Rafael Correa

Mit ihren Stimmen wird er gewinnen: Indigene unterstützen Rafael Correa 2006 im Wahlkampf in Zumbahua.

Rafael Correa

Doch keiner von uns

Indigene haben Rafael Correa 2006 an die Macht gebracht. Inzwischen haben sich viele enttäuscht von Ecuadors Präsident abgewandt.

Eine Mischung aus Wildwest und High Tech mitten im Dschungel – so wirkt auf den ersten Blick die Stadt Coca im ecuadorianischen Amazonasregenwald. Hier im Herzen der Erdölfördergebiete des Andenstaates boomt die Wirtschaft seit einigen Jahren. Die Quadratmeterpreise für Häuser und Wohnungen sind explodiert und haben sogar die der Hauptstadt Quito überholt. Hotels, Häuser, Bordelle, Restaurants und moderne Industrieanlagen haben sich immer tiefer in den Regenwald gefressen.

Alle Großen der Erdölbranche sind vertreten – von Halliburton über Baker Hughes und dem chinesischen Staatskonzern CNPC bis zur nationalen Erdölfirma Petroamazonas. Rohstoffe sollen die Modernisierung Ecuadors vorantreiben, das zumindest ist die Idee des scheidenden Präsidenten Rafael Correa, der bei den Wahlen im Februar nicht mehr angetreten ist. Mit den Deviseneinnahmen, die ein Viertel des Haushalts stellen, hat er in den vergangenen zehn Jahren Straßen, Hospitäler, Schulen und sogar eine Art ecuadorianisches „Silicon Valley“ gebaut und Sozialprogramme aufgelegt.

Ist es das, was die Verfassung von 2008 unter dem Recht auf ein „gutes Leben“ in einem „plurinationalen Staat“ versteht? Correa antwortet „Ja“, die meisten Indigenen hingegen sagen „Nein“. Die Frage hat einen Keil zwischen die Regierung und die indigenen Völker des Landes getrieben. Dabei zählten sie zu den wichtigsten Unterstützern Correas: 2006 hatten sie dem Außenseiter zum Wahlsieg verholfen. Die Allianz zwischen beiden zerbrach endgültig, als der Präsident den Vorschlag zu den Akten legte, das Erdöl im Yasuní-Nationalpark am Amazonas im Boden zu lassen. Inzwischen ist der Park in Förderblocks unterteilt, Kritiker dieser Entwicklung tat Correa als „infantile Romantiker“ ab.

Wo bleibt der Respekt vor der Natur?

Der Traum der Indigenen nach der Wahl Correas sei längst zum Albtraum geworden, sagt Carlos Pérez von der Indigenen-Organisation Ecuarunari aus dem Süden des Landes. Keine andere Regierung habe so viele Erdölkonzessionen vergeben. „Wo bleibt da der Respekt vor der Natur, wie ihn die Verfassung verlangt?“ Der Abbau von Rohstoffen und die damit einhergehenden Umweltschäden sind ein ständiger Konfliktherd. Erst vor kurzem gab es gewaltsame Zusammenstöße zwischen dem Militär und Shuar-Indigenas, die sich gegen Schürfkonzessionen für einen chinesischen Bergbaukonzern auf ihrem Stammesland zur Wehr setzten. Pérez ist schon mehrfach bei Protesten festgenommen worden: „Diese Regierung verfolgt alle, die auch nur ansatzweise nach Selbstverwaltung, traditioneller Bildung oder Justiz streben, weil das für Correa hinterwäldlerisch ist und dem Fortschritt im Weg steht“, kritisiert der 47-Jährige.

Ganz anders sieht das Carlos Viteri vom Volk der Kichwa und einer der prominentesten indigenen Unterstützer Correas: „Die indigenen Organisationen sind von einer radikalen Gruppe unterwandert worden. Sie wird von NGOs finanziert, die den ‚guten Wilden‘ bewahren wollen“, entgegnet er. „Wir haben immer für bessere Lebensbedingungen, für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur gekämpft. Und das kann nur der Staat gewährleisten.“ Bergbau und Erdölförderung sind für Viteri legitime Finanzierungsmittel. Die Ressourcen gehören laut Verfassung dem Staat, der vor dem Abbau die Völker konsultieren muss. Ständig gibt es Streit, wie diese Konsultationen abzulaufen haben.

Wie sieht vor Ort die Bilanz von zehn Jahren Correa für die Indigenen aus? Entlang der staubigen Piste, die von Coca in die Kichwa-Gemeinde Huataraco führt, hat die Regierung die Nase vorn. „Erdöl verbessert deine Gemeinde“ steht auf den schon etwas angerosteten Werbeschildern. Blaue Plastik-Klohäuschen unterstreichen die Botschaft. Aufgestellt wurden sie von Ecuador Estratégico, der 2011 gegründeten Regierungseinheit, die das in der Verfassung versprochene „gute Leben“ verwirklichen soll.

Hat der Erdölboom im Amazonas seit den 1970er Jahren den Indigenen außer Schildern und Klohäuschen noch etwas gebracht? „Nun ja“, sagt Milton Alvarado und überlegt: „Meine elf Kinder konnten alle zur Schule gehen“, fällt dem 47-Jährigen aus Huataraco dazu ein. Die Schule ist ein einfacher, aber ansprechender Betonbau, ausgestattet mit Computern, von denen die meisten allerdings wegen der Feuchtigkeit das Zeitliche gesegnet haben. Die Dorfjugend ist längst mobil und damit beschäftigt, den ausländischen Besuch mit Handykameras zu knipsen.

Dieser Fortschritt hat allerdings seinen Preis: „Wir haben unseren Zusammenhalt verloren, unsere Gebräuche, die traditionelle Kleidung“, klagt Alvarado mit einem Seitenblick auf die Jugendlichen. Nicht alle im Ort haben Jobs bei der Erdölfirma bekommen, das habe Zwietracht gesät. „Und heute schaut jeder erst einmal mal nach sich selbst, das Gemeinschaftsleben verkümmert.“

Früher hat der brasilianische Staatskonzern Petrobras in Huataraco Öl gefördert. Er hat die Schule bezahlt, ebenso einen Gesundheitsposten und die Straße in den Ort. Ein Kleinbus brachte die Kinder zur weiterführenden Schule. Doch dann lief die Konzession aus und ging zurück an den ecuadorianischen Staat. Seither gibt es keinen Bus mehr und keine weiteren Investitionen in soziale Dienste oder Infrastruktur. Die Erdölpreise sind gefallen, die Unternehmen haben Personal abgebaut. Auch Milton Alvarado, der vier Jahre lang Hilfsarbeiter bei Petrobras war, hat seinen Job verloren. Er versucht nun, seine brachliegenden zwei Hektar Land wieder zu bebauen.

Die Zeit für Kinder ist wichtiger als der Profit durch Erdöl: Franco Viteri hat in Sarayaku einen Kreisel für seinen Sohn geschnitzt. Sandra Weiss
FDas ist nicht einfach, die Kaffeesträucher sind alt und leiden unter Kaffeerost. „Das Wasser ist vom Erdöl verseucht, und das Gas der Bohrtürme verschmutzt die Luft und stört die Blüte“, sagt Alvarado. Von Zeit zu Zeit schickt die Regierung Agrarfachleute vorbei, die Kurse abhalten, Dünger und Pestizide verteilen und dann wieder gehen. Alvarado bekommt Sozialhilfe und hält sich gerade so über Wasser. Seine Kinder sehen in Huataraco keine Zukunft, die ältesten sind schon in die Stadt gegangen. Doch auch dort, in Coca, gibt es kaum noch Jobs. Wie alle Wirtschaftsbooms im Amazonas seit dem Kautschuk hat auch dieser seinen Niedergang erlebt. Seit dem Absturz der Erdölpreise im Jahr 2014 stehen viele Häuser leer.

Mit der Wirtschaft gehe es auf und ab, „aber die Indigenen bleiben und müssen weiter von und mit dem Urwald leben“, sagt Priester Juan Carlos Andueza, der seit mehr als zehn Jahren im Amazonas lebt. Moderne Errungenschaften helfen nur bedingt – auch wenn sich das meist erst im Nachhinein herausstellt. Andueza deutet auf das moderne Blechdach der Holzkirche: Ein Geschenk der Erdölfirma. Doch das ist nur auf den ersten Blick ein Fortschritt im Vergleich zu den herkömmlichen Dächern aus Palmblättern: „Wenn die Sonne scheint, wird es innen brütend heiß, und wenn es regnet, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr“, schimpft der Kapuziner, dessen Arbeit vom katholischen Hilfswerk Adveniat unterstützt wird.

Die Verbindung von Moderne und indigener Tradition kann jedoch auch gelingen. Voraussetzung dafür ist, dass die Selbstverwaltung der Indigenen stark genug ist, um sich gegen die Bevormundung durch Staat und Firmen zu wehren. Und dass Unterstützung von außen auf weitsichtige indigene Führungspersönlichkeiten mit Kenntnis der westlichen Welt und Denkweise trifft. Das Kichwa-Dorf Sarayaku ist so ein Fall. Während der fünfstündigen Einbaumfahrt dorthin kommt man an einigen

Prozess gegen den Staat gewonnen

„Errungenschaften der Moderne“ vorbei, einer von der Regierung errichteten Anlegestelle aus Beton etwa. Hochwasser hat den Steg unterspült und die Pfeiler weggerissen. „Der ist unbrauchbar“, kommentiert Bootsmann Eriberto Gualinga trocken. In seiner Heimat Sarayaku legt man wie eh und je am schlammigen Ufer an. Dafür gibt es hier Satelliten-Internet und Strom aus Solarzellen. „Wir entscheiden gemeinsam, was für uns wichtig ist“, sagt Franco Viteri, während er einen hölzernen Kreisel für seinen zweijährigen Sohn schnitzt. Zeit für die Kinder, gemeinsam spielen, jagen, fischen, sauberes Wasser, eine zweisprachige, interkulturelle Bildung und nicht zuletzt der Morgentee seien wichtig für das Überleben des Volkes von Sarayaku, sagt der 43-Jährige, der drei Jahre lang Vorsitzender der Konföderation der Amazonasvölker war. Erdöl gehört für ihn nicht dazu.

Autorin

Sandra Weiss

ist Politologin und freie Journalistin in Mexiko-Stadt. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Rundfunksender aus Lateinamerika. Ihr Spezialgebiet sind Sozialreportagen.
Deshalb haben es die blauen Plastikklos von Präsident Correa auch nicht bis nach Sarayaku geschafft. Dafür gibt es eine Gemeinschaftsbank und eine eigene kleine Fluglinie. Das Geld dafür stammt aus der staatlichen Entschädigung in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar, die der Interamerikanische Gerichtshof den rund 1200 Einwohnern von Sarayaku 2012 in einem Urteil zugesprochen hat. Sie sind die ersten und bisher einzigen Indigenen, die einen Prozess gegen den ecuadorianischen Staat gewonnen haben: Die Regierung hatte Förderkonzessionen auf ihrem Stammesland vergeben, ohne sie zu konsultieren. Das war vor Correas Amtszeit. Er akzeptierte das Urteil, doch glücklich war er damit nicht. Sarayaku werde von Umweltorganisationen manipuliert, erklärte er später. Dass die Einwohner, die sich „Hüter des Waldes“ nennen, unterdrückt und diskriminiert worden seien, mache sie nicht automatisch zu einem Maßstab für „gutes Leben“.

„Correa ist kein schlechter Mensch, aber er versteht unsere Lebensphilosophie nicht“, sagt Franco Viteri. Der Präsident habe das Konzept des „guten Lebens“ verfälscht und in die Konsumgesellschaft transportiert. Mit Frieden und Harmonie mit der Natur und den Mitmenschen habe die Ausbeutung von Rohstoffen durch multinationale Firmen nichts zu tun. Es gehe um Interessen, Geld und Privilegien – all das sei mit der Realität des Regenwalds nicht vereinbar. Hier gebe die Natur den Rhythmus vor, und die Menschen seien auf Zusammenarbeit angewiesen, um zu überleben, sagt Viteri.

Viteri kritisiert den Zentralismus der Regierung: „Der widerspricht unserer Organisation von unten nach oben und der Idee vom plurinationalen Staat.“ Zugleich räumt er Fehler der Indigenen ein. Sie hätten es nicht verstanden, sich politisch schlüssig zu artikulieren, sagt er – und ist dann gar nicht so weit entfernt von seinem Vetter, dem Correa-Fan Carlos Viteri. Der wirft den Indigenen vor, sie hätten sich in Grabenkämpfen aufgerieben. „Manche Anführer halten die Opposition gegen jede Regierung für einen Selbstzweck. Das Ziel muss aber immer sein, unsere Rechte und Lebensbedingungen zu verbessern. Auf diesem Weg sind wir ein Stück vorangekommen unter Correa, aber längst noch nicht am Ziel.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2017: Indigene Völker: Eingeboren und ausgegrenzt

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