Drogentrips

Gruß an die Sonne: Teilnehmer des Retreats von Agustín Rivas in der Nähe von Tamshiyacu beginnen den Tag mit einem Glas starken Ingwertee.

Drogentrips

Reise ins Ich

Im Amazonasgebiet suchen Touristen aus aller Welt Erkenntnis und Heilung mit Hilfe des halluzinogenen Ayahuasca-Tees. Das ist ein gutes Geschäft für indigene Heiler.

Jens Kossmagk starrte in die Dunkelheit und sah, wie der schwarze Jaguar zurückstarrte. Jedes Mal, wenn er gähnte, erschien wie von Zauberhand das Tier. Während er es anschaute,  verwandelte er sich langsam in das Tier. Kossagk fühlte, wie sich seine Wangenknochen weiteten und er ein katzenhaftes Aussehen annahm, wie seine Nägel länger und zu scharfen Krallen wurden. In der Dunkelheit dröhnte eine Trommel, dazu hob und senkte sich eine Stimme. An den Wänden des Holzbaus mit Spitzdach saß nahezu reglos ein Dutzend weißgekleidete Gestalten. Kaleidoskopartig zogen verstörende Bilder vor ihren geschlossenen Augen vorbei. Eine Frau schluchzte leise.

Der Schamane führte sie mit seiner Musik, mit Gesang, mit Trommeln, mit den Klängen eines Saiteninstruments und mit Melodien auf einer Mundharmonika. Die Zeremonie dauerte mehrere Stunden, bis irgendwann vor Mitternacht die Bilder verblassten, der Jaguar in den Wald zurückkehrte und die Gestalten in Weiß zu ihren Betten torkelten. Am nächsten Morgen waren sie früh auf den Beinen. Sie tranken ein Glas starken Ingwertee und nahmen in einem kühlen Bach ein kurzes Bad. Während sie auf das Frühstück aus Obst, Brot und Rührei warteten, machten sich Kossmagk und die anderen Gäste des einfachen Waldcamps im peruanischen Amazonasgebiet Notizen oder unterhielten sich leise über das, was in der Nacht geschehen war.

Die Gruppe zählt zu den laut Schätzungen Tausenden Menschen, die jedes Jahr an den Amazonas reisen, um Ayahuasca zu probieren. Der halluzinogene Sud wird aus verschiedenen Pflanzen der Region bereitet. Manche suchen physische oder psychische Heilung oder spirituelles Erwachen, andere sind von Neugier und Abenteuerlust getrieben. Einst etwas für junge Rucksack-Touristen, die für wenig Geld durch Peru reisten, hat sich der Ayahuasca-Tourismus zu einer Nische für gut Betuchte entwickelt. Mehr als 100 US-Dollar pro Tag zahlen sie für eine persönliche Transformation mit Hilfe von Verfahren, die als traditionelle Heilkunst angepriesen werden – pflanzliche „Diäten“, Reinigungen mit Tabak und eben Ayahuasca-Zeremonien.

Er heile alles, auch Krebs

„Es wird viel Aufhebens darum gemacht, wie Ayahuasca Menschen helfen kann, mit psychischen Problemen fertig zu werden“, sagt Christina Callicott, Doktorandin an der Universität Florida. „Viele Menschen leiden unter solchen Problemen, viele suchen Hilfe. Die Leute sind bereit, Geld dafür auszugeben.“ Kossmagk, ein Computer-Fachmann aus Berlin, war auf der Suche nach einer ganzheitlichen Erfahrung, die ihm helfen würde, Kopf und Herz zusammenzubringen. Eine andere Teilnehmerin namens Eva buchte die Reise im Januar, als sie wegen eines psychischen Zusammenbruchs im Krankenhaus war. Sie hoffte, der elftägige Aufenthalt würde ihr helfen, ihre Angst zu überwinden, die eine traditionelle Therapie nicht hatte lindern können.

Zwei Tage zuvor waren sie in dem einfachen Camp des Schamanen Agustín Rivas, eines der bekanntesten „Ayahuasqueros“ der Region, in der Nähe der Kleinstadt Tamshiyacu am Amazonas angekommen. Sie waren mit dem Boot aus der Amazonas-Stadt Iquitos im nordöstlichen Peru gekommen und anschließend etwa fünf Kilometer durch den Regenwald zu dem Camp gewandert. Als junger Mann war Rivas, der nach eigenen Angaben 91 Jahre alt ist, ein bekannter Holzbildhauer. Nachdem er durch einen Unfall das Gefühl in seiner rechten Hand verloren hatte, begann er, seinen Lebensunterhalt mit der Pflanzenheilkunde zu bestreiten. Gelernt hatte er sie von indigenen Schamanen. Menschen, die ihn über seine Kunst kannten, kamen zu ihm, damit er für sie Heilungsrituale praktizierte.

Rivas behauptet, er heile psychische und spirituelle Leiden wie auch körperliche Krankheiten einschließlich Krebs. Einige davon, darunter Tuberkulose, könne er allerdings nicht behandeln, räumt er ein. Obwohl er selbst Mestize ist, arbeitet er wie die indigenen Schamanen mit verschiedenen Pflanzen und dem Rauch von einheimischem Tabak. Er habe auch schon Krankheiten aus Menschen gesaugt, erzählt er, warnt aber vor Scharlatanen, die angeblich dasselbe vollbringen. Und er warnt vor unrealistischen Erwartungen. „Jemand hat nur einen Arm“, sagt er, „und denkt, der Schamane würde ihm einen zweiten Arm geben, oder er ist blind und denkt, der Schamane könnte ihm das Augenlicht zurückgeben.“

Der Schamane Agustín Rivas bereitet für die Abendzeremonie den halluzinogenen Sud aus Chacruna-Blättern und Ayahuasca-Liane zu. Barbara Fraser
Rivas empfängt bis zu 60 Besucher im Monat, angesichts der wachsenden Konkurrenz geht die Zahl jedoch zurück, wie er sagt. In Tamshiyacu bieten auch andere „Ayahuasca Retreats“ an, darunter Rivas’ Sohn und seine Lebensgefährtin. Teurere, stärker marktorientierte Zentren nicht weit von Iquitos kombinieren Ayahuasca-Zermonien mit Abenteuertourismus, Yoga, Fitnessprogrammen oder anderen Aktivitäten, die nicht zu Rivas’ Angebot gehören. Die Menschen, die zu ihm kämen, legten Wert auf Qualität, „auf die Arbeit eines wahren Lehrers“, betont er.

„Ayahuasca Retreats“ werden auch in anderen Ländern am Amazonas angeboten – in Ecuador, Kolumbien und Bolivien –, doch das Epizentrum des Trends liegt in Iquitos, einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern im Tiefland des Flusses. Sie ist nur mit dem Flugzeug oder dem Boot zu erreichen. Die Stadt, eine lebendige Mischung aus Überbleibseln des Kautschukbooms, modernem Handel und Tourismus, liegt inmitten des größten Regenwaldgebiets des Landes. Eine Internetsuche nach „Ayahuasca Retreats“ in Iquitos fördert seitenweise Möglichkeiten zutage. Einigen Berichten zufolge gibt es in dem Gebiet 100 oder mehr Camps für Touristen, die Erfahrungen mit Ayahuasca machen wollen.

Nach Ansicht einiger Beobachter verkehrt der Trend eine indigene Tradition in eine Ware, von der Fremde profitieren. Andere sind der Meinung, dass er traditionellen Heilern ein Einkommen sichert und in einem Gebiet, in dem die Beschäftigungsmöglichkeiten rar sind, Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor schafft. In einigen Camps praktizieren indigene Heiler, in anderen Ausländer, die bei den „Curanderos“ gelernt haben. Da es kein staatliches Zulassungssystem gibt, sind Touristen auf die Beschreibungen im Werbematerial der Camps, auf Mundpropaganda oder Websites für Reisende angewiesen. Die Internetseite Ayaadvisors.org ist auf Bewertungen von Ayahuasca-Camps aus erster Hand spezialisiert.

Bis vor einigen Jahrzehnten sei die traditionelle Medizin mit ihren Ritualen und Heilpflanzen in den ländlichen Gemeinden am Amazonas die einzige Versorgung gewesen, sagt Rulfer Vicente, Archäologe im Büro des peruanischen Kulturministeriums in Iquitos. Inzwischen sind mehr Menschen in die Städte gezogen, öffentliche Dienste haben abgelegene Dörfer erreicht, und so ist dort auch westliche Medizin verfügbar. Doch viele Einheimische kombinieren immer noch Pflanzen mit Tabletten; selbst in der Stadt gehen manche Menschen lieber zum „Curandero“ als zum Arzt.

Die praktizierenden Heiler „sind ein Hort des Wissens“, sagt Vicente. Die Betreiber der Camps kommen zu ihnen, damit sie pflanzliche Tees zubereiten und Rituale für die meist ausländischen Besucher anbieten. Die unterscheiden sich von denen, die die Heiler in der eigenen Gemeinschaft praktizieren. Wenn ein Einheimischer Hilfe suche, erklärt Vicente, gehe der „Curandero“ in den Wald und wähle, geleitet von Geistern, eine bestimmte Pflanze aus, die das besondere Problem dieser Person heilen soll. In den Camps hingegen wenden bis zu 25 Gäste dieselben abführenden Spülungen an, trinken dieselben pflanzlichen Tees gegen verschiedene Krankheiten und folgen denselben zwei oder drei Ayahuasca-Zeremonien pro Woche.

Die Zeremonien in den Zentren sind Vicente zufolge häufig auch raffinierter als die traditionellen Heilungsrituale und enthalten New-Age-Elemente, die Ausländer erwarten. Selbst Ayahuasca wird anders verwendet. Bezeichnet wird mit diesem Begriff ein halluzinogenes Getränk. Doch die Ayahuasca-Pflanze selbst ist eine holzige Kletterpflanze (Banisteriopsis caapi), die traditionell allein als Abführmittel gebraucht wird. Die spirituelle und seelische Reinigung, die dem Abführen zugeschrieben wird, dient auch dem praktischen Zweck, den Körper von Parasiten und Krankheitserregern zu befreien.

Das Halluzinogen in dem Sud, N,N-Dimethyltryptamin oder DMT, kommt von dem Strauch Psychotria viridis, bekannt als Chacruna. Nach der Einnahme wird DMT durch ein Enzym im menschlichen Darm inaktiviert. Die Kletterpflanze Banisteriopsis enthält jedoch ein Alkaloid, das dieses Enzym unterdrückt. Wer den Tee aus Ayahuasca-Liane und Chacruna-Blättern trinkt, hat Halluzinationen – wie Kossmagks Jaguar –, sieht Bilder von Wäldern und Schlangen oder plastische, farbige, traumartige Szenen. 

Obwohl DMT im menschlichen Gehirn vorkommt und möglicherweise unter anderem eine Rolle beim Träumen spielt, gilt es in verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, Australien, Brasilien und den Vereinigten Staaten, als Betäubungsmittel. In Brasilien und den USA dürfen zwei religiöse Gemeinschaften Ayahuasca als Sakrament verwenden, die Gruppen Santo Daime und União do Vegetal.

Peru reguliert den Ayahuasca-Konsum wegen der traditionellen Verwendung des Suds nicht. Anthropologen sind jedoch der Ansicht, dass der halluzinogene Trank im Amazonasgebiet bis zum Kautschukboom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nur selten Teil schamanischer Rituale war. Damals wurden viele indigene Gemeinschaften vertrieben und so kamen einheimische Gruppen, die den Sud traditionell nicht verwendeten, mit anderen in Kontakt, die dies taten.  

Einen Toten vergraben

In verschiedenen Ländern untersuchen Forscher, ob DMT zur Behandlung von psychischen Störungen und Suchterkrankungen eingesetzt werden kann. Viele Menschen geben an, „Ayahuasca-Retreats“ hätten ihr Leben verändert – doch die Praxis ist mit Risiken verbunden. Der 18-jährige US-Amerikaner Kyle Nolan starb 2014 in einem Ayahuasca-Zentrum nahe der Stadt Puerto Maldonado im Südosten Perus. Der Schamane begrub die Leiche und sagte, der junge Mann habe die Herberge verlassen. Er gab Nolans Tod erst zu, als dessen Mutter und Schwester eintrafen, um nach ihm zu suchen.

Im Dezember 2015 erstach ein Kanadier einen Briten in einem Ayahuasca-Zentrum unter ungeklärten Umständen, und in den vergangenen Jahren starben zwei Reisende in Camps bei Iquitos und Puerto Maldonado. Laut Berichten hatten sie einen abführenden Tee aus einheimischem Tabak getrunken. Weitere Todesfälle sind dem Archäologen Vicente zufolge nicht bekannt. Dass Frauen sexuelle Übergriffe gemeldet hätten, habe dazu geführt, dass mehr Zentren Zeremonien mit Schamaninnen anbieten, erklärt er. Tourismusvertreter in Iquitos meiden das Thema Tod und Verletzungen, während einige Reiseveranstalter die Risiken leugnen. Sie behaupten, die Opfer seien bereits krank gewesen oder hätten Ayahuasca mit Marihuana, Kokain, Antidepressiva oder verschreibungspflichtigen Psychopharmaka kombiniert.

„Viele Leute spielen das Problem herunter. Das ist kein verantwortlicher Umgang damit“, sagt Callicott von der Universität Florida, die der Beratergruppe des Ethnobotanical Stewardship Council angehörte. Dieser war 2013 gegründet worden, um sich mit den Risiken rund um den Ayahuasca-Konsum auseinanderzusetzen – von der übermäßigen Ernte der wild wachsenden Ayahuasca-Liane bis hin zu Sicherheitsbedenken. Der Council löste sich jedoch auf, nachdem er von Anthropologen unter anderem für seinen Vorschlag kritisiert worden war, Ayahuasca-Zentren zu zertifizieren. Sie hatten befürchtet, das würde auf eine gesetzliche Regelung indigener Traditionen hinauslaufen.

Autorin

Barbara Fraser

ist freie Journalistin in Lima, Peru. Sie beschäftigt sich vor allem mit Sozial- und Umweltthemen in Lateinamerika. Ihr Beitrag ist im Original in dem Internetportal „Forest News“ von CIFOR erschienen.
Bei manchen  Menschen setzten die Wirkungen von Ayahuasca-Zeremonien, verbunden mit spirituellen Elementen, tiefe Gefühle frei, die auch nach der Rückkehr anhalten, sagt Raven Ray, Psychologiestudentin am Military College von South-Carolina. „Wenn sie zurückkommen, fällt es ihnen schwer, die Erfahrung zu verarbeiten. Es ist eine Art spirituelle Entwicklung. Manche Leute sind gar nicht auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen, aber wenn sie zurückkommen, sagen sie, sie seien ein anderer Mensch“, ergänzt sie. Andere „haben sich aus spirituellen Gründen aufgemacht und kehren enttäuscht zurück, weil Mutter Ayahuasca ihnen nicht gegeben hat, was sie gesucht haben“.

Ray ist dabei, ein Netzwerk von Psychologen in verschiedenen Ländern aufzubauen, die Erfahrungen mit psychedelischen Substanzen haben. Mit dem sogenannten Aftercare Project sollen Menschen nach ihrer Rückkehr in den Alltag unterstützt werden. Ray empfiehlt auch, Camps zu wählen, bei denen Sicherheit an erster Stelle und Heilung im Mittelpunkt stehen und das spirituelle Element nicht eines von diversen touristischen Angeboten ist. Das Camp sollte die Teilnehmer vor möglichen Wechselwirkungen mit Arzneimitteln und vor Nebenwirkungen warnen, sagt sie. Außerdem sollte es dort Begleitpersonen geben, die während der Zeremonie keinen Ayahuasca-Tee trinken und jedem helfen können, der Probleme hat. Laut Ray und Callicott veröffentlichen nach den Meldungen über die Todesfälle 2014 und 2015 mehr Camps Sicherheitshinweise auf ihren Websites.

In den richtigen Händen könne Ayahuasca zu einem tieferen Verständnis des eigenen Lebens und anderer Menschen führen, sagt Ulrike Bellstedt. Die 32-jährige Heilpraktikerin aus Stuttgart ist schon zum dritten Mal in Rivas’ Camp in Tamshiyacu. Sie möchte mehrere Wochen damit verbringen, die traditionelle Heilkunst zu studieren und die Heilgesänge, die sogenannten „Ikaros“ zu lernen. „Er hat mein Leben verändert“, sagt sie über ihren ersten Besuch im vergangenen November. „Ich kann die Welt mit anderen Augen sehen. Ich erkenne, dass unsere Probleme nur in unserem Kopf existieren.“ Sie hofft, andere zu derselben Erkenntnis zu führen. „Ich komme, um zu lernen und um das Leben zu verstehen und Menschen zu helfen“, sagt sie. „Ich frage mich oft, was ich hier eigentlich mache, aber ich weiß, dass es richtig ist.“

Aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.

erschienen in Ausgabe 9 / 2016: Tourismus: Alles für die Gäste

Neuen Kommentar schreiben