Tabak in Uruguay
Tabak in Uruguay

Staatsfeind Nummer eins

Uruguay ist Vorreiter im Kampf gegen das Rauchen. Sogar der US-Tabakkonzern Philip Morris musste sich geschlagen geben. Wie schafft die Regierung das?

Schule kann Spaß machen. Mitreißende Geschichtslehrerinnen, verblüffende Experimente in der Chemiestunde oder kreative Selbstversuche im Kunstunterricht. Der Sehnsuchtsort aller Jugendlichen ist und bleibt jedoch der Schulhof. Leere Mägen treffen auf Pausenbrote, Mathe-müde Köpfe auf den letzten Klatsch und flüchtige Blicke hoffentlich auf offene Herzen. „Das ist eine Art globales Musical. In jeder Frühstückspause gibt es eine neue Vorstellung“, sinniert Alejandra Perez. Ihre Bühne ist eine öffentliche Oberschule im Westen von Uruguays Hauptstadt Montevideo, in einem Stadtteil, den Soziologen als „problematisch“ bezeichnen. Perez mag solche Wertungen nicht. Seit 25 Jahren ist sie eine engagierte Lehrerin – und die heimliche Chronistin des Schulhofs.

Früher habe die Pausenglocke den Startschuss für die erste Zigarette gegeben, erinnert sie sich. Die Pädagogen bliesen den Stress gleich vor dem Haupteingang in die Luft. Die Jugendlichen verzogen sich in die Ecken, inhalierten hastig hinter Bäumen. „Der erste pucho, die erste Kippe, definierte über Jahrzehnte die Grenze zwischen Coolness und Angepasstheit“, sagt Perez. „Es war der öffentliche Schritt, die kindliche Unschuld zu verlieren. Als Raucher gehört man überall dazu.“ Überhaupt habe es nur drei Orte gegeben, an denen nicht gequalmt wurde: Stadtbusse, Krankenhäuser und Klassenzimmer.

In Montevideo ist es wie in vielen Küstenstädten feucht und häufig auch kalt. Seine Einwohner leiden oft unter Atemwegserkrankungen. Dass lange Zeit mehr als 40 Prozent von ihnen regelmäßig rauchten, machte die Situation nicht besser. „In Uruguay sterben jährlich 5000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums“, stellte Gesundheitsministerin María Julia Muñoz 2010 fest. Der Staat habe deshalb die Pflicht, sich in die privaten Laster der Bevölkerung einzumischen. Wenig später wurde die Tabaksteuer auf 72,3 Prozent angehoben. Das ist weniger als in Deutschland, im Vergleich zum restlichen Lateinamerika jedoch sehr hoch.

Die Ursprünge des vehementen Kampfes gegen den Tabak sind bei einem Mann zu finden: Tabaré Vázquez. Der heutige Präsident des Landes regierte bereits von 2005 bis 2012. Die Bilanz seines Mitte-Links-Bündnisses war gemischt. Neoliberale und Konservative beschimpften Vázquez als Sozialisten, als er 2006 den Beitritt Uruguays zum amerikanischen Freihandelsabkommen ALCA verhinderte. Die Sozialisten hingegen empfanden seine marktorientierte Agrar- und Wirtschaftspolitik als neoliberal. Vázquez saß gern zwischen allen Stühlen. Nur in einem Punkt war der gelernte Krebsarzt nicht kompromissbereit: Bereits fünf Monate nach seinem ersten Amtsantritt kritisierte er in einer Rede zum Weltnichtrauchertag die Gleichgültigkeit gegenüber dem hohen Tabakkonsum. „Ich frage mich, wie wir Uruguayer wohl reagieren würden, wenn jährlich an einem bestimmten Strand 5.500 Menschen ertrinken würden?“

Fotografien von Mundkrebs

Noch bevor jemand antworten konnte, erließ Vasquez 2006 ein Dekret, das das Rauchen im öffentlichen Raum einschränkte, und führte zwei Jahre später ein umfassendes Anti-Tabak-Gesetz ein. Die Tabaksteuer wurde so schrittweise nach oben geschraubt, das Rauchen in öffentlichen Gebäuden vollständig verboten. Schockbilder und Warnhinweise bedecken seitdem nahezu die gesamte Oberfläche von Zigarettenschachteln.

„Mich haben diese Bilder aufgerüttelt“, sagt Jorge Kropman. Der pensioniert Agraringenieur kommt gerade aus dem Kino – einer dieser Momente für „eine Zigarette danach“. 40 Jahre lang paffte Kropmann, am Ende zwei Schachteln am Tag. „Ich hatte permanent Husten und jeglichen Geschmackssinn verloren. Objektiv weiß jeder, wie selbstzerstörerisch so etwas ist. Doch erst die Fotografien von Mundkrebs und Menschen mit Krebs im Endstadium haben mich zum Aufhören gebracht“,  meint Kropman und fügt hinzu: „Man merkt eben, dass Vázquez Arzt ist und weiß, was er tut.“

Stützen kann sich der Präsident auf die Weltgesundheitsorganisation WHO. Deren Rahmenabkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) hatte die Weltgesundheitsversammlung im Mai 2003 angenommen. Ziel ist es, „heutige und zukünftige Generationen vor den verheerenden gesundheitlichen, sozialen und die Umwelt betreffenden Folgen des Tabakkonsums und des Passivrauchens zu schützen“. Uruguay unterzeichnete den Vertrag 2004 als erstes Land Lateinamerikas, im Februar 2005 trat er in Kraft.

Kaffee und Zigaretten: Im Februar 2006 durfte in den Kneipen von Montevideo noch geraucht werden, ab 1. März war damit Schluss. Andres Stapff / Reuters
Auch brasilianische Diplomaten wie der spätere Außenminister Celso Amorim hatten maßgeblichen Anteil daran, dass das FCTC in Rekordzeit ausgehandelt wurde. Dass auch Brasilien begann, diese globale Gesundheitspolitik mitzutragen, ließ beim US-amerikanischen Tabakkonzern Philip Morris (PM) die Alarmglocken schrillen. Mit einem jährlichen Volumen von einer halben Million Tonnen ist das Land nicht nur einer der weltgrößten Tabakproduzenten – auch dem Konsum wird kräftig zugesprochen. Bis heute greifen 20 Millionen Brasilianer regelmäßig zu Zigaretten oder Zigarren. Doch dieser Markt schwindet, seit Uruguay mit immer strikteren Anti-Tabak-Maßnahmen den Takt vorgibt.

2010 verklagte Philip Morris Uruguay vor dem Internationalen Zentrum für die Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID), einem der Weltbank unterstellten internationalen Schiedsgericht. Der Vorwurf: Die uruguayischen Gesetze verstießen gegen ein bilaterales Investitionsabkommen zwischen Uruguay und der Schweiz, wo das Unternehmen seine Zentrale und eine der größten Produktionsanlagen unterhält. Die Klage vermied gesundheitspolitische Argumente und beschuldigte Uruguay, geistige Eigentumsrechte von Philip Morris zu verletzen. Die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln verhinderten es, die Markenlogos angemessen zu präsentieren, hieß es. Seit 2008 durfte der Tabakkonzern zudem nur noch fünf anstelle von zwölf Zigarettensorten in Uruguay verkaufen.

Während Philip Morris behauptete, sein kommerzielles Interesse decke sich mit dem Willen mündiger, erwachsener Raucher, kommt Todd Weiler, Experte für internationale Handelsabkommen, in einem Rechtsgutachten zu einem anderen Schluss: Die Klage sei „nichts anderes als der zynische Versuch eines wohlhabenden internationalen Konzerns, an einem kleinen Land mit begrenzten Ressourcen ein Exempel zu statuieren und sich damit gegen gut begründetes internationales Recht zu schützen“. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Obwohl der jährliche Umsatz des Tabakriesen mit 80 Milliarden US-Dollar das Bruttoinlandprodukt (BIP) von Uruguay um ein Drittel übertrifft, hielten Vázquez und sein Amtsnachfolger José Murjica dem Druck stand. Und sie erhielten weltweite Unterstützung – die Bloomberg Foundation etwa sagte zu, große Teile der Anwaltskosten zu übernehmen, egal wie lange sich der Rechtsstreit hinziehen sollte. Es sollten sechs Jahre werden.

Unterdessen wurden in Uruguays Lehrerzimmern, Bars, Restaurants und Taxis endgültig die Aschenbecher abgeschafft. Bei Verstößen drohen empfindliche Strafen von bis zu 15.000 Euro. Als pädagogische Zusatzmaßnahme waren zeitweise Inspekteure unterwegs, die Raucher mit Wasserpistolen nass spritzten, um sie „öffentlich zur Schau zu stellen“. Statt Zigaretten qualmten fortan die Köpfe. „Auch wenn ich gegen das Rauchen auf öffentlichen Plätzen bin, in einem privaten Lokal muss der Besitzer entscheiden dürfen, ob geraucht wird oder nicht“, echauffiert sich ein junger Kollege der Lehrerin Perez, der nicht namentlich genannt werden will.

Andere Lehrerinnen und Lehrer pflichten ihm bei. Es habe keine gesellschaftliche Debatte stattgefunden, kritisieren sie. „Die Rauchverbote wurden einfach per Präsidialdekret erlassen.“ Eine Raucherin fühlte sich diskriminiert, „als Vázquez in einem Fernsehinterview die Debatte unnötig anheizte. Was sollen diese Vergleiche, dass Tabak für Frauen tödlicher ist als sexualisierte Gewalt? Wie kann es sein, dass Vázquez jeden und jede, die sich mit einer Zigarette auf der Straße blicken lässt, als schlechtes Beispiel abstempelt?“, empört sie sich. „Es wird sogar erwogen, auch dafür künftig Knöllchen zu verteilen.“

Der Entzug ist günstiger als der Konsum

Tabakkonsum sei „eine gesellschaftliche Krankheit“, betonten Wissenschaftler des Staatlichen Instituts für Atemwegserkrankungen (INER) in Mexiko-Stadt bereits im Jahr 2004, fünf Jahre vor der Einführung des mexikanischen Anti-Tabak-Gesetzes. Die Versuchung sei groß, warnten sie damals, „reflexartig nur Konsumenten verantwortlich zu machen“. Raucher gegen Nichtraucher auszuspielen sei bedenklich, denn wer tabaksüchtig ist, sei „immer auch ein Opfer“. Die WHO-Leitlinien sehen neben Verboten und Präventionsprogrammen auch Angebote zur Entwöhnung vor.

In Uruguay stellt der Staat jedoch nur „die kostenlose Diagnose und die Behandlung von Tabak­abhängigkeit beim ersten Behandlungskontakt“ sicher. Dazu gehören eine Untersuchung und eine Beratung, jedoch keine weiteren therapeutischen oder medizinischen Angebote. Langzeitraucher Kropman zahlte die einjährige Entwöhnung deshalb aus eigener Tasche. „Ich gab im Monat ungefähr 4000 Pesos (ca. 125 Euro) für Zigaretten aus, die Kosten für den Entzug waren am Ende nur ein Viertel so hoch“, rechnet er vor. „Aufhören lohnt sich also immer, aber das kapiert man erst hinterher.“ Kropman ist überzeugt, dass Armen der Schritt zum betreuten Aufhören deutlich schwerer fällt, denn für die langsame Entwöhnung fielen anfangs neben den Ausgaben für Zigaretten zusätzliche Kosten an, für Nikotinpflaster oder für eine Therapie. „Und Arme sind auch nicht die Zielgruppe privater Gesundheitszentren.“

Autor

Nils Brock

ist Journalist in Rio de Janeiro und berät als Fachkraft für Brot für die Welt unabhängige Radios in Brasilien.
Doch insgesamt ist Uruguays Weg erfolgreich. Das Land ist ein Vorbild, wenn es darum geht, bis 2030 das Teilziel „Reduktion des Tabakkonsums“ der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG) zu erreichen. Der Sieg gegen Philip Morris im Juli 2016, als das Weltbank-Schiedsgericht die Klage des Tabakmultis zurückwies, hat die Popularität des kleinen Landes noch einmal erhöht. Alejandra Perez bleibt dennoch skeptisch. Krebs habe mehr als nur eine Ursache, sagt die Lehrerin, während sie ihrem Sohn in der heimischen Küche ein Sandwich schmiert. „Die Story ist komplizierter. In Uruguay wird weniger geraucht, stattdessen wächst der Pestizideinsatz auf den Feldern, der Staat genehmigt den Bau neuer Zellulosefabriken.“

Sie wolle die Erfolge des Anti-Tabak-Gesetzes nicht kleinreden, meint sie. Doch es sei schon widersprüchlich, wie repressiv der Staat gegen Zigaretten vorgeht, während er zugleich mit der Legalisierung und dem staatlich kontrollierten Anbau von Cannabis Geschichte schreibt. Wie würde sie reagieren, wenn ihr siebenjähriger Sohn als Teenager mit dem Rauchen anfängt? „Ich hab mir vorgenommen, eine tolerante Mutter zu sein, und versuche vor allem aufzuklären“, sagt Perez. Das habe ihr früher gefehlt.

Ende Oktober verkündete der Nichtraucher-Präsident Vázquez stolz, dass der Tabakkonsum bei Jugendlichen in der vergangenen Dekade von 25 auf neun Prozent gefallen sei. Auf der Tagung der Argentinischen Liga des Kampfs gegen den Krebs kündigte er zudem neue Maßnahmen an: Rauchverbote in Privatfahrzeugen, in Fußballstadien, im Eingangsbereich von Kliniken und Schulen. Noch ist es nicht so weit, doch zumindest in Perez’ Schule würde sich wohl gar nicht so viel ändern. „Zur Frühstückspause fliegen die Türen auf, eine Gruppe Lehrer und eine Gruppe Schüler gehen bis zur Straße, die einen biegen links ab, die anderen rechts,“ beschreibt sie die aktuelle Aufführung des Oberschulen-Musicals. „Die Lehrer zünden sich ihre Zigaretten an, drei Ecken weiter reichen die Jugendlichen einen Joint herum. Sie beäugen sich, zwei kleine Grüppchen. Der Rest isst auf dem Schulhof Pausenbrote. Gut so.“

erschienen in Ausgabe 12 / 2016: Energie für alle

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