Starthilfe für Kleinunternehmen

Beim Fruchtsaft­hersteller Kevian in Kenia putzen Arbeiterinnen eine Fuhre Ananas. Das Unternehmen hat mit einem DEG-Kredit eine moderne Verpackungsanlage finanziert.

Starthilfe für Kleinunternehmen

Gutes Geld für gute Arbeit

Jungen Unternehmen in Afrika kann oft eine kleine Anschubfinanzierung zum Erfolg verhelfen. Wenn einheimische Geldhäuser die verweigern, hilft manchmal eine deutsche Bank.

Während Moka Lantum spricht, leuchten seine Augen. Dabei redet der 43-jährige Arzt über ein eher trockenes Thema: eine Smartphone-App, die er mit seiner kenianischen Firma MicroClinic Technologies (MCT) entwickelt hat und ständig verbessert. „Wir wollen erreichen, dass Patienten mit Hilfe unserer App Zugang zu besseren Medikamenten bekommen und besser medizinisch versorgt werden. Das alles zu Kosten, die transparenter sind als heute.“ Das klingt nach einem sehr hohen Ziel für eine App, aber wenn man Lantum länger zuhört, erscheint seine Idee durchaus plausibel. Deshalb wird der junge Unternehmer in seiner „Mission“, wie er das nennt, von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) gefördert.

Lantum hat seine Firma 2012 gegründet, um die App „ZIDI“ auf den Markt zu bringen. Seitdem haben seine Programmierer ZIDI so weit entwickelt, dass kleinere und mittlere Gesundheitszentren oder Kliniken damit verwaltet werden können. Die App unterstützt die Mitarbeiter beim Management der Patienten. Sie speichert Patientendaten, berechnet die Kosten von Behandlungen, registriert den Verbrauch von Medikamenten und medizinischem Material und hilft so, den Vorrat zu verwalten. Auch Laborergebnisse und andere Befunde werden gespeichert, und sie macht eine elektronische Abrechnung mit Krankenversicherungen möglich.
In dieser Form wird ZIDI in zehn kleinen und mittleren Kliniken verwendet. Aber Lantum will noch mehr erreichen. Seine App soll künftig helfen, bei der Eingabe von Symptomen die richtige Diagnose zu stellen. Auch dann, wenn Laien keine medizinischen Fachbegriffe verwenden. Außerdem soll ZIDI anzeigen, welches Medikament zu welchem Preis im Umland verkauft wird. „Vor allem auf dem Land kann es über Leben und Tod entscheiden, wie lange Menschen nach den lebensrettenden Arzneimitteln suchen müssen“, sagt Lantum.

Für die Weiterentwicklung von ZIDI braucht er Geld, doch Geschäftsbanken wollten ihm keinen Kredit geben. Schließlich hörte er von der DEG und lernte durch eine Empfehlung Tobias Bidlingmaier kennen, der dort für Startups zuständig ist. Bidlingmaier fand das Projekt von Anfang an interessant, und nach sorgfältiger Prüfung unterschrieb die DEG im November 2015 mit Lantum die Finanzierungszusage.

Die Tochter der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist ständig auf der Suche nach förderungswürdigen privatwirtschaftlichen Initiativen, die zur nachhaltigen Entwicklung in derzeit 80 Ländern beitragen können. An alle zusammen sind nach Angaben der DEG acht Milliarden Euro an Finanzierungen vergeben, wobei die einzelnen Unternehmen zwischen etwa 15 und maximal rund 35 Millionen Euro erhalten. Über die Höhe der Zinsen und die Darlehensbedingungen macht die DEG keine Angaben – sie seien je nach Land und Unternehmen zu unterschiedlich.

Kredite für Geschäftsbanken

Seit ihrer Gründung 1962 hat die DEG nach eigenen Angaben rund 3000 private Investitionsvorhaben in Entwicklungsländern begleitet und dafür fast 17 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Es handle sich fast ausschließlich um Eigenmittel, betont Gudrun Busch, die bei der DEG die Abteilung Finanzinstitute in Afrika und Lateinamerika leitet. Eine Ausnahme bildet ein Programm für öffentlich-private Partnerschaften; hierfür kommen die Fördermittel vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Ein weiterer Sonderfall ist das Up-Scaling-Programm, für das Tobias Bidlingmaier zuständig ist und das sich an junge und damit riskantere Unternehmen wie Moka Lantums MCT richtet. Hier erhalten kleinere Firmen in einem sehr frühen Stadium Unterstützung von der DEG. Dazu muss das Unternehmen aber aus anderer Quelle oder eigenen Mitteln noch einmal denselben Betrag beibringen.

Die DEG vergibt zudem immer mehr Kredite an Geschäftsbanken in Entwicklungsländern. „Dahinter steht die Idee, dass diese Banken ihrerseits Kredite an kleine und mittlere Unternehmen geben, die für unsere direkte Förderung nicht hoch genug wären“, erklärt Gudrun Busch. Bislang werden Kleinunternehmer in armen Ländern von Geschäftsbanken oft abgewiesen. Dabei werden auch die kleineren Betriebe gebraucht, damit dringend benötigte Arbeitsplätze entstehen. Vor der Finanzierung einer Geschäftsbank überprüft die DEG, ob sie bereits kleine Unternehmen im Portfolio hat. Und sie muss sich verpflichten, solche kleineren Projekte im Programm zu behalten.

Von der DEG mitfinanzierte Banken geben Kleinunternehmen Starthilfe – wie die Fidelity Bank in Ghana.DEG

Arbeitsplätze zu schaffen sei ein wichtiges Ziel dieser indirekten Finanzierung, sagt Busch. Jeder Endkunde der finanzierten Bank müsse dabei den Kriterien der DEG entsprechen, also bestimmte soziale und ökologische Standards einhalten. Dazu gehört, dass in den Betrieben keine Kinder arbeiten, dass keine Waffen produziert werden, dass Menschen nicht zwangsumgesiedelt und von ihrem Land vertrieben werden. Eine entsprechende Ausschlussliste hat die DEG gemeinsam mit anderen europäischen Entwicklungsfinanzierern erstellt, die sich im Verbund der „European Development Finance Institutions“ (EDFI) zusammengeschlossen haben.

Von vielversprechenden Investitionsvorhaben erfahre die DEG etwa auf Investorentreffen, berichtet Bidlingmaier, der kürzlich unter anderem wegen eines solchen Treffens aus der Kölner Zentrale nach Nairobi geflogen ist. Weitere Vorschläge kommen von den DEG-Büros vor Ort – in Afrika sind sie in Kenia, Ghana und Südafrika. Viele Länder werden auch von Köln aus betreut.

Junge Unternehmen, die etwas riskieren, haben gute Chancen

Klingt ein Vorhaben interessant und sinnvoll, wird es zunächst auf ein paar einfache Kriterien geprüft. Es muss so klein, jung oder riskant sein, dass es nicht ebenso gut von einer Geschäftsbank Geld leihen könnte, denn zu denen darf die DEG nicht in Konkurrenz treten. „Wir füllen die Lücken. Zum Beispiel, indem wir im Unterschied zu vielen Geschäftsbanken besonders langfristige Kredite vergeben“, sagt Busch. Ein zentrales Ziel der DEG sei es, möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen. „Das kann in allen Sektoren der Fall sein. Deshalb werden auch Unternehmen in allen Sektoren gefördert.“ Etwa in der Agrarindustrie, der verarbeitenden Industrie und im Dienstleistungssektor. In Kenia werden neben MCT ein Safthersteller, ein Produzent von Solaranlagen in Haushaltsgröße und ein Geothermie-Kraftwerk finanziert.

Bis ein Vertrag unterschrieben wird, dauert es in der Regel vier bis sechs Monate, manchmal auch ein Jahr. Zunächst geht es der DEG um vier Fragen: Inwiefern ist das Vorhaben entwicklungspolitisch sinnvoll? Hat es eine innovative Komponente? Ist es nachhaltig? Und kann es erweitert werden? Im zweiten Schritt prüft die DEG den Geschäfts- und -Finanzplan und ob das Vorhaben wirtschaftlich solide ist. Schließlich werden alle Unterlagen gründlich vor Ort geprüft. Dabei muss das Unternehmen auch belegen, dass es mit seinem Vorhaben nicht gegen die Umwelt- und Sozialstandards der DEG verstößt. „Wir wollen ein klares Bild von dem Unternehmer bekommen“, sagt Bidlingmaier. „Hat er wirklich auch soziale und entwicklungspolitische Ziele? Und ist er in der Lage, sein Unternehmen innerhalb von längstens zwei Jahren wirtschaftlich auf solide Füße zu stellen?“

Moka Lantum, der Gründer und Direktor von MCT, ist in vieler Hinsicht der ideale DEG-Partner. Der Mediziner wurde in Kamerun geboren, lebte 19 Jahre in den USA und hat inzwischen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Sein Unternehmen wollte er aber auf jeden Fall in einem afrikanischen Land gründen, weil dort der Bedarf nach einer besseren und kostengünstigeren medizinischen Versorgung ungleich höher ist. Nachdem Lantum mehrere Standorte geprüft hatte, fiel seine Wahl auf Kenia – nicht zuletzt, weil es dort vergleichsweise viele talentierte Programmierer gibt. Außerdem liegen im Vergleich zu anderen Ländern schon zahlreiche medizinische Studien und Daten vor, die nun sinnvoll verknüpft werden müssen.

Ohne den Eigenanteil wird kein Cent ausgezahlt

Für die Weiterentwicklung von MCT sei die dauernde Beratung durch Mitarbeiter der DEG ausgesprochen wertvoll, sagt Lantum. Den Prüfungsprozess empfand er als fair und nicht übertrieben lange. „Vor allem hat die Bank immer die Fristen eingehalten, die sie angekündigt hat.“ Ein Wermutstropfen ist aber die Auflage, dass er umgerechnet 500.000 Euro aus anderer Quelle aufbringen muss. Darum bemüht sich Lantum nun schon seit einigen Monaten. Ehe er weitere Geldgeber vorweisen kann, bekommt er von der DEG keinen Cent. Das könnte sein Vorhaben im schlimmsten Fall noch zum Scheitern bringen.

Aber diese Auflage sei unerlässlich, sagt Bidlingmaier. „Wir wollen andere Kreditgeber nicht aus dem Geschäft drängen, sondern mit ins Boot holen.“ Zudem sei die Zusage der DEG für andere Investoren eine Art Sicherheit. „Es wird für die Startups also leichter, sobald die DEG sich festgelegt hat.“

Kritische Organisationen wie „urgewald“ finden die Praxis der DEG-Entwicklungsbank grundsätzlich sinnvoll. „Es gibt in armen Ländern viele Kunden, bei denen es wichtig ist, dass sie Kredite bekommen“, betont Mitarbeiterin Kathrin Petz. Allerdings sei oft nicht ausreichend deutlich, welche Projekte genau gefördert werden. Das gelte vor allem bei der indirekten Finanzierung von Vorhaben, also dem Engagement der DEG bei Geschäftsbanken. „Bei diesem indirekten Engagement kann die Bank nicht mehr wirklich überprüfen, was mit dem Geld geschieht“, moniert Petz.

Autorin

Bettina Rühl

ist freie Journalistin in Nairobi, Kenia. Sie arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk, den WDR und den Evangelischen Pressedienst (epd).
In Kenia hält die DEG elf Prozent Anteile an der kenianischen I&M Bank. In anderen Fällen fördert sie Geschäftsbanken durch ein Darlehen. Kritiker bezweifeln, dass die deutschen Geldgeber zuverlässig prüfen können, ob alle Kreditnehmer des Finanzinstitutes die Umwelt- und Sozialstandards einhalten. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen zum Teil schwer dagegen verstoßen wird“, meint Petz. Sie nennt Beispiele aus Mali, der Demokratischen Republik Kongo oder Sierra Leone, wo über die Partnerbank landwirtschaftliche Großprojekte finanziert werden, in deren Folge Bauern vertrieben oder Land unrechtmäßig erworben würden. Dagegen heißt es bei der DEG, vor einer Zusammenarbeit müssten sich die Finanzinstitute vertraglich verpflichten, die Einhaltung der Umwelt- und Sozialstandards bei ihren Kreditnehmern zu garantieren. Das werde jährlich und gründlich überprüft. „Bei einem Verstoß können wir Darlehen notfalls fristlos kündigen“, sagt Busch von der DEG. „Daraufhin hat jeder andere Kreditgeber das Recht, ebenfalls zu kündigen.“ Weil das für eine Bank der Todesstoß sein kann, wird sich jedes Finanzinstitut gut überlegen, gegen einen solchen Vertrag zu verstoßen.

Shameer Patel von der I&M-Bank versichert, sein Institut halte sich selbstverständlich an die Standards. Inzwischen hätten die Entwicklungsfinanzierer sogar Einfluss auf jene Institute, die selbst kein Kapital von der DEG oder anderen europäischen Häusern erhielten. „Der kenianische Bankenverband hat sich jetzt auf bestimmte Standards geeinigt“, sagt Patel. Die DEG habe diese Harmonisierung durch Schulungen und Workshops begleitet.

Das wird in der Kölner Zentrale bestätigt. „Wir wollen vermeiden, dass die von uns finanzierten Banken durch die höheren Standards einen Wettbewerbsnachteil haben“, sagt Busch. Das Prüfverfahren für die wirtschaftliche Lebensfähigkeit und die Einhaltung der Standards empfindet Patel als streng, aber fair. Selbst „urgewald“ ist nicht grundsätzlich gegen die indirekte Finanzierung, „weil ja so Arbeitsplätze geschaffen werden“. Wichtig sei nur, dass die DEG dabei transparenter werde.

erschienen in Ausgabe 4 / 2016: Entwicklungsbanken: Geld mit Nebenwirkungen

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