ÖRK-Delegation in Nordkorea

Eine nordkoreanische Führerin und ein Gast aus Südkorea vor dem Wiedervereinigungstor in Pjöngjang.

ÖRK-Delegation in Nordkorea

„Angst vor der Wiedervereinigung“

Wenn eine ökumenische Delegation mit südkoreanischen Christen Nordkorea besucht, ist Diplomatie gefragt. „Auf beiden Seiten werden noch immer alte Feindbilder kultiviert“, sagt Lutz Drescher, Ostasienexperte bei der Evangelischen Mission in Solidarität, der Ende Oktober mit nach Pjöngjang gefahren ist.

Wie hat sich Nordkorea seit Ihrem letzten Besuch vor sechs Jahren verändert?
Die Hauptstadt Pjöngjang ist nicht mehr wiederzuerkennen. Moderne Hochhäuser prägen das Stadtbild, auf den Straßen fahren so viele Autos, dass es sogar zu kleineren Staus kommt. Es gibt private Taxi-Unternehmen, Kioske, Geschäfte und gut besuchte Restaurants. Mit der wirtschaftlichen Liberalisierung haben sich die Möglichkeiten für einzelne verbessert, allerdings nur in Pjöngjang. Auf dem Land ist die Armut nach wie vor sehr groß.

Gibt es auch Hinweise auf eine politische Öffnung?
Ermutigend ist, dass neben der ÖRK-Delegation in den vergangenen Wochen auch andere ausländische Gruppen nach Pjöngjang reisen konnten. Die Wiedervereinigung mit Südkorea ist aber trotzdem weiter weg denn je. Es wäre schon ein riesiger Schritt, wenn es überhaupt zu einer friedlichen Koexistenz der beiden Länder käme. Die Traumata des Koreakriegs zwischen 1950 und 1953 wurden auf beiden Seiten nie aufgearbeitet. Auch in Südkorea gibt es nur sehr wenige Stimmen, die mahnen, die eigene Schuld anzuerkennen. Diese verdrängte Schuld führt zu Feindbildern und Aggressionen.

Wie äußert sich das?
Auf beiden Seiten werden noch immer Feindbilder kultiviert. Südkoreaner nehmen Nordkoreaner nach wie vor als Bedrohung wahr und verdammen alles, was aus dem Norden kommt. Und in Nordkorea wird von den „amerikanischen Teufeln“ gesprochen. In den Schulen werden heute noch Bilder der Kriegsverbrechen der Amerikaner während des Koreakriegs gezeigt.

Lutz Drescher ist Verbindungsreferent Ostasien im Evangelischen Missionswerk in Südwest­deutschland. Privat
Was bedeutet das für ein ökumenisches Treffen, bei dem sowohl Nord- als auch Südkoreaner beteiligt sind?
Es war wichtig, dass die Nordkoreaner sagen konnten, wie sie die Situation wahrnehmen. Sie fühlen sich bedroht durch die USA und die gemeinsamen Militärmanöver mit Südkorea. Sie haben Angst vor einer Wiedervereinigung, bei der der Große den Kleinen frisst. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die oberste Staatsdoktrin der nationalen Sicherheit, der alles andere untergeordnet ist, auch die Menschenrechtsfrage.

Wie würden Sie diese in Nordkorea einschätzen?
Auf der einen Seite werden die Menschenrechte oft missachtet. Man wird dem Land aber nicht gerecht, wenn man es nur als Riesen-Gulag wahrnimmt und auf die Frage der Menschenrechte reduziert. Gerade, wenn man mit Menschen aus beiden Ländern zu tun hat, muss man sehr aufpassen, wie man die Dinge benennt. Eine nordkoreanische Nachrichtenagentur hat von unserem Treffen berichtet, wir hätten  gesagt, dass es in Nordkorea keine Menschenrechtsverletzungen gebe. Die südkoreanischen Teilnehmer wurden nach ihrer Rückkehr vorgeladen und mussten erklären, dass sie nicht an einer nordkoreanischen Propagandaveranstaltung teilgenommen haben. Die Nervosität ist auf beiden Seiten sehr groß.

Aber genügt es denn, das Thema Menschenrechte anzusprechen oder gibt es andere Möglichkeiten, die Situation in Nordkorea zu verbessern?
Man dient den Menschenrechten in Nordkorea derzeit vermutlich am meisten, wenn man für Entspannung zwischen beiden Ländern sorgt. Der Waffenstillstand von 1953 muss endlich in einen Friedensvertrag umgewandelt werden und Militärmanöver, die als Bedrohung empfunden werden, müssen aufhören. Vor allem aber müssen die Feindbilder auf beiden Seiten abgebaut werden.

Forum für Frieden

Das Ökumenische Forum für Frieden, Wiedervereinigung und Entwicklungszusammenarbeit auf der koreanischen Halbinsel wurde 2006 ins Leben gerufen. Daran beteiligt sind Kirchen aus Süd- und Nordkorea, Europa und den USA. Deutsche…

Bei evangelikalen Hilfswerken gilt Nordkorea als eines der Länder, das Christen am stärksten verfolgt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich bin bei solchen Aussagen vorsichtig, wir wissen so wenig über Nordkorea. Selbst Menschen, die längere Zeit dort gelebt haben, sagen, dass sie nur Vermutungen anstellen können. Mit Blick auf die Christen muss man sich klarmachen, dass der Protestantismus erst 1884 ins Land gekommen ist. Bei der Teilung war er also gerade 60 Jahre alt und eher schwach in der Gesellschaft verwurzelt. Als die Kommunisten Ende der 1940er Jahre an die Macht kamen, sind so gut wie alle Christen in den Süden gegangen. Heute sind nach offiziellen Angaben noch 13.000 Nordkoreaner protestantische Christen und die können mit Genehmigung der Behörden auch Gottesdienste feiern. Seit 1990 haben sie sogar ein eigenes Gesangbuch, übrigens mit vielen Liedern, die auch Christen in Südkorea singen.

Immer wieder wird aber die Zahl von 50.000 Christen in nordkoreanischen Arbeitslagern genannt und dass bis zu 300.000 Christen in Hauskirchen organisiert seien, die vom Staat verfolgt würden.
In der nordkoreanischen Gesellschaft werden alle Bereiche des Lebens stark kontrolliert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen so viele Christen heimlich ihren Glauben leben sollen.

Sie sind auf Einladung des Nordkoreanischen Christenbunds nach Pjöngjang gefahren. Welche Rolle spielt er?
Der Nordkoreanische Christenbund ist nicht unabhängig und dient als einer der Kanäle, durch den die Regierung diplomatisch tätig ist. Aber er ist umgekehrt auch ein Kanal, durch den Kirchen im Ausland Zugang zu Nordkorea gewinnen.

Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck.

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