Studienreise
Studienreise

„Wir wollen keine Kinder aufstellen, die Lieder singen“

Fremde Kulturen entdecken und etwas Gutes tun: Vor allem bei jungen Leuten ist der sogenannte „Voluntourimus“ sehr beliebt. Ruth Hopfer-Kubsch erklärt, warum der Studienreisen-Veranstalter Studiosus andere Wege geht, um Arme im globalen Süden zu unterstützen.

Fragen Ihre Kunden gezielt nach Voluntourismus-Angeboten?
Nein. Bei unseren Reisen ermöglichen wir aber Begegnungen und besuchen Projekte, die wir über die gemeinnützige Studiosus Foundation fördern. Da kann es vorkommen, dass Gäste sich nach der Reise in einem Projekt engagieren wollen und direkten Kontakt aufnehmen.

Studiosus bietet solche Reisen nicht an. Warum?
Weil wir der Meinung sind, dass Voluntourismus rein wirtschaftliche Gründe hat, also den Projekten selbst nicht unbedingt etwas bringt. In der Regel ist es der Wunsch der Teilnehmer, sich selbst zu verwirklichen oder sich neue Ziele zu setzen. Kaum jemand bedenkt wirklich, was dies für das Projekt und für die Menschen bedeutet, mit denen ich vor Ort arbeite.

Könnte Voluntourismus so gestaltet werden, dass er tatsächlich nachhaltig wirkt?
Er müsste komplett neu organisiert werden. Bei den Projekten müsste man klare Standards aufstellen, so dass sie für beide Seiten sinn- und gewinnbringend sind – und zwar nicht nur finanziell. Die Freiwilligen brauchen eine interkulturelle Vorbereitung auf das Land sowie Vor-Ort-Betreuung und Nachbereitung. Organisatorisch ist das alles von uns nicht leistbar und wir wollen es auch nicht aufbauen.

Wie unterstützt die StudiosusFoundation Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern?
Wir arbeiten in den Ländern, die von Studiosus bereist werden, mit vorwiegend lokalen Organi-sationen zusammen. Hauptsponsor ist Studiosus als Reiseveranstalter. Die Foundation ist ein gemeinnütziger Verein. Wir fördern bestehende, möglichst kleine Projekte, die keine Unterstützung von größeren Organisationen bekommen. In Kambodscha unterstützen wir eine Computer- und Englischschule, die von einem einheimischen Touristenführer nahe der Touristenhochburg Siem Reap gegründet wurde. Das langfristige Ziel ist es, junge Menschen aus der Gegend für die Tourismusbranche auszubilden und so die Abwanderung zu verhindern.

Tun Sie das in allen Schwellen- und Entwicklungsländern, in die Sie reisen?
Wir bemühen uns darum. Im Moment haben wir etwa 60 Förderprojekte, die auch während der Reisen besucht werden. Die Gäste bekommen einen Einblick, können Gespräche führen und sehen, wo unsere Gelder hinfließen.

Was wird den Reiseteilnehmern gezeigt?
Das überlassen wir den Einheimischen, weil wir nicht von oben herab bestimmen wollen. Sie sollen aus ihren Möglichkeiten heraus ihre Arbeit vorstellen und das Positive, aber auch ihre Alltagsprobleme vermitteln. Wir wollen ja nicht nur schicke Musterschulen vorführen und Kinder aufstellen, die dann Lieder singen.

Ruth Hopfer-Kubsch ist Referentin für soziale Verantwortung bei Studiosus.

Wie oft besuchen Sie Ihre Projekte?
Auf jeder Reise, die Häufigkeit ist aber unterschiedlich, je nachdem, wie viele Termine eine Reiseserie hat und wie belastbar das Projekt ist. Wenn wir wöchentlich drei Gruppen reinbringen, kann das den Alltagsablauf stören. Jedes Projekt bedarf einer individuellen Vereinbarung, die seinen Möglichkeiten entspricht.

Würden Sie Projekte unterstützen, die keine Besuchergruppen zulassen?
Grundsätzlich ist es eine Bedingung, dass wir das Projekt besuchen können. Wir schauen aber genau hin, wie die Belastung ist. Wenn Besuche gar nicht möglich wären, hätten wir ja auch keine Kontrolle. So sehen wir, ob unsere Gelder vereinbarungsgemäß und zweckgebunden eingesetzt werden. Da sind unsere Reiseleiter und letztlich auch unsere Gäste am Beobachten.

Stellt Studiosus die Förderungen ein, wenn es nicht mehr möglich ist, die Projekte zu besuchen?
Nein, gerade in Bezug auf Flüchtlingshilfe nicht. In der Türkei unterstützen wir ein Frauenprojekt. Da können wir aus Sicherheitsgründen jetzt nicht mehr hinreisen, weil es in den Kurdengebieten liegt, nahe Diyarbakir. Aber wir unterstützen die Frauenschutz-Organisation weiter, weil wir wissen, dass sie mit der Betreuung von syrischen Flüchtlingsfrauen stark belastet ist.

Wie verhindern Sie, dass Armut und Leid zur Touristenattraktion werden?
Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen für ein anderes Land. Wir brauchen schon bei der Reisevorbereitung gute Kenntnisse der politischen Situation vor Ort, der gesetzlichen Grundlagen und der kulturellen Normen. Und wir wollen ein Land mit seiner Geschichte und seiner Gegenwart, seinen Menschen und seiner Kultur darstellen. Das funktioniert vor allem über Begegnungen vor Ort. Dazu dienen die Projekte, aber auch gut geschulte Reiseleiter, die die Länder kennen oder sogar dort herstammen. Wir wollen die lokale Bevölkerung partnerschaftlich beteiligen. In vielen Ländern setzen wir uns mit den Einheimischen, die im Tourismus tätig sind, an einen Tisch. Es geht etwa darum, die Bauern, die ein Hotel beliefern, zu fragen: Was habt ihr vom Tourismus? Wo seht ihr Bedarf? Wo drückt euch der Schuh?

Das Gespräch führte Michael Güthlein.

erschienen in Ausgabe 9 / 2016: Tourismus: Alles für die Gäste

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