Erneuerbare Energien

Vorreiter: Afrikas größte Windfarm steht in der äthiopischen Region Tigray. Sie liefert seit Oktober 2013 Strom.

Erneuerbare Energien

Siegeszug von Wind und Sonne

Der Anteil der Erneuerbaren an der weltweiten Stromerzeugung wächst viel schneller als erwartet. Der Abschied von den fossilen Energieträgern ist nicht mehr aufzuhalten.

Noch ist es nicht sicher – doch das Jahr 2015 könnte für künftige Historiker einmal den Wendepunkt markieren, nach dem die erneuerbaren Energien nicht mehr aufzuhalten waren und die Welt sich aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu befreien begann. Zwar werden Kohle, Öl und Erdgas den Energiemarkt noch jahrelang beherrschen und die Erdatmosphäre durch den Ausstoß von Milliarden Tonnen Kohlendioxid weiter aufheizen. Doch zum ersten Mal verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten von Sonne, Wind und Biogas. Das wird die Weltwirtschaft verändern, so wie in vorangegangenen Jahrhunderten, in denen Holz von Kohle und Kohle von Öl als wichtigste Energieträger abgelöst wurden.

Das Wirtschaftswachstum stützte sich natürlich weltweit lange Zeit auf das ständig wachsende Angebot an fossilen Brennstoffen, in erster Linie Erdöl. Angefangen mit den USA verschafften sich alle Länder, die die Techniken der Erdölförderung und Verarbeitung beherrschten, einen gewaltigen wirtschaftlichen und politischen Vorsprung. Länder mit großen Ölvorkommen wie Kuwait und Saudi-Arabien wurden sagenhaft reich. Konzerne, die dem Erdöl zum Durchbruch verhalfen, sammelten ein immenses Vermögen an und wurden sehr mächtig. Ölstaaten und Energiekonzerne träumen deshalb gerne weiter von einer Zukunft, in der sie eine bestimmende Rolle spielen.

Doch ein erstaunlicher Anstieg bei der Installation von Windkraftanlagen und Sonnenkollektoren legt die Vermutung nahe, dass die Vorherrschaft des Erdöls nicht so dauerhaft sein wird wie gedacht. „Die rasche Ausbreitung der Solartechnik könnte alles verändern“, schrieb der Energieexperte Nick Butler kürzlich in der „Financial Times“. „Es mehren sich die Hinweise, dass uns eine tiefgreifende Wende bevorsteht, die Investitionen in die alten Energiesysteme zunehmend fragwürdig erscheinen lassen.“ In der Regel nimmt der Übergang von einem Energiesystem zu einem anderen mehrere Jahrzehnte in Anspruch. Laut Vaclav Smil von der Universität Manitoba dauerte der Umstieg von Holz auf Kohle und von Kohle auf Öl jeweils 50 Jahre. Ebenso lange werde die Umstellung auf erneuerbare Energien dauern. „Dass es mit der Energiewende nur schleppend vorangeht, ist nicht verwunderlich“, schrieb er im Scientific American, „das war zu erwarten.“

Doch dabei setzt Smil zwei Dinge voraus: Er nimmt an, dass die Entscheidungen über Energie-Investitionen weiter unter dem Gesichtspunkt der Profitmaximierung getroffen werden, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Zudem geht er davon aus, dass die erneuerbaren Energieträger erst in Jahrzehnten günstiger und leichter verfügbar werden als die fossilen Brennstoffe. Beide Voraussetzungen erweisen sich jedoch als unhaltbar. Die Sorge über den Klimawandel verändert bereits die Rahmenbedingungen der Energiepolitik, und zugleich machen Wind- und Solartechnik spektakuläre Fortschritte. Dadurch schwindet der Kostenvorteil der fossilen Brennstoffe.

Vier entscheidende Trends  könnten die Umstellung auf die Erneuerbaren signifikant beschleunigen: Weltweit wächst die Entschlossenheit, dem Klimawandel entgegenzutreten; Chinas Haltung zu Umwelt und Entwicklung ändert sich grundlegend; alternative Energien werden in den Entwicklungsländern stärker akzeptiert; und die Preise für sie sinken.

Ernsthafter Klimaschutz stößt auf weit verbreiteten und hartnäckigen Widerstand. Wie Naomi Klein in ihrem jüngsten Buch „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ nachweist, haben die großen Energiekonzerne jahrelang viel Geld in die Öffentlichkeitsarbeit gesteckt, um Zweifel an der Realität des Klimawandels zu schüren. Politiker, die nicht selten dafür bezahlt wurden, sabotierten gesetzliche Verpflichtungen, die Kohlendioxid-Emissionen zu verringern. Auch viele Bürger wollten die Lage nicht wahrhaben und sträubten sich gegen entsprechende Maßnahmen. Doch all das ändert sich angesichts der immer verheerenden Auswirkungen der Wetterextreme wie Hochwasser, Dürren und stärkere Stürme, die im Alltag immer häufiger zu spüren sind.

Das klarste Anzeichen des Wandels dieser Einstellungen sind die Klimaschutz-Zusagen der wirtschaftsstärksten Länder, die zurzeit den Vereinten Nationen (UN) vorgelegt und Ende des Jahres auf der Pariser Weltklimakonferenz diskutiert werden. Nach einem Beschluss des vorangegangenen Gipfels müssen alle Unterzeichner des Rahmenübereinkommens der UN über Klimaänderungen (UN Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) detaillierte Aktionspläne einreichen, die sogenannten „Beabsichtigten Nationalen Beiträge“ (Intended Nationally Determined Contributions, INDCs) zum weltweiten Kampf gegen den Klimawandel.

Diese Pläne sind zum großen Teil sehr strikt und weitreichend. Und vor allem geben die Staaten jetzt Zahlen für die beabsichtigte Reduzierung ihrer Kohlendioxid-Emissionen an, die noch vor einigen Jahren unvorstellbar gewesen wären. Der amerikanische Plan etwa sieht vor, dass der CO2-Ausstoß in den USA bis 2025 gegenüber dem Niveau von 2005 um 26 bis 28 Prozent sinken soll. Um das umzusetzen, müssen zwar zahlreiche Hindernisse überwunden werden, vor allem die starre Opposition der republikanischen Parlamentarier, die Interessen der Erdölindustrie vertreten. Doch das Weiße Haus gibt sich überzeugt, dass die Regierung viele der vorgesehenen Maßnahmen ohne Beteiligung des Parlaments durchsetzen kann. Das gilt etwa für die Obergrenzen für Emissionen aus Kohlekraftwerken und für obligatorische Einsparungen beim Benzinverbrauch von Autos und Lastwagen.

Andere Länder verfolgen ähnlich hochgesteckte Ziele. Mexiko will seinen Kohlendioxidausstoß bis 2026 deckeln und bis 2030 eine Verringerung um 22 Prozent anstreben. Das mexikanische Engagement ist besonders bedeutsam, denn es ist die erste Klimaschutz-Zusage von Seiten eines großen Schwellenlandes. Die Obama-Regierung würdigte den Beitrag als „aussagekräftig“ und „ambitioniert“.

Auch China ist offensichtlich entschlossen, seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Das Land hat Ende Juni bei den UN seinen Klimaschutzplan eingereicht. Darin sind die Ziele festgeschrieben, auf die sich Präsident Xi Jinping vorigen November bei einem Treffen in Peking mit Präsident Obama geeinigt hatte: Der chinesische Kohlendioxid-Ausstoß soll nach 2030 nicht weiter zunehmen und der Anteil der alternativen Energiequellen am primären Energieverbrauch bis 2020 auf 20 Prozent steigen. Ferner will die Volksrepublik bis 2030 die CO2-Intensität ihrer Wirtschaft – also die CO2-Emissionen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts – gegenüber 2005 um zwei Drittel verringern. Es scheint sogar, als ob die chinesischen Politiker den fossilen Brennstoffen noch schneller den Rücken kehren wollen, als sie angekündigt haben. Sie müssen nämlich auf die Proteste der städtischen Bevölkerung reagieren, die unerträglichen Smogbelastungen ausgesetzt ist. Deshalb wurden ehrgeizige Pläne bekanntgegeben, bei der Stromerzeugung anstelle von Kohle nach Möglichkeit Wasserkraft, Atomenergie, Erdgas sowie Wind- und Solaranlagen einzusetzen. „In den am meisten betroffenen Regionen des Landes streben wir beim Verbrauch von Kohle ein Nullwachstum an“, erklärte Ministerpräsident Li Keqiang im März vor dem Nationalen Volkskongress, dem chinesischen Parlament.

Ebenso wie ihre amerikanischen Kollegen werden die chinesischen Politiker sich gegen den Widerstand der Kohle- und Erdölkonzerne und der lokalen Machteliten durchsetzen müssen. Doch ihre offensichtliche Entschlossenheit, die Abhängigkeit von Öl und Kohle zu verringern, weist auf ein grundsätzliches Umdenken hin. Die Zukunft wird deshalb wahrscheinlich ganz anders aussehen, als es sich bis vor kurzem die meisten Experten vorgestellt haben.

So wurde etwa ein unablässiger Anstieg des Kohleverbrauchs vorhergesagt, doch tatsächlich haben die Chinesen im Jahr 2014 zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten weniger Kohle verbrannt als im Vorjahr. Gleichzeitig stiegen die Investitionen in erneuerbare Energien im selben Jahr um 33 Prozent auf insgesamt 83 Milliarden US-Dollar – mehr als irgendein Land jemals innerhalb eines Jahres dafür ausgegeben hat. Wenn China weiter ein solches Tempo vorgibt und der Trend insgesamt anhält, wird die Energiewende viel schneller vonstatten gehen, als es zu erwarten war.
Die großen Erdölkonzerne wissen schon seit langem, dass die führenden Industrienationen – allen voran die USA, Japan und Europa – sich zugunsten der erneuerbaren Energien früher oder später von den fossilen Brennstoffen verabschieden werden. Sie glauben jedoch fest daran, dass die armen Länder, die ihre Wirtschaftsentwicklung vorantreiben wollen, noch lange von Kohle, Öl und Gas abhängen werden, weil sie sich die Investitionen in alternative Energien nicht leisten können. Deshalb haben ExxonMobil und andere Ölkonzerne eine Menge Geld in neue Raffinerien, Pipelines und andere Anlagen gesteckt.

Auch arme Länder setzen auf Sonne und Wind

Doch zu ihrer großen Überraschung scheinen nun auch arme Länder ihren zunehmenden Energiebedarf lieber mit Sonne und Wind decken zu wollen. Das Interesse der Länder des Globalen Südens an alternativen Energien bestätigt der Bericht „Global Trends in Renewable Energy Investment 2015“, den die Frankfurt School of Finance and Management und das UN-Umweltprogramm gemeinsam erstellt haben. Darin wird festgestellt, dass die Entwicklungsländer – ohne China – im Jahr 2014 für erneuerbare Energien sehr viel mehr als im Vorjahr ausgegeben haben: insgesamt 30 Milliarden US-Dollar. Wenn man China mitrechnet, haben die Entwicklungs- und Schwellenländer fast genauso viel in die Erneuerbaren investiert wie die hochentwickelten Länder. Einen deutlichen Anstieg gab es in Brasilien (7,6 Milliarden US-Dollar), Indien (7,4 Milliarden) und Südafrika (5,5 Milliarden); auch Chile, Indonesien, Kenia, Mexiko und die Türkei investierten je eine Milliarde US-Dollar. Wenn man bedenkt, wie wenig das diesen Ländern noch vor einigen Jahren wert war, ist dies ein deutliches Indiz für eine Zeitenwende.

Eine entscheidende Rolle spielen die Preise. Glaubt man den Fürsprechern von Kohle und Öl, dann könnte man meinen, für die armen Länder gebe es wegen der relativ geringeren Kosten für fossile Brennstoffe gar keine Alternative dazu. Dabei sinken die Preise bei den regenerierbaren Energien, insbesondere bei Solaranlagen, so schnell, dass ungeachtet der seit Mitte 2014 um die Hälfte gesunkenen Ölpreise kein Zweifel daran besteht, in welche Richtung die Entwicklung geht: Die fossilen Brennstoffe bieten den ärmeren Ländern keinen garantierten Preisvorteil mehr. So sind die Kosten für Solarzellen seit 2009 um drei Viertel gefallen; weltweit ist die Stromgewinnung aus Solaranlagen seit 2010 um die Hälfte billiger geworden. Die Sonnenenergie ist selbst bei den derzeit extrem niedrigen Preisen für Erdöl und Erdgas konkurrenzfähig.

Äthiopien: Vorbildlich beim Klimaschutz

Äthiopien hat Anfang Juni als erstes der am wenigsten entwickelten Länder seinen nationalen Klimaschutzplan beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen eingereicht – und nennt darin ehrgeizige Ziele: Bis…

Darüber hinaus haben die Entwicklungsländer gute Gründe, die Erneuerbaren vorzuziehen. Das hat mit ganz anderen Kosten zu tun: Aus den neuesten Berichten des UN-Weltklimarats geht deutlich hervor, dass die schädlichen Folge des Klimawandels die armen Länder auf der Südhalbkugel der Erde früher und sehr viel stärker treffen als die Länder im Norden. Sie müssen etwa damit rechnen, dass die Niederschläge zurückgehen, und sich auf mehr und längere Dürreperioden einstellen. Damit wird die Versorgung von Hunderten von Millionen Menschen mit Lebensmitteln infrage gestellt. Wenn die erneuerbaren Energien zugleich immer erschwinglicher werden, liegt es nahe, dass die Energiewende früher als erwartet stattfinden wird, und zwar gerade in den Regionen, in denen die Erdölkonzerne in der Zukunft noch Gewinne machen wollten.

In der Summe scheinen all diese relativ unerwarteten Entwicklungen nur eine Schlussfolgerung zuzulassen: Wir stehen am Beginn einer globalen Energiewende, die alle bisherigen politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Prognosen auf den Kopf stellen könnte. Diese Wende wird sich nicht über Nacht vollziehen, und sie wird sich gegen den erbitterten Widerstand der Kohle- und Erdölproduzenten behaupten müssen. Dennoch scheint der Trend sich zu beschleunigen. Selbst wenn noch ein paar Jahrzehnte vergehen sollten, ist der Zeitrahmen von einem halben Jahrhundert, mit dem Experten wie Vaclav Smil bisher gerechnet haben, wohl nicht mehr zutreffend. Die fossilen Brennstoffe und mit ihnen die Konzerne, die Politiker und die Ölstaaten, die so lange von ihnen profitiert haben, werden ihre beherrschende Rolle sehr viel schneller verlieren und von den Anbietern der alternativen Energien überholt werden.

Allerdings: Selbst wenn die Investitionen in grüne Technologien dramatisch zunehmen, ist es leider höchst unwahrscheinlich, dass der globale Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Es rechnet auch kaum jemand damit, dass auf dem Weltklimagipfel Ende 2015 genügend starke Schritte beschlossen werden, um diese Grenze einzuhalten. Die meisten Wissenschaftler halten sie aber für das Maximum dessen, was der Planet verkraften kann, ohne dass Klimakatastrophen jenseits aller bisherigen Erfahrungen eintreten. Unsere Kinder und Enkel werden also unter wesentlich widrigeren Umständen leben müssen als wir.

Autor

Michael T. Klare

ist Professor für Friedensforschung am Hampshire College. Er schreibt regelmäßig für TomDispatch.com und hat jüngst das Buch „The Race for What’s Left: The Global Scramble for the World’s Last Resources“ (Metropolitan Books) veröffentlicht.
In dem Maße, in dem die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels stärker und im Alltag sichtbarer werden, wird allerdings auch die Motivation zunehmen, die Erderwärmung aufzuhalten. So werden auch die Produktion und der Verbrauch fossiler Brennstoffe immer schärferen Beschränkungen unterworfen werden. Das heißt die Energiewende beginnt eine unaufhaltsame Dynamik zu entfalten.

Die meisten Menschen, die heute leben, werden die neue Epoche der erneuerbaren Energien noch erleben. Wie in der Vergangenheit wird es beim Umstieg auf andere Energieträger Gewinner und Verlierer geben. Es ist anzunehmen, dass die Länder und die Unternehmen, die sich an die Spitze der Entwicklung und der Nutzung grüner Technologien stellen, in den kommenden Jahrzehnten davon profitieren werden. Die anderen, die weiter auf fossile Brennstoffe setzen, werden ihren Reichtum und ihre Macht schwinden sehen. Doch je früher die Wende stattfindet, desto besser ist es für den Planeten.

Aus dem Englischen von Anna Latz.

erschienen in Ausgabe 8 / 2015: Demokratie: Die bessere Wahl

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