Gemeindebasierte Energiesysteme

Blick in den Maschinenraum: Turbine, Generator und elektronische Ladekontrolle im Kleinwasserkraftwerk von Aduago.

Gemeindebasierte Energiesysteme

Strom aus eigener Hand

Im Norden der Philippinen kümmern sich Dorf­gemeinschaften selbst um ihre kleinen Wasserkraftwerke. Sie sind Kunden und Manager zugleich.

Für die Frauen ist das Leben etwas leichter geworden in einigen der entlegenen Dörfer der Cordillera Administrative Region (CAR) auf der philippinischen Insel Luzon. Früher mussten sie die Reiskörner für ihre Mahlzeiten per Hand von der Spreu trennen – eine Knochenarbeit, drei Mal am Tag. Inzwischen übernimmt das eine Reismühle für sie, angetrieben von einem kleinen Wasserkraftwerk.

Gut 30 solcher Anlagen hat die nichtstaatliche Organisation SIBAT in den vergangenen 20 Jahren vor allem im Hochland der Region errichtet, rund 3000 Haushalte profitieren davon. „Die erste haben wir 1995 gebaut. Sie existiert immer noch“, sagt die Chefin von SIBAT, Victoria Lopez. Die Kraftwerke mit einer Leistung von bis zu 60 Kilowatt liefern Strom für Lampen und Haushalte, aber vor allem für kleinere landwirtschaftliche Maschinen und Geräte.

Die dezentrale Stromversorgung schließt eine wichtige Lücke: 40 Prozent der Philippinerinnen und Philippiner, die auf dem Land leben, haben keinen Zugang zum Elektrizitätsnetz. Beispiel Zucker: Viele Indigene bauen in den Bergen Zuckerrohr an, die Verarbeitung war stets langwierig und teuer. SIBAT hat eine kleine Presse entwickelte, die von Ort zu Ort transportiert werden kann und jeweils aus dem gemeindeeigenen Kraftwerk gespeist wird. Das hat den Bauern einen Geschäftsaufschwung beschert.

Alles zusammen mit der örtlichen Bevölkerung

Die Pläne und die Technik für die Anlagen, darunter die Turbinen, kommen von SIBAT, gebaut aber wird gemeinsam. Die Dorfbewohner arbeiten mit und liefern vor Ort verfügbares Material. „Wir machen alles zusammen mit der örtlichen Bevölkerung“, sagt Victoria Lopez, und räumt ein: „Das kann manchmal ziemlich lange dauern.“ Nach dem Bau sind die Dorfgemeinschaften für die Anlagen selbst verantwortlich: Sie sorgen dafür, dass sie gewartet und repariert werden. Dafür werden sie geschult, und erhalten auch Beratung in finanziellen Fragen. Gemeinsam entschieden wird auch, wofür der erzeugte Strom verwendet wird – denn viele der älteren Kraftwerke leisten keine Rund-um-die-Uhr-Versorgung.

Jeder Stromkunde bezahlt einen monatlichen Tarif, die Höhe variiert von Dorf zu Dorf, sie richtet sich nach dem Verbrauch, aber auch das Einkommen wird berücksichtigt. „Sie sind nicht nur Kunden und Konsumenten, sondern auch Manager“, meint Victoria Lopez. Großen Wert legt sie auf ihr langfristiges Engagement: „Wir halten die Beziehungen zu den Gemeinschaften, wir lassen sie mit den Projekten nicht alleine“ – anders als andere NGOs und die lokalen Regierungen, die sich meist zurückzögen, wenn die Anlagen fertiggestellt sind. So sollen in nächster Zeit einige der älteren Kraftwerke saniert werden, denn im Laufe der Jahre habe sich die Technik verbessert.

Die Regierung ist zurückhaltend

Dennoch: Mit den lokalen Regierungsbehörden verbindet die Organisation SIBAT, die vom katholischen Hilfswerk Misereor gefördert wird, ein kooperatives Verhältnis. „Sie verstehen, wie die gemeindebasierten Energiesysteme funktionieren und öffnen sich immer mehr dafür“, sagt Victoria Lopez. Die nationale Regierung in Manila hingegen sei zurückhaltender – trotz ihrer Pläne, den Ausbau von Wind-, Wasser- und Sonnenergie sowie Erdwärme und Biomasse zu fördern. Laut dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz von 2008 soll die Leistung aus diesen Energieträgern von rund fünf Gigawatt im Jahr 2014 auf 15 Gigawatt im Jahr 2030 steigen. Die Anreize wie Einspeisevergütungen richten sich allerdings vor allem an große Unternehmen, kleinere Projekte für die arme Landbevölkerung genießen keine Priorität.

Immerhin habe sich die Regierung an einigen SIBAT-Vorhaben finanziell beteiligt, ebenso wie internationale Organisationen und die Kirchen, sagt Lopez. Denn billig ist die Wasserkraft nicht: Für die Erzeugung von einem Kilowatt Strom müsse man rund 1000 US-Dollar investieren. Doch Wasser sei im Hochland eben reichlich vorhanden und Solarenergie für den Hausgebrauch einfach noch teurer. Zurzeit würden zusätzlich Erfahrungen mit kleinen Windkraftanlagen gesammelt.

Werben musste SIBAT für seine Projekte nie – die Mundpropaganda reichte. Nachdem die Organisation im Norden von Luzon ein, zwei Mini-Kraftwerke gebaut hatte, hätten andere Dörfer gesehen, dass Wasser Strom produzieren kann, erzählt Victoria Lopez. „Das wollten sie dann auch haben.“ Der Zugang zu Elektrizität, davon ist sie überzeugt, ist das mächtigste Instrument, mit dem die Landbevölkerung der Armut entkommen kann.

erschienen in Ausgabe 12 / 2016: Energie für alle

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