Konzernatlas 2017

Von Landraub und Terminator-Tieren

Ein neuer Atlas wirft einen kritischen Blick auf die globale Agrar- und Lebensmittelindustrie. Er ist anschaulich und informativ – aber oft einseitig.

Am Anfang steht die Warnung vor der Macht der Konzerne. Die  globale Lebensmittelindustrie werde von immer weniger Firmen kontrolliert, heißt es im Vorwort des Atlanten. Das sorge für ungleiche Machtverhältnisse gegenüber Bauern und Arbeitern, zugleich torpedierten die Unternehmen politische Regeln, die den Schutz von Menschen und Umwelt garantieren sollten. Nur wer die Geschäftsmodelle und Wachstumsstrategien der Firmen durchschaue, könne erfolgreich dagegen vorgehen. Dabei helfen soll der 52-Seiten starke Konzernatlas, der gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Oxfam, der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch herausgegeben worden ist.

Der Atlas beschreibt in 20 Kapiteln verschiedene Aspekte der Lebensmittelindustrie, ergänzt mit Grafiken und Schaubildern. Gleich zu Beginn wird mit der Vorstellung aufgeräumt, dass die Großkonzerne nur aus dem globalen Norden stammen. In vielen Schwellenländern haben einheimische Unternehmen maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Dazu zählt der singapurische Konzern Wilmar, der weltweit Palmölplantagen bewirtschaftet und unter der Führung des Milliardärs Robert Kuok zum größten Hersteller von Speiseöl aufgestiegen ist. Bei der Produktion von Zucker und Soja dominieren dagegen Konzerne aus Argentinien und Brasilien. Die Unternehmen,  oft in Familienhand, arbeiteten intransparent, führten die Plantagen oft nach kolonialem Muster und seien für Landraub verantwortlich, kritisiert Autor Benjamin Luig.

Auch ein Thema: Der erfolgreiche Kampf gegen die Privatisierung der kommunalen Wasserversorgung.
Heike Moldenhauer und Saskia Hirtz vom BUND werfen einen kritischen Blick auf die Fusion von Bayer und Monsanto zum größten Akteur der Branche. Sie befürchten vor allem einen wachsenden Einfluss auf die europäische Gesetzgebung – und damit die Zulassung von gentechnisch verändertem Saatgut. 

Die zweite Hälfte des Bandes beleuchtet den internationalen Handel mit Lebensmitteln. Spätestens hier wird deutlich, dass es den Herausgebern nicht nur um nüchterne Daten und Fakten geht, wie es im Untertitel des Atlanten heißt. Der Beitrag „In Ketten gelegt“ etwa beschreibt, wie die Supermarkt-Revolution auch die Länder des Südens erreicht und dort Kleinbauern und Lieferanten in die Abhängigkeit treibt. Dass die Supermärkte effizientere Lieferwege und Kühlketten aufbauen und damit zur Ernährungssicherung beitragen, wird nicht erwähnt. Für einen Atlas der eine Debatte anstoßen will, hätte man sich etwas mehr Ausgewogenheit gewünscht.

Überaschendes erfährt man trotzdem: Etwa, wie weit die Forschung bei der gentechnischen Veränderung von Nutztieren inzwischen ist. Der Tierarzt und Aktivist Christoph Then erklärt, wie eine US-amerikanische Firma mit „Terminator-Tieren“ experimentiert, die mehr Fleisch und Milch produzieren, aber nicht mehr geschlechtsreif werden. Noch führe das Gen-Editing häufig zu Fehlbildungen oder Organschäden. Doch früher oder später, so die Prognose des Autors, könnten nur noch gegen Seuchen resistente Gentechnikschweine in deutschen Mastställen stehen.   

Konzernatlas

Die Alternativen sehen die Autoren in einer bäuerlichen Landwirtschaft, die an lokale Ökosysteme angepasst ist. Ein neues Verhältnis  zwischen Produzenten und Verbrauchern spiele ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Bewegung der Solidarischen Landwirtschaft erfahre großen Zulauf. Die Gemeinschaften, bei denen Hersteller und Konsumenten gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb planten, versorgten in Europa inzwischen eine halbe Million Menschen. Ganz ohne Einfluss der Konzerne.

Neuen Kommentar schreiben