Argentinien

Gedenken, das an Wunden rührt: Eine Frau bringt Blumen zum Monument für die Opfer des Staatsterrors in Buenos Aires.

Argentinien

Verbunden im Schmerz

Vor 40 Jahren begann in Argentinien die Schreckensherrschaft der Militärs. Sie brachte Folter und Tod für Zehntausende Menschen. Wie leben Opfer und Hinterbliebene mit diesem Erbe?

Betriebsamkeit vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires: Passanten, Touristen und ein paar Verkäufer, die an kleinen Ständen Süßigkeiten anbieten. Um die Pyramide in der Mitte des Platzes ziehen die Madres de la Plaza de Mayo. Vorneweg geht Nora Cortiñas. Um den Hals trägt die 86-Jährige ein laminiertes Foto, auf dem ein junger Mann zu sehen ist: Schwarzer Schnauzer, Koteletten, blaues Hemd mit spitzem Kragen, wie es in den 1970er Jahren Mode war – Nora Cortiñas Sohn. „Eines Morgens haben sie Gustavo geholt, er war auf dem Weg zur Arbeit. Mein Mann und ich waren so verzweifelt, weil wir nicht wussten, was mit ihm passiert ist.“ Cortiñas Hände fliegen durch die Luft, wenn sie erzählt, ihr Blick ist eindringlich. Gustavo war 24 Jahre alt, stand mitten im Leben, sein Sohn war zwei.

Frühjahr 1976: Militärs putschen sich an die Macht in Argentinien. General Ibérico Saint-Jean verkündet: „Erst werden wir die Subversiven töten, dann ihre Unterstützer. Danach die Sympathisanten, die Gleichgültigen und zum Schluss die Unsicheren.“ Aggressiv geht die Junta gegen Andersdenkende vor. Auch gegen Gustavo Cortiñas. Er engagierte sich für Menschen in einem der Armutsviertel von Buenos Aires. „Das Verschwindenlassen von Personen ist eine teuflische Methode. Es fühlt sich an, als wenn sie einen Teil meines Körpers weggenommen hätten, als wenn sie etwas amputiert hätten“, sagt Nora Cortiñas.

Ob Gustavo gefoltert wurde, ob er aus einem Hubschrauber über den Anden abgeworfen, im Meer versenkt oder in einem Massengrab anonym beigesetzt wurde, wird seine Mutter wohl nie erfahren. Mit seinem Verschwinden bricht eine Zeit der quälenden Ungewissheit an. Nora Cortiñas beginnt, sich mit anderen Müttern auf der Plaza de Mayo zu treffen, der Verlust ihrer Kinder eint sie. „Donnerstagnachmittag kann mich nichts davon abhalten, zum Platz zu gehen“, sagt sie. Mit den Runden vor dem Regierungspalast halten die Madres die Erinnerung wach, rühren in Wunden, sind unbequem.

Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl derer, die während der Militärdiktatur „verschwunden“ sind, auf 30.000. Manche waren noch fast Kinder, die jüngsten 15 Jahre alt. Auch Deutsche und Deutschstämmige sind darunter. Bis heute ist größtenteils unklar, wo sich die Leichen befinden.

Ein Prozess, der nie abgeschlossen ist

Nach dem verlorenen Krieg um die Falklandinseln 1983 war die Militärdiktatur am Ende. „Die Aufarbeitung unter der ersten demokratischen Regierung von Raul Alfonsín begann verheißungsvoll. Schon bald wurden erste Prozesse gegen die Junta geführt, die ersten Täter verurteilt“, erklärt Politikwissenschaftler Veit Straßner. Er hat sich intensiv mit der Geschichte Südamerikas und dem Umgang mit dieser Zeit beschäftigt. „Aufarbeitung ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist, sondern sich verändert“, sagt er. In Argentinien stagnierte dieser Prozess über viele Jahre, denn das Militär wehrte sich dagegen, indem es einen Pusch androhte.

Afonsín erließ deshalb 1986 das Schlusspunktgesetz, ein Jahr später folgte das Gesetz über die Gehorsamspflicht. Beide sollten Prozesse unmöglich machen und Straffreiheit garantieren – ein Zugeständnis an die Täter. Die Vergangenheit sollte ruhen, um Konflikte in der Gesellschaft zu vermeiden. Doch Schlusspunkte setzt man nicht so leicht, Erinnerung hat kein Verfallsdatum. Das weiß auch Margarita Cruz. Sie ist eine der wenigen Gefangenen, die nach der Diktatur wieder aufgetaucht sind. „Mir fällt es immer noch schwer, darüber zu sprechen, auch wenn die Zeit in Haft rund vierzig Jahre her ist. Es ist fast unmöglich, in Worte zu fassen, was man da erlebt hat.“

Selten sagt Cruz „ich“, wenn sie über ihre Haftzeit spricht, meistens „man“. Sie stammt aus Tucumán in Nord-Argentinien. Schon vor der Diktatur ist die Situation dort angespannt, weil viele Betriebe schließen mussten. Arbeiter und Linke organisieren sich. Cruz, 20 Jahre alt, Medizin-Studentin, ist mittendrin in den Unruhen. Angst, dass ihr etwas passieren könnte, hat sie keine: „Man wusste ja nichts davon, dass Menschen einfach verschwinden“, erzählt sie. „Wir hörten zwar von offiziellen Verhaftungen, aber das Ausmaß war uns nicht klar. Wie gefährlich die Situation war und wie brutal die Entführer vorgingen, das war eine völlig neue Form der Unterdrückung.“ Eines Nachts wird auch Margarita Cruz überfallen und verschleppt.

Im ganzen Land richten die Militärs mehrere Hundert Haftzentren ein. Die Gefangenen werden gefesselt, an Ketten gelegt, vergewaltigt. Manche bekommen monatelang die Augen verbunden oder Kapuzen über den Kopf gezogen. Auch Cruz verliert jedes Zeitgefühl, weiß oft nicht, ob es Tag oder Nacht ist. „Ich konnte es nicht fassen. Es war die Hölle. Niemand redete mit einem. Du wurdest nur mit der Nummer gerufen, um dich zu foltern oder um dich für ein Verhör zu holen.“ Um nicht verrückt zu werden, lenkt sie sich in Gedanken mit einem Kinderspiel ab.

Trotz dieser Qualen herrscht nach der Diktatur bei vielen Überlebenden das diffuse Gefühl vor, dankbar sein zu müssen. Sie waren schließlich nur inhaftiert, erklärt Margarita Cruz und betont: „Meine Geschichte steht für das Schicksal unzähliger Menschen. Man sagte, wir seien gefährlich für die Gesellschaft, für die eigene Familie, für alle. Dabei waren wir einfach junge Leute, die in der Studentenbewegung aktiv waren oder Sozialarbeit machten.“

"Setze ich mich ein für den, der da liegt?"

„Por algo será“ – es wird schon einen Grund haben, dass die Menschen verschwinden, so die Propaganda. Das hört auch Arturo Blatezky. Er ist zu jener Zeit Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Quilmes in der Provinz Buenos Aires und setzt sich für Verfolgte und deren Familien ein. Viele in seiner Umgebung beobachten das mit Argwohn. „Doch für mich war das ein kategorischer Imperativ. Als Pastor muss ich sagen, was richtig ist, und mich danach verhalten.“ Beim Erzählen hält er immer wieder inne, sucht nach passenden Bildern. „Was passiert ist, ist wie die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Du gehst deinen Weg, auf einmal liegt da einer und du musst dich fragen: Will ich einen Umweg machen, oder setze ich mich ein für den, der da liegt?“

Blatezky weigert sich, die Militärs zu unterstützen. Die Konsequenz: Nach mehreren Drohungen wird er brutal überfallen. Trotzdem engagiert er sich weiter, will sich nicht einschüchtern lassen. Bei ihm treffen sich, getarnt als Gemeindeveranstaltungen, gefährdete Personen aus der ganzen Gegend um Quilmes. Als zwei Priester verschwinden und ermordet werden, gründet er 1976 mit Kollegen das Ökumenische Menschenrechtsbüro (El Movimiento Ecumenico por los Derechos Humanos, MEDH). Die Organisation dokumentiert, wer entführt wurde, leistet Seelsorge oder juristische Unterstützung. Außerdem kümmert sich das MEDH um die Kinder von Entführten, finanziell und psychologisch, stellt ein Patensystem auf die Beine. „Die Verschwundenen bekamen dadurch ein Gesicht. Wenn ein Kind so ist wie dieses Kind, dann können die Eltern keine Teufel sein“, sagt Blatezky.

Die evangelische und die katholische Kirche unterstützten die Linie der Militärjunta, viele Geistliche waren mit den Militärs eng verbunden – Blatezkys Engagement war eher die Ausnahme. Trotzdem ist der Pastor heute selbstkritisch: „Wir müssen uns fragen, wie wir die Aufarbeitung voranbringen“, sagt er. Seiner Meinung nach sind die Kirchen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. „Dabei sollten wir doch das tun, wozu wir aufgerufen sind, nämlich die Schöpfung schützen. Das bedeutet auch, Menschenrechte zu verteidigen.“ Aber nicht nur die Kirchen tun sich schwer mit der Vergangenheit der Militärdiktatur. „Argentinien ist von einer wirklichen Aufarbeitung mit Versöhnung und Entstehung einer neuen Gesellschaft weit entfernt“, findet Blatezky. Denn dafür müssten nicht nur juristische Fragen geklärt, sondern auch soziale Ungerechtigkeiten bekämpft werden.

Erst mit dem Amtsantritt von Néstor Kirchner 2003 änderte sich auf der politischen Ebene der Umgang mit der Vergangenheit. Der Präsident war während der Diktatur selbst in der linken Studentenbewegung aktiv. Doch nicht nur deshalb rückte er die Aufarbeitung dieser Zeit in den Mittelpunkt, meint Politologe Straßner: „Er erhoffte sich politischen Nutzen im In- und Ausland. Und es wurde vielerorts sehr wohlwollend aufgenommen, dass das Schweigen gebrochen wurde.“

Viele Taten bleiben ungesühnt

2005 wurden die Amnestiegesetze endgültig annulliert. Seitdem wurden 660 Menschen, die sich während der Militärdiktatur schuldig gemacht haben, verurteilt. Ein wichtiges Urteil war das gegen Diktator Jorge Rafael Videla. 2010 bekam er lebenslänglich wegen Folter und Hinrichtung, 2013 starb er im Alter von 87 Jahren im Gefängnis von Marco Paz. „Ein großer Erfolg“, sagt Nora Cortiñas. „Das hat uns geholfen, die Hoffnung in die Justiz und unseren Glauben an die Gerechtigkeit nicht zu verlieren. Aber ich sage Erfolg – kein Triumph. Ein Triumph wäre es gewesen, wenn sie dafür gesorgt hätten, dass wir unsere Kinder wieder in die Arme hätten schließen können.“

Das ist nicht geschehen. Und trotzdem geht Nora Cortiñas weiter zur Plaza de Mayo, Woche für Woche. „Gustavo war ein Aktivist. Nun ist es meine Aufgabe, für Wahrheit, Erinnerung und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen“, sagt sie. „Wir haben uns immer vorgestellt, dass unsere Kinder auf uns schauen und sagen: ‚Mach weiter, Mama!‘“

Autorin

Juliane Ziegler

ist freie Journalistin für Print und Hörfunk in Frankfurt am Main. Sie beschäftigt sich vor allem mit Themen aus Gesellschaft und Psychologie.
Doch viele der Taten bleiben ungesühnt. In einem der ersten Prozesse im Jahr 2006 verschwand sogar der 77-jährige Hauptbelastungszeuge, bis heute ist er nicht wieder aufgetaucht. Nach und nach sterben die Zeitzeugen, Opfer wie Täter. Deshalb wird die strafrechtliche Aufarbeitung zwangsläufig in den Hintergrund rücken. „Wichtiger wird die Frage werden, wie die Erinnerungsarbeit konkret aussehen soll“, meint Veit Straßner. „Zum Beispiel bei der Gestaltung der Lehrpläne in den Schulen oder von Gedenkstätten.“

Und der persönliche Umgang mit dieser Zeit? „Was passiert ist, ist passiert. Der Schmerz ist und bleibt da“, sagt Margarita Cruz. Ihr hilft es, sich für misshandelte Frauen einzusetzen und sie zu begleiten – etwa wenn sie vor Gericht aussagen müssen. Eine Situation, die Margarita Cruz nur zu gut kennt. Arturo Blatezky leitet heute das Ökumenische Menschenrechtsbüro. Es unterstützt weiter Opfer mit Geld, Seelsorge und Rechtsberatung. Daneben engagiert sich das Büro in Armutsvierteln und bietet Projekte zu Menschenrechtsfragen in Schulen oder Gemeinden an.

Nora Cortiñas tauscht sich derweil weltweit mit Müttern aus, deren Kinder verschwunden sind, etwa in Syrien oder Ägypten. „Jede hat ihre eigene Geschichte oder Religion. Aber uns verbindet dieser höllische Schmerz“, erklärt sie. „Man darf den Glauben nicht verlieren. Wenn du keinen Glauben mehr hast an etwas, hast du auch keine Kraft mehr.“ Noch hat Nora Cortiñas genügend Kraft. Und wenn sie, wie jeden Donnerstag, voran marschiert auf der Plaza de Mayo, dann spürt man ihn, den Schatten der Vergangenheit.

erschienen in Ausgabe 6 / 2016: Neue Chancen für die Kurden

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