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Was Stiftungen für Entwicklung leisten

Deutsche Stiftungen setzen ihr Vermögen zunehmend für Zwecke der Entwicklungszusammenarbeit ein. Dem Staat ist das recht, weil er mehr Partner in der Privatwirtschaft sucht. Das meiste Stiftungsgeld kommt aus den USA.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen hat in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsministerium (BMZ) herausgefunden, dass 1766 oder 5,7 Prozent der mehr als 20.000 deutschen Stiftungen sich unmittelbar oder mittelbar mit Entwicklungszusammenarbeit (EZ) beschäftigen. Die Mehrzahl fördert Projekte finanziell, weniger als 13 Prozent arbeiten selbst vor Ort.

Die internationale Vernetzung von Stiftungen sollte selbstverständlicher werden und sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen orientieren, sagt Generalsekretär Felix Oldenburg. Vor allem unter Neugründungen steigt die Zahl der Stiftungen, die den Zweck der Entwicklungszusammenarbeit in ihre Satzung schreiben.

Der Staat ist an mehr Engagement interessiert, weil er sich von Stiftungen mit meist unternehmerischem Hintergrund den Transfer von fachlicher Expertise verspricht. Minister Gerd Müller lobte sie als Impulsgeber, Innovationsförderer, Finanzier und Projektträger. Als Modell nennt er gern eine Partnerschaft fränkischer und tansanischer Kliniken zur Behandlung von Klumpfüßen – kofinanziert vom Bund und der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.

EZ-Scouts sollen beraten

Das Beispiel zeigt aber auch, dass Stiftungen ihrerseits um öffentliche Unterstützung werben. Sie verwalten zwar ein milliardenschweres Gesamtvermögen, leiden in der Niedrigzinsphase aber unter geringeren Renditen. Zunächst sollen ab Mai vier „EZ-Scouts für Stiftungen und Philanthropen“ aus dem BMZ in der Bundeszentrale mögliche Hilfsprojekte ausmachen und koordinieren. Der Verband erhofft sich davon, manche Hürden für die internationale Tätigkeit abzubauen. Zudem will das Ministerium eine Servicestelle einrichten, um den Austausch zu fördern und Projekte zu bündeln. Zum Austausch mit den Regierungen der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) haben deutsche Stiftungen im Jahr der deutschen G20-Präsidentschaft eine „Foundations-20“-Plattform initiiert.

Wie viel deutsches Stiftergeld in die Entwicklungszusammenarbeit fließt, geht aus dem unlängst in Berlin veröffentlichten Bericht „Wie Stiftungen weltweit wirken“ nicht hervor. Im internationalen Vergleich spielt Deutschland sicher nur eine untergeordnete Rolle. Selbst ganz Europa stellt nur 19 Prozent der weltweiten Mittel für internationale Zusammenarbeit, die jährlich rund 6,5 Mrd. Dollar erreichen.

Keine Deutschen unter fünf größten Stiftungen

Laut Schätzungen für das Jahr 2010 kamen zwei Drittel entwicklungspolitischer Stiftungsgelder aus den USA. Bevorzugte Ziele waren früher Länder mittleren Einkommens wie Brasilien, China, Indien oder Südafrika. Tansania empfing 2012 laut einer Studie ungefähr 45 Millionen Dollar, was etwa der Entwicklungshilfe Finnlands oder Irlands für das ostafrikanische Land entspricht.

Mit dem wachsenden Stellenwert privater Mittel in der Entwicklungszusammenarbeit erfasst die Industriestaatenorganisation OECD nun auch die Kassen von Philanthropen. Demnach flossen von 2013 bis 2015 zusammen 19,5 Milliarden Dollar direkt in Länder oder über multilaterale Organisationen, nichtstaatliche Hilfswerke und Forschungsinstitute. Größter Nutznießer war Indien. Sechs der Top-Ten-Empfänger sind inzwischen die afrikanischen Länder Niger, Äthiopien, Südafrika, Kenia, Tansania und Uganda. Sie kamen zusammen auf 2,4 Mrd. Dollar.

Absolut dominant ist die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die 2013 bis 2015 laut OECD 11,6 Milliarden Dollar gespendet hat, hauptsächlich für Gesundheit und Bildung. Nummer zwei ist die britische Children’s Investment Fund Foundation (CIFF), gefolgt von der Dutch Postcode Lottery, der Ford Foundation und der IKEA-Stiftung.

Ihre Vorteile gegenüber staatlichem Handeln sehen Stiftungen darin, dass sie ungebunden von Regierungsverhandlungen eigene Schwerpunkte setzen können, unabhängig von Drei-Jahres-Zyklen öffentlicher Fördermittel näher am Menschen arbeiten und schneller neue Kooperationsansätze ausprobieren könnten. Heike Spielmans, Geschäftsführerin des Dachverbands Venro betont zudem, Stiftungen „können auch in Länder gehen, wo es wehtut“ – in autokratisch regierte Staaten etwa, mit denen Regierungszusammenarbeit nicht möglich sei.

erschienen in Ausgabe 6 / 2017: G20: Deutschland übernimmt

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