Schönheitschirurgie

Ein hübsches Lächeln zählt überall: Im Gefängnis El Buen Pastor in Bogotá wird jährlich ein Schönheitswettbewerb ausgetragen – hier strahlen die Siegerinnen von 2013.

Schönheitschirurgie

Hände weg vom Kinderspeck

In Kolumbien boomt das Geschäft mit der plastischen Chirurgie. Die Regierung will Operationen an Minderjährigen verbieten – Proteste sind programmiert.

Zum Muttertag: Bauch, Hüfte und Oberschenkel für die Hälfte“ oder „Drei zum Preis für zwei“: In diesen Werbeanzeigen kolumbianischer Zeitschriften geht es nicht um Massagen oder herabgesetzte Kleidung, sondern um Operationen – Schönheitsoperationen. Wer mehrere Eingriffe bei einem Termin vornehmen lässt, kann besonders viel sparen. Im Geschäft mit der Schönheit werden Operationen zu einer Ware; Banken bieten eigens Kredite und Finanzierungsprogramme dafür an.

Die Eingriffe werden sogar verlost: Eine Schönheits-OP war jüngst bei einer Tombola einer internationalen Privatschule der Hauptgewinn. Der Spender: Vater einer Schülerin und plastischer Chirurg. Das liegt im Trend, denn viele Eltern schenken ihren Töchtern in Kolumbien schon zum 15. Geburtstag, der den Eintritt ins Erwachsenenleben markiert, die erste Operation. Ein Drittel der landesweit 450.000 Schönheits-OPs im Jahr werden an Minderjährigen vorgenommen. Jaime Arias, einer der führenden plastischen Chirurgen des Landes, lehnt solche Anfragen ab. Denn meistens stecke nicht der Wunsch des Kindes dahinter, sondern starker Druck der Eltern, meint er.

Ungefährlich sind solche Eingriffe nicht. Selbst die vermutlich beschönigenden Zahlen der Lobby-Organisation der Schönheitschirurgie in Kolumbien, Sociedad Colombiana de Cirugía Plástica (SCCP), belegen, dass jeden Monat mindestens ein Mensch an den Folgen einer Schönheitsoperation stirbt. Ein gutes Drittel der Personen, die sich einem ästhetischen Eingriff unterziehen, erleidet irreversible Schäden. Das trifft vor allem Frauen, und unter ihnen meist die ärmeren und jüngeren. Sie haben nur wenig Geld und vertrauen sich häufig dubiosen Operateuren an.

Denn die steigende Nachfrage lockt Pfuscher und Scharlatane an. Das seien häufig Allgemeinärzte oder andere Mediziner, denen eine Facharztausbildung fehle, sagt eine ästhetische Chirurgin, die der SCCP angehört. Die Dunkelziffer fehlgeschlagener Eingriffe sei weitaus höher, vermutet sie. „Das Geschäft wirft schließlich große Gewinne ab. Wahrscheinlich bestehen auch Kontakte zur Drogenmafia.“

Die Gegner der ästhetischen Chirurgie mobilisieren seit Jahren zu Protest, mit Kundgebungen und Gesetzesvorschlägen. Die Argumente sind dabei weder ethischer noch soziologischer Natur, sie stellen auch nicht das herrschende Schönheitsideal infrage. Es geht vielmehr darum, den Ruf der Medizin zu wahren. Bereits seit sechs Jahren versuchten die Konservativen im Kongress, Regulierungen auf den Weg zu bringen.

Schönheitstourismus statt Drogenkartellen

Nun hat Präsident Juan Manuel Santos die Schönheitschirurgie bei Minderjährigen zur Chefsache erklärt. Im Juli brachte er ein Gesetz auf den Weg, mit dem „jegliche medizinischen und chirurgischen Eingriffe zur Optimierung der Schönheit bei Minderjährigen“ verboten werden – auch wenn die Eltern ihre Einwilligung geben. Ausgenommen sind Korrekturen der Ohren und der Nase und solche, die psychische oder physische Störungen beheben. Erlaubt bleiben zudem Eingriffe aufgrund von Verletzungen oder Missbildungen. Dafür müssen allerdings Sondergenehmigungen beim Gesundheitsministerium beantragt werden. Das Gesetz schränkt zudem Werbekampagnen ein, die gezielt Minderjährige ansprechen. So dürfen künftig in einschlägigen Werbespots keine Kinder mehr zu sehen sein.

Ein weitreichenderes Verbot oder eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der ästhetischen Chirurgie bleibt jedoch aus. Und das hat wirtschaftliche Gründe: Trotz Calis Ruf als eine der gefährlichsten Städte der Welt mausert sich die Provinzhauptstadt im Südwesten Kolumbiens mit dem Spitznamen „Niederlassung des Himmels auf Erden“ zum Mekka des Schönheitstourismus. Zum neuen Image, das mit dem blutigen Erbe der Drogenkartelle der 1980er und 1990er Jahren Schluss machen will, gehören Salsa, internationale Festivals, Clubs und Kultur – und eben die sprichwörtliche Schönheit der caleñischen Frauen. Hier konzentrieren sich die Kliniken der Schönheitschirurgie.

Schönheit ist in Kolumbien ein Erfolgsfaktor. Ärmeren und marginalisierten Frauen soll  das äußere Erscheinungsbild gesellschaftliche Anerkennung und Aufstieg ermöglichen in einem sozial undurchlässigen System. Vielleicht liegt darin ein Grund, warum die Kolumbianer nach den Brasilianern weltweit den zweiten Platz bei der Zahl der Schönheits-OPs pro Kopf der Bevölkerung einnehmen. Gerne wird auch der Einfluss der Drogenkartelle als Erklärung dafür herangezogen: Die ehemals einflussreichen Drogenbosse prägten mit ihrem Lifestyle eine ganze Generation und das Bild der Frauen.

Vor dem Eingriff markiert der Chirurg, welche Stellen gestrafft werden sollen. In Kolumbien sind die Preise moderat und die Operateure haben einen guten Ruf. Kike Calvo/Redux/Redux/Laif
Doktor Jaime Arias ist Gründer und Leiter einer der bekanntesten Kliniken in Cali. Er kennt die Vorlieben seiner Patientinnen, die kulturell unterschiedlich geprägt seien: „Schwarze Frauen von der Pazifikküste in Kolumbien bevorzugen große Hintern und Brüste“,  sagt er. „Breite Hüften gelten in ihrer Kultur als erotisch. Weiße Patientinnen haben ein ganz anderes Schönheitsideal.“

Seine und andere etablierte Luxuskliniken werben vor allem um ausländische Gäste, sprich: Patientinnen. Fast die Hälfte von ihnen kommt bereits aus dem Ausland. Unter dem Motto „Recover in Paradise“ (Erhol Dich im Paradies) hat eine Internet-Seite auch die Angestellte Joyce Smith aus Kalifornien zu „Schönheitsferien“ nach Cali gelockt. Auf der Seite einer Vermittlungsagentur fand sie einen passenden Arzt. Dann fand sie ein Sonderangebot, das „all inclusive“ auch den Aufenthalt und Nachsorge beinhaltet. Die SCCP garantierte ihr im Internet höchste Standards und beste Qualität, der Arzt hat internationale Zertifikate und arbeitet nur mit überprüften und erprobten Materialien.

Eine Haushälterin umsorgt die Patienten

Wenn sie schon eine so weite Reise auf sich nimmt, dann soll es sich auch lohnen. Sie hat ein Kombipaket gebucht: Bauch reduziert, Brust und Hintern vergrößert und gestrafft. „Wir haben vorher alles abgesprochen, ich habe Fotos von mir geschickt, damit der Arzt sich ein Bild machen kann“, erzählt sie. Bei ihrer Ankunft war alles bereits organisiert: Das kleine Apartment vorbereitet, ein Empfangscocktail wurde gereicht und der Arzt nahm sich stundenlang Zeit für Beratung und Vorbereitung. „Das gäbe es in den USA nicht, dort geht alles ganz schnell und wie von der Stange.“

Eine kolumbianische Freundin hatte ihr die OP in Cali empfohlen. Laut SCCP haben vor allem die im Ausland lebenden Kolumbianerinnen, die für Operationen zurück in ihre Heimat fliegen, den Boom ausgelöst. Nicht nur die günstigen Preise, sondern vor allem der gute Ruf der Ärzte und Kliniken locken immer mehr Ausländerinnen ins Land.  Auch von der Nachsorge ist Joyce Smith beeindruckt: „Der Arzt selbst macht die Untersuchung und ich habe eine eigene Haushälterin, die für mich sorgt und nach mir sieht.“ Die neuen Direktflüge, etwa von New York nach Cali oder von Miami nach Cartagena, erleichtern die Reise zusätzlich. 

Für die ausländischen Gäste wird Sicherheit und Qualität garantiert. Aber für die vielen mittellosen Frauen, für die Schönheit als Eintrittskarte in die High Society gilt, stellen ästhetische Eingriffe in Schmuddelkliniken ein Risiko dar. Seit der Gesetzesnovelle zum Schutz der Kinder werden bereits erste Stimmen laut, die befürchten, sie könne die Zahl der Eingriffe in solchen Einrichtungen erhöhen.

Camila Sanchez aus Cali hat sich mit 15 Jahren die Brust vergrößern lassen, weil sie Komplexe hatte. „Ich wurde in der Schule und von Freunden gehänselt“, sagt sie. „Ich musste lange bitten, bis meine Verwandten mir die Operation schenkten und meine Eltern endlich ihr Einverständnis gaben.“ Nachdem sie an zwei vom SCCP zertifizierten Kliniken abgewiesen worden war, fand sie endlich einen Arzt. Dieser hatte zwar keine Zeugnisse und Zertifikate an den Wänden, doch er versprach ihr gute Resultate.

Autorin

Ani Diesselmann

ist promovierte Linguistin und Philosophin, lebt seit 2013 in Kolumbien und arbeitet dort als Journalistin und Menschenrechtsbeobachterin.
So nahm die junge Frau die Dienste einer kleinen Klinik mit dubiosen Zulassungen in Anspruch. Camilla Sanchez hatte Glück: Ihr Eingriff verlief ohne Komplikationen. Doch vor kurzem geriet die Klinik in die Schlagzeilen, weil Ärzte dort ohne spezielle chirurgische Ausbildung operierten. Camila Sanchez zeigt sich davon unbeeindruckt: „Unfälle passieren überall. Da hilft es auch nicht, mehr Geld auszugeben. Das ist ja kein komplizierter Eingriff, sondern Routine.“

Dennoch: Um Kinder vor solchen Kliniken zu bewahren, sprechen sich einige Chirurgen gegen das neue Gesetz der Regierung Santos aus. Sie glauben nicht, dass die jungen Frauen sich den Eingriff verbieten lassen. Zudem sei die Trennlinie zwischen erlaubten und verbotenen Eingriffen fließend: Bei einer Nasenkorrektur kann häufig nicht medizinisch definiert werden, ob sie aus rein ästhetischen Motiven vorgenommen wird oder als Behebung einer Missbildung angesehen werden kann. Außerdem sei dann auch die Korrektur von Hasenscharten und Segelohren zu verbieten.

Um eine breitere gesellschaftliche Debatte über die Gefahren von Schönheits-OPs anzustoßen, liegt bereits ein weitergehender Gesetzesvorschlag vor. Zwei Senatoren von der Grünen Partei und von der konservativen Partido de la U schlagen vor, Lizenzen für Operationen nur an ausgebildete Fachärzte zu vergeben und Verstöße mit hohen Strafen zu belegen. Ziel der Initiative ist es, die Rate der Komplikationen zu verringern. In der jüngsten Debatte zu diesem Vorschlag äußerte die Abgeordnete Adriana Moreno die Hoffnung, dass sich mit den weitergehenden Einschränkungen die „Kultur der falschen Schönheit“ verändern würde. Vielleicht muss aber auch der gesellschaftliche Druck in den Blick genommen werden. Kolumbien braucht eine gesellschaftliche Debatte über die Ursachen für den Trend zu ästhetischen Eingriffen. Gesetzliche Regelungen alleine reichen nicht aus. Denn sie werden weder am sozialen Aufstiegsversprechen noch an gesellschaftlichen Schönheitsidealen etwas ändern.

erschienen in Ausgabe 9 / 2016: Tourismus: Alles für die Gäste

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