„Der Erfolg der Aufklärungskampagne hat mich selbst überrascht“

Die Folgen des Erdbebens vom Januar erschweren in der Hauptstadt Port-au-Prince die ohnehin schlechte Versorgung von Kranken. Nur wenige Einrichtungen waren auf die Katastrophe vorbereitet. Jean William Pape erläutert, wie seine Organisation Gheskio mit dem Ansturm von Patienten fertig geworden ist – und wie es in den vergangenen Jahren gelungen ist, in Haiti die Verbreitung von Aids deutlich zu senken.

Wie arbeitet Ihre Organisation?

Unsere Krankenstationen betreuen seit 1982 kostenlos gut die Hälfte aller HIV- und Aids-Patienten in Haiti. Wir arbeiten in öffentlichen und privaten Kliniken.

Wie hat sich das Beben auf die Versorgung der Patienten ausgewirkt?

Bei dem Beben starben 15 Prozent der Einwohner der Hauptstadt Port-au-Prince, etwa ebenso viele wurden verletzt. Wir hatten einen Notfallplan in der Schublade und konnten binnen 24 Stunden reagieren. Schon nach zehn Tagen konnten wir uns um fast alle unsere Patienten kümmern. Das Beben hat uns vor drei große Herausforderungen gestellt: Erstens mussten wir für die vielen Verletzten Notlazarette aufbauen. Zweitens lebte vor dem Beben die Hälfte der Tuberkulosepatienten des Landes in Port-au-Prince, das fast völlig zerstört wurde. Viele von ihnen konnten tagelang ihre Medikamente nicht einnehmen. Drittens konnten aus den eingestürzten Gefängnissen tausende Häftlinge fliehen, von denen viele mit HIV oder Tuberkulose infiziert sind. Sie haben sich unter die Bevölkerung gemischt und dort das Infektionsrisiko erhöht.

Ihr Spital in der Stadt Leogane ist auch eingestürzt.

Ja, wir mussten über Nacht ein provisorisches Tuberkulosespital aufbauen. Das war nicht einfach, denn wir wurden von 7000 Menschen, die ihr Dach verloren hatten, praktisch überrannt. Tuberkulosepatienten müssen wegen der Ansteckungsgefahr in separaten Zelten untergebracht werden. Sie benötigen eine zweijährige Behandlung, bevor sie als geheilt gelten und nach Hause entlassen werden können. Wir haben in allen Krankenhäusern von Port-au-Prince die Untersuchungen auf Tuberkulose übernommen, auch auf dem Lazarettschiff USS Comfort, das im Hafen lag.

Gab es eine besondere Betreuung für die Prostituierten, die ja besonders gefährdet sind, sich mit HIV zu infizieren?

Das Problem der Prostituierten ist längst nicht mehr so groß wie vor ein paar Jahren. Als die Aids-Epidemie ausbrach, waren 70 Prozent der Sexarbeiterinnen infiziert. Heute sind es 5 Prozent. Wir haben Programme, bei denen wir Prostituierte mit Kondomen und mit Mikrokrediten versorgen. Denn aus materieller Not lassen sich viele Frauen gegen bessere Bezahlung auf ungeschützten Sex ein. Unser Programm läuft inzwischen sehr gut über öffentlich-private Partnerschaften und lokale NGOs. Tuberkulose ist das gravierendere Problem.

Ihre Organisation hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in den vergangenen gut zehn Jahren die Verbreitung des HI-Virus in Haiti um zwei Drittel gesunken ist. Wie ist das gelungen?

Schon bevor die Ursachen für die Infektion bekannt wurden, hatten wir herausgefunden, dass die Hälfte aller erkrankten Frauen Bluttransfusionen bekommen hatte. Wir überzeugten daher die Regierung, die Blutbanken zu schließen. Der Verkauf von Blutkonserven war ein gutes Geschäft des damals regierenden Duvalier-Clans. Tatsächlich wurden 1985 alle Blutbanken aufgelöst. Dann begannen wir, für Kondome zu werben, und zogen mit unserem Aufklärungsprogramm durch das ganze Land. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land sind heute 75 Prozent der Menschen über Aids gut informiert. Allerdings müssen wir noch mehr über die Übertragungsgefahr von der Mutter auf das Kind aufklären.

Es heißt immer, dass sich besonders Männer gegen die Verwendung von Kondomen sträuben.

Wir haben verschiedene Methoden angewandt und eine ganz bestimmte Marke von Kondomen beworben. Im Fernsehen und im Radio liefen Werbespots, Broschüren wurden verteilt. Besonders konzentriert haben wir uns auf die jungen Menschen, die sehr nachlässig sind, wenn es um geschützten Sex geht. Man muss ständig dranbleiben und darf nicht nachlassen. Das wirkt. Ich war selbst überrascht, wie erfolgreich die Aufklärungskampagnen sind.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard.

erschienen in Ausgabe 9 / 2010: Korruption: Geld, Amt und Macht