Gemeinwohlökonomie
 Christiane Steinmetz setzt in der Küche ihres Stiftsgutes Keysermühle in Klingenmünster auf regionale Produkte. Gewürzt wird mit Kräutern aus dem eigenen Garten.

Roland Kauffmann

Gemeinwohlökonomie

Anders wachsen

Die Wirtschaft soll dem Gemeinwohl dienen: Dafür setzt sich eine internationale Bewegung ein. Einige Unternehmen probieren das schon aus – sie lassen sich an Werten wie Solidarität, Umweltfreundlichkeit und Mitbestimmung messen.

Es hat Zeit und Geld gekostet – aber es hat sich gelohnt. Davon ist Marcus Stadler überzeugt. Wenn der Beauftragte für Unternehmensverantwortung beim Event-Dienstleister satis&fy über die Gemeinwohlökonomie spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Seine Firma, ein Mittelständler mit 400 Beschäftigten, hat vor zwei Jahren zum ersten Mal eine Bilanz nach deren Kriterien erstellt. Soziales Engagement und Umweltschutz seien schon vorher wichtig gewesen, sagt Stadler. So verwendet das Unternehmen, das auf Veranstaltungstechnik und -architektur spezialisiert ist, für seine Bauten bei Messen, Konzerten, Konferenzen und Parteitagen nur noch Holz mit dem FSC-Siegel. Doch die Gemeinwohlbilanz biete eine solidere Basis, findet er: „Wir haben jetzt ein Werkzeug an der Hand, das uns sagt, wo wir stehen und wie wir weiterarbeiten wollen.“

Satis&fy mit Hauptniederlassung in Karben bei Frankfurt und weiteren Standorten in Deutschland, den USA und Brasilien zählt zu den gut 200 deutschen Pionierunternehmen, die bislang eine solche Bilanz erstellt haben. Entwickelt wurde sie von der Gemeinwohlökonomie-Bewegung, für deren Gründung im Oktober 2010 der österreichische Publizist Christian Felber den Anstoß gegeben hatte. Sie will das Wirtschaftssystem so umgestalten, dass es sich nicht länger an Konkurrenz und Profit orientiert, sondern an Kooperation und Solidarität. Ziel ist eine ethische Marktwirtschaft, die nicht Kapital vermehren will, sondern ein gutes Leben für alle anstrebt. Langfristig sollen so ein ungebremstes Wachstum ohne Rücksicht auf Mensch und Natur unterbunden und regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden.

Wirtschaftlicher Erfolg soll deshalb nicht länger an Geld, Kapital und Finanzgewinn gemessen werden, sondern daran, inwieweit ein Unternehmen dem Gemeinwohl dient und die Lebensqualität fördert. Auf volkswirtschaftlicher Ebene soll das Bruttoinlandsprodukt als Erfolgsindikator vom „Gemeinwohl-Produkt“ abgelöst werden. Ungleichheiten bei Vermögen und Einkommen will die Gemeinwohlökonomie-Bewegung in demokratischer Entscheidung begrenzen: die Maximal-Einkommen etwa auf das Zehnfache des gesetzlichen Mindestlohns, Privatvermögen auf zehn Millionen Euro.

Offene Ohren bei Unternehmen

Solche Vorschläge sind offenbar für viele Menschen attraktiv: Mehr als 6000 Privatpersonen, 1800 Unternehmen und sechs Gemeinden in 35 Ländern tragen die Bewegung derzeit; in 15 Ländern haben sich Regionalgruppen, sogenannte Energiefelder, gegründet. Firmen und Betrieben kommt eine besonders wichtige Rolle zu. Denn je solidarischer, sozialer, ökologischer und demokratischer sie handeln, desto bessere Ergebnisse erzielen sie in der Gemeinwohl-Bilanz und desto mehr können sie den angestrebten Umbau der Wirtschaft voranbringen. Wie groß diese Effekte tatsächlich sind, untersuchen zurzeit Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg in einem dreijährigen Forschungsprojekt. Als Partner aus der Praxis sind unter anderem Großunternehmen wie die Deutsche Post, die Drogeriemarkt-Kette dm und die Otto-Gruppe beteiligt.

Bei vielen Unternehmern stoße die Gemeinwohlökonomie auf offene Ohren, sagt Jörg-Arolf Wittig vom Energiefeld Rhein-Main. „Vielen geht es gar nicht nur darum, Gewinn zu machen. Sie wollen etwas Sinnvolles tun.“ Die Gemeinwohl-Bilanz als Instrument der Organisationsentwicklung eigne sich für jede Größe und Rechtsform. Aktiengesellschaften, die vor allem auf Profitmaximierung aus sind, seien davon allerdings „recht weit weg“, räumt er ein.

Anders als bei der Finanzrechnung, in der es um Gewinne und Verluste geht, wird das unternehmerische Handeln auf fünf Werte abgeklopft: Menschenrechte, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische Mitbestimmung und Transparenz. Sie werden in Beziehung gesetzt zu den „Berührungsgruppen“ eines Unternehmens. Bei satis&fy sind das Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter, Kunden und ein nicht näher bezeichnetes gesellschaftliches Umfeld. So entsteht eine Matrix mit 17 Feldern, die jeweils mit Punktzahlen unterlegt sind – maximal können 1000 Punkte erreicht werden. In Prozenten wird angegeben, wie weit ein Unternehmen bei einem Indikator bereits ist, wie es etwa um das ethische Beschaffungs- und Finanzmanagement steht oder in welchem Ausmaß es dazu beiträgt, die sozialen und ökologischen Standards seiner Branche zu erhöhen.

Bei der ökologischen Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen hat satis&fy ein Fünftel von möglichen 90 Punkten erreicht und bei der gemeinwohlorientierten Gewinnverteilung immerhin mehr als zwei Drittel von 60 Punkten. Ihren Gewinn investiert die Firma in neues Technik-Equipment und schüttet Boni an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Darüber hinaus unterstützt sie Veranstaltungen und Einrichtungen gemeinnütziger Organisationen. Negativ schlüge hier für die Gemeinwohlökonomie zu Buche, wenn Gewinne an externe Eigentümer ausgeschüttet würden, also nicht an die Arbeitsleistung geknüpft wären.

Den Bericht und die Bilanz erarbeiten die Unternehmen zunächst selbst und können beides dann von einem externen Gutachter der Gemeinwohlökonomie-Bewegung überprüfen lassen. Erst dann dürfen sie ihre Leistungen für das Gemeinwohl veröffentlichen und damit werben. satis&fy ist für seinen Hauptstandort Karben bei Frankfurt auf 247 Punkte gekommen, ein Fünftel der Höchstzahl. Marcus Stadler ist trotzdem zufrieden: „Die Punkte werden ja für freiwillige Leistungen vergeben, die über den gesetzlichen Mindeststandards liegen.“ Zugleich ist das Ergebnis für ihn ein Ansporn, noch mehr zu tun – unter anderem bei der Zufriedenheit der Beschäftigten, bei der Verwendung umweltfreundlicher Materialien und beim Recycling.

Attraktiver Arbeitgeber

170 Kilometer südlich sitzt Christiane Steinmetz in einer kleinen Bibliothek, die mit schön gearbeiteten Holzregalen und einem Parkettfußboden aus Pfälzer Eiche ausgestattet ist. Die Geschäftsführerin des Stiftsgutes Keysermühle im pfälzischen Klingenmünster, einem Drei-Sterne-Hotel mit 78 Betten und Restaurant, könnte sich angesichts von 656 Punkten bei ihrer Gemeinwohl-Bilanz eigentlich gemütlich zurücklehnen. Aber das entspräche nicht ihrem Temperament. Die Theologin und Fundraiserin hat 2005 die Bürgerstiftung Pfalz mitgegründet. Fünf Jahre später wurde das Stiftsgut als Tochtergesellschaft eröffnet, seit 2014 schreibt es schwarze Zahlen. Rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Küche, im Service und an der Rezeption beschäftigt, darunter ein gutes Dutzend Menschen mit Behinderungen.

Die Stiftung wolle Impulse für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung in der Region setzen und zu mehr gesellschaftlicher Mitverantwortung anregen. Dafür würden sämtliche Gewinne verwendet, auch aus dem Stiftsgut, sagt Steinmetz. Da lag es auf der Hand, diesen Anspruch mit Hilfe der Gemeinwohlbilanz zu überprüfen. „Wir wollten unser Profil besser herausarbeiten und schauen, wo wir nachbessern müssen.“ Steinmetz hat den mehrmonatigen Prozess, der 12.000 Euro gekostet hat, als sehr hilfreich erlebt, vor allem intern. „Die Mitarbeiter denken jetzt viel mehr mit und stoßen selbst Veränderungen an.“ Das kann Markus Stadler von satis&fy nur bestätigen. Das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen sei gewachsen, sagt er. Und der Event-Spezialist sei mit seiner Gemeinwohlorientierung als Arbeitgeber attraktiver geworden – ein klarer Wettbewerbsvorteil in Zeiten des Fachkräftemangels.

Einen leichten Punktabzug in der Gemeinwohl-Bilanz bekam die Keysermühle unter anderem für ihre Investitionspolitik. Sie arbeitet mit einer regionalen, genossenschaftlich geführten Bank zusammen, die keine Richtlinien zum Ausschluss unethischer Geldanlagen hat. Steinmetz will trotzdem an dem Geldhaus festhalten und merkt kritisch an: Die Gemeinwohl-Bilanz sei eine „Schablone“, die nicht auf alle gleichermaßen passe.

Der Heidelberger Ökonom Hans Diefenbacher hat eine noch grundlegendere Kritik. Die Vergabe von Punkten für einzelne Indikatoren täusche eine Genauigkeit vor, die so nicht existiere, sagt er. Das werde vor allem dann schwierig, wenn es darum gehe, das gemeinwohlorientierte Verhalten der Unternehmen politisch zu belohnen. Denn das strebt die Bewegung an: Je mehr Punkte ein Unternehmen hat, desto mehr rechtliche Vorteile soll es genießen. Laut Felber könnten das ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz sein, Vorrang beim öffentlichen Einkauf oder günstigere Bankkredite.

Christiane Steinmetz von der Bürgerstiftung Pfalz und Marcus Stadler von satis&fy hingegen schätzen das Punktesystem: Mit seiner Hilfe ließen sich Fortschritte messen, zudem würden Vergleiche zwischen Unternehmen möglich. Beide sind dafür, dass eine Nachhaltigkeitsberichterstattung gesetzlich vorgeschrieben wird.

Daran arbeitet die Gemeinwohlökonomie-Bewegung bereits, und zwar innerhalb der neuen Richtlinie der Europäischen Union (EU) zu den CSR-Berichtspflichten für große Unternehmen. Danach sollen Konzerne mit mehr als 500 Beschäftigten jährlich Auskunft geben über ihr Engagement für Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung. Wie sie das tun, bleibt ihnen überlassen – etwa im Rahmen des Global Compact der Vereinten Nationen oder der Leitlinien für multinationale Unternehmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Bis Ende 2016 soll die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden. „Wir wollen erreichen, dass die Prinzipien der Gemeinwohl-Bilanz darin Eingang finden“, erklärt Christian Felber. Beim Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss war er im Juni bereits zu Gast, der Ausschuss arbeitet an einer Stellungnahme zur Gemeinwohlökonomie, über die im September abgestimmt werden soll.

Gemeinwohlökonomie und "buen vivir"

International verbreitet und vernetzt sich die Gemeinwohlökonomie-Bewegung weiter. Vor allem in Lateinamerika stoße sie auf „große Begeisterung“, sagt Felber. Viele Berührungspunkte gebe es zum Konzept des „buen vivir“, das ein Zusammenleben in Solidarität und Harmonie mit der Natur propagiert und in Ecuador und Bolivien Verfassungsrang genießt. An der Universität von Santiago de Chile werde derzeit eine erweiterte Gemeinwohl-Bilanz mit Aktiva und Passiva erarbeitet, berichtet er. Unlängst seien zudem Kontakte zu Bhutan geknüpft worden. Der asiatische Zwergstaat strebt mit seinem Bruttonationalglück eine sozial gerechte und umweltfreundliche Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft an.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Die Gemeinwohlökonomie ist eine Graswurzelbewegung, die mit ihren Prinzipien nach und nach immer weitere Teile von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik durchdringen will. Sie sei ein „partizipativer und entwicklungsoffener Prozess“, der das Engagement „zahlreicher kreativer  und eigenverantwortlicher Menschen“ brauche, betont Christian Felber. Beim Event-Dienstleister satis&fy und dem Stiftsgut Keysermühle scheint das Konzept aufzugehen. Beide haben erfahren, wie sie mit ihrer Orientierung am Gemeinwohl auf ihre Gäste und Kunden, ihre Dienstleister und Wettbewerber einwirken – und Schritt für Schritt deren Verhalten ändern.

Marcus Stadler ist deshalb fest entschlossen, am Ball zu bleiben. „Die Erwartungshaltung von Mitarbeitern und Kunden ist hoch, wir dürfen nicht stehen bleiben“, sagt er. In Kürze soll die Evaluierung des ersten Gemeinwohlberichts beginnen – denn das Testat läuft Anfang Mai 2016 aus. Bei der Bürgerstiftung Pfalz ist es erst im März 2017 soweit. Und beim nächsten Bericht wird sie eine noch größere Aufgabe stemmen müssen: Ab dem kommenden Jahr wird sie zusätzlich die nahegelegene Burg Landeck bewirtschaften – ein Touristenmagnet in der Region.

erschienen in Ausgabe 9 / 2015: Entwicklung - wohin?

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