale getreten. So wird unter anderem vermutet, dass viele junge Männer, die ihren traditionellen Sozialstrukturen entfremdet wurden, ihre Initiation jetzt durch die Beteiligung an Gruppenvergewaltigung (dem sogenannten „gang rape“) erfahren, die in den vergangenen Jahren in Südafrika drastisch zugenommen haben.

Über die Medien und die Werbung tut auch die Globalisierung ihre Wirkung. 1980 hielt das Fernsehen bei den Inuit in Kanada Einzug, und Anthropologen haben untersucht, wie es sich auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Zwar fördert es in vieler Hinsicht die Allgemeinbildung und verhilft jungen Inuit dazu, ihre eigene Nation und die Welt im Ganzen besser kennenzulernen, doch hat es auch andere, weniger günstige Auswirkungen. Viele Kinder beherrschen die Inuit-Sprachen nicht mehr und verlassen sich stattdessen ganz auf das Englische. Auch auf die traditionellen Spiele der Inuit, die auf Kooperation und Gemeinschaftssinn basieren, wirkt sich das Fernsehen ungünstig aus. Sie werden durch das viel beliebtere Eishockey verdrängt, bei dem es auf Kampfgeist und aggressives Vorgehen ankommt, und die Jugendlichen neigen seitdem deutlich stärker dazu, über die Stränge zu schlagen.

Auch die Idealvorstellung des wohlbehüteten Kindes haben die Medien weltweit verbreitet. In großen Teilen Brasiliens genießen die Kinder der Reichen jetzt eine lange Kindheitsphase im westlichen Stil, in der sie zur Schule gehen, nicht arbeiten müssen und alle denkbaren materiellen Vorteile geboten bekommen. Sie werden von Frauen aus den ärmeren Stadtvierteln betreut. Deren Kindern geht es in einem Land mit extremer sozialer Ungleichheit weit weniger gut. Ihre Kindheit ist bedeutend kürzer, sie verlassen die Schule früher (wenn sie sie überhaupt besucht haben) und fangen früher an zu arbeiten, meist in schlecht bezahlten Jobs und unter ungünstigen Arbeitsbedingungen. Die Unterschiede zwischen ihnen und den Kindern, für deren Versorgung ihre Mütter angestellt werden, sind so groß, dass die Hausgehilfinnen manchmal sagen, sie hätten die Kinder ihrer Arbeitgeber lieber als ihre eigenen, weil sie netter aussähen und liebenswerter seien. So ist Kindheit ein Luxus geworden, den sich die Armen nicht leisten können.

Auch wenn Verallgemeinerungen über die Kinder in der modernen Welt nicht ohne weiteres möglich sind, ist ein Trend doch unübersehbar. In den Gesellschaften, die von rapidem gesellschaftlichem Wandel, Überbevölkerung, Bürgerkrieg und chronischer Armut betroffen sind, hat sich die Kindheit dramatisch verkürzt. Kinder werden über Nacht von behüteten Familienangehörigen zu unabhängigen Erwachsenen; der Tod der Eltern, die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, oder auch eigene Schwangerschaften und Elternpflichten zwingen sie, sehr schnell selbstständig zu werden. Diese jungen Leute müssen oft schon früh für sich selbst sorgen, ihren eigenen Haushalt führen, die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen oder an brutalen kriegerischen Auseinandersetzungen teilnehmen.

Auf der anderen Seite zieht sich die Kindheit im reichen Westen in die Länge. Um erwachsen zu werden, muss man wirtschaftliche, soziale und psychologische Grenzen überwinden. Angesichts der weltweiten Finanzkrise ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit vielleicht am schwierigsten. Weniger junge Leute schaffen es, sich beizeiten finanziell selbstständig zu machen, viele sind bis weit über 20 auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Wahrscheinlich werden sie viel länger abhängig bleiben als frühere Generationen.

Bisher ist noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden, was für Kinder und Jugendliche am besten ist, und vielleicht wird das auch nie der Fall sein. Im Westen genießen viele eine hohes Maß an Geborgenheit, aber sie sind auch oft überbehütet; indem wir sie abhängig halten und als schutzbedürftig behandeln, bereiten wir sie möglicherweise zu wenig auf die Welt der Erwachsenen vor. Auch wenn wir über die Grenzen unserer eigenen Kultur hinausschauen, finden wir keine einfachen Antworten. Doch wir erkennen, dass das Erwachsenwerden ein schwieriger Prozess ist, der der Unterstützung durch die gesamte Gesellschaft bedarf. Von anderen Kulturen können wir dabei ebenso viel lernen wie sie von uns.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2010: Vom klein sein und groß werden